Titelbild eines Buches

Martin Frieß (Hrsg.): Steinhaus, Rittergut und Adelssitz. Burgen und Schlösser im Landkreis Calw.

(Schriften zur Geschichte des Kreises Calw, Band 1). Jan Thorbecke Verlag Ostfildern 2020. 288 Seiten mit vielen, meist farbigen Abbildungen. Gebunden € 25,–. ISBN 978-3-7995-1495-8

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Eingangs prangt links vom Vorwort des Herausgebers ganzseitig das Foto eines der prächtigsten Zeugen des Burgenbaus im Lande: die gigantische, wehrhafte, die fünf Stock hohen historischen Häuser davor noch weit überragende spätstauferzeitliche Schildmauer der Burg Berneck bei Altensteig, mit Wehrgang und den beiden Kampfhäusern (des 14. Jahrhunderts). Ein wahrhaft beeindruckendes Bild. Wer es nicht schon einmal mit eigenen Augen gesehen hat, will kaum glauben, dass sich im Nordschwarzwald ein solch beeindruckendes Zeugnis mittelalterlicher Wehrarchitektur erhalten hat.

Die Burgenlandschaft des Kreises Calw hat publizistisch jahrzehntelang ein eher randständiges Dasein gefristet. Das ist umso erstaunlicher, als der Kreis mit gar nicht wenigen eindrücklichen Burgen und Schlössern gesegnet ist. Man denke an die Burg Liebenzell, die Burgen Zavelstein und Hornberg, Hohennagold, die Burg Waldeck bei Stammheim oder das Stadtschloss von wieder Altensteig, nicht zu vergessen die Ruine des Renaissance-Jagdschlosses der Herzöge von Württemberg im ehemaligen Kloster Hirsau. Hinzu kommen die vielen Turmreste, Wehrkirchenanlagen oder einfachen Burgställe, wo nur noch rudimentäre Reste von alter Burgenherrlichkeit zeugen – sofern diese Burgen überhaupt je herrlich und nicht eher recht bescheidene Sitze kleiner und abhängiger Herren waren. Von den 77 behandelten Anlagen, darunter auch drei vorgeschichtliche, sind 53 als hinreichend gesichert zu betrachten, 24 hingegen jedoch sind nicht sicher belegt, etwa nur durch Flurnamen oder Erwähnung in schriftlichen Quellen, ohne dass man sie lokalisieren könnte.

Kreisarchivar Martin Frieß hat das Projekt der Burgensammlung und Burgenbeschreibung des Kreises Calw koordiniert; von ihm stammen auch die meisten der den Anlagen beigefügten historischen Abrisse. Die archäologischen und architekturhistorischen Beschreibungen, mithin den Kern der Veröffentlichung verfasste bis auf wenige Ausnahmen der Vor- und Frühgeschichtler Christoph Morrissey, der wohl zudem die meisten der Anlagen aufgesucht und persönlich in Augenschein genommen hat, wie es nicht zuletzt das Abbildungsverzeichnis des Bandes ausweist. Bei 77 behandelten Objekten bedeutete dies einen nicht unbedeutenden Zeitaufwand. Leider sind die einzelnen Beschreibungen nicht näher namentlich gekennzeichnet, wodurch der Anteil weiterer, summarisch genannter Mitarbeiter im Dunkeln bleibt: Folke Damminger, Hellmut J. Gebauer, Uwe Meyerdirks, Timm Rath, Horst Roller, Dietmar Waidelich und Hartmut Würfele. Sie seien genannt, denn das Werk hat viele Meister.

Von Jiri Hönes stammt ein interessanter kurzer Beitrag zum »Verhältnis von Burg und Sage«, der darauf aufmerksam macht, dass vieles von dem, was wir heute als »Volkssage« oder »Volksgut« wahrnehmen, in Wirklichkeit Produkte bildungsbürgerlicher Sammler und Autoren des 19. Jahrhunderts seit der Romantik sind. Vielen Lesern wird das neu sein. Der Beschreibung jeder Anlage ist übrigens ein Passus beigefügt, der auf Sagen zum jeweiligen Ort eingeht. Von Christoph Morrissey wiederum stammt das kurz gefasste und weil übersichtsartig formuliert sehr lesenswerte Kapitel zur einerseits historischen Entwicklung des Burgen- und Schlossbaus von den Karolingern bis in den Barock und andererseits zu den in den Anlagen sich widerspiegelnden ganz unterschiedlichen Nutzungen vom Wohnsitz bis zum Amtshaus – wobei die Wehrhaftigkeit der Anlagen ein ganz besonderes Anliegen der Erbauer gewesen zu sein scheint.

Muss man noch erwähnen, dass der Band üppig und vorbildlich ausgestattet und bearbeitet ist? Ein zeitgenössisches Foto – oft sind es sogar mehrere – darf bei keiner Anlage fehlen. Fast immer werden die Fotos ergänzt von historischen Darstellungen, alten und neueren Plänen und Karten. Alles in allem sind es wohl mehr als 500 Abbildungen, die den Band bereichern, dazu eine Übersichtskarte zur Lage der Burgen und Schlösser. Ein Glossar, das vielleicht ausführlicher hätte ausfallen können, klärt historische Begriffe von »Abort« bis »Zwinger«; die eingangs genannten »Kampfhäuser« der Burg Berneck finden sich aber dort nicht. Im Kapitel zu dieser Burg werden sie »Schießhäuser« genannt, was die Sache nur mäßig erhellender gestaltet. Das sehr ausführliche Namens- und Ortsregister erleichtert die Recherche im Buch ungemein. Das Literaturverzeichnis ist eher bescheiden ausgefallen und in seiner Auswahl nicht ganz nachvollziehbar. Offenbar wurden vor allem Übersichtswerke berücksichtigt. Freilich ist seine Bedeutung für den Band aber eher nachgeordnet, ist doch der Beschreibung einer jeden Anlage ein detailliertes Literatur- und Quellenverzeichnis angefügt.

Rundherum also ein lesenswertes und die württembergische Landeskunde wie jeden interessierten Leser bereicherndes Buch, dem in Zeiten wiedererwachenden Interesses von Landesgeschichte und Touristik an Burgen eine weite Verbreitung zu wünschen ist. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass das Buch aufgrund der großzügigen Unterstützung der Sparkasse Pforzheim zu einem erfreulich leserfreundlichen Preis angeboten werden kann.

Raimund Waibel

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