Titelbild eines Buches

Naomi Feuchtwanger-Sarig: Thy Father’s Instruction. Reading the Nuremberg Miscellany as Jewish Cultural History

(Studia Judiaca. Forschungen zur Wissenschaft des Judentums, Bd.79; Rethinking Diaspora, Bd.2). De Gruyter Verlag Berlin/Boston 2022. 615 Seiten mit 257 farbigen Abbildungen. Gebunden 149,95 €. ISBN 978-3-11-035421-8

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Jüdische Geschichte der Frühen Neuzeit fand lange Zeit wenig Beachtung. Nicht selten wurde sie als irrelevante Übergangszeit nach den Austreibungen aus den Städten und großen Territorien betrachtet, ihr der Charakter einer eigenen Epoche abgesprochen. Erst in letzter Zeit wird wahrgenommen, dass jüdisches Leben im 16. und 17. Jahrhundert eigenständige neue Erscheinungsformen entwickelte. Nicht zuletzt entstand in dieser Zeit das sogenannte Landjudentum, eine Lebensform, die die »Judendörfer« in Süd- und Südwestdeutschland bis ins späte 19. Jahrhundert prägte. In der unsicheren Anfangszeit, in der die atomisierten jüdischen Niederlassungen in den niederadligen Territorien noch lange von erneuten Vertreibungen bedroht waren, sind weniger kulturelle Artefakte entstanden als in der urbanen jüdischen Kultur des Mittelalters. Verglichen mit den kostbar illuminierten jüdischen Handschriften des späten Mittelalters mag die bescheidene Handschriftenkultur der frühen Moderne verständlich machen, dass das 16. und 17. Jahrhundert oft als Zeit des Niedergangs und Verfalls beschrieben wurde. Umso kostbarer sind die seltenen Handschriften aus dieser Zeit. Zu ihnen gehört die Nürnberger Miszelle von 1589. Seit Stefan Rohrbacher in den 1980er-Jahren seine Essays zum südwestdeutschen Landjudentum mit Abbildungen aus dieser Handschrift illustrierte, dienen die detailreichen Illuminationen dieser hebräischen Handschrift aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (80 HS 7058) immer wieder zur Illustration von Abhandlungen zur jüdischen Geschichte in der Frühen Neuzeit. Aber bislang waren weder der vollständige Text noch die Entstehungsgeschichte der Handschrift und schon gar nicht ihr Adressat bekannt. Lediglich eine später angefügte Besitzerinschrift ließ sie geografisch verorten, und zwar in Schwaben, in der Markgrafschaft Burgau, also in dem heutigen Regierungsbezirk Bayerisch Schwaben.

Umso verdienstvoller ist es, dass die renommierte israelische Kunsthistorikerin Naomi Feuchtwanger-Sarig sich nun der Handschrift angenommen hat. Mit kunsthistorischer Akribie und stupender Kenntnis der visuellen jüdischen Kultur analysiert sie die 64 Pergamentseiten im Folioformat auf 430 Seiten. Nach einer Skizze des historischen und kunsthistorischen Hintergrunds, der von den neuen Machtzentren der Renaissance, der Reformation und der neuen Technik des Buchdrucks geprägt wurde, und an dem Juden, ungeachtet der ihnen auferlegten Repressionen, immer Anteil an der Mehrheitskultur hatten, diskutiert die Autorin den formalen und inhaltlichen Aufbau der Handschrift. Diese erweist sich weder als ein Machsor, also ein Gebetbuch für die Feiertage, noch als ein Minhag-Buch, das die lokalen Bräuche tradiert. Sie entspricht auch nicht anderen, im 16. Jahrhundert trotz des rasch in jüdischen Kreisen verbreiteten Buchdrucks noch handgeschriebenen Textgenres wie Mohelbücher oder den Techines für Frauen. Die Nürnberger Miszelle ist vielmehr eine einzigartige Zusammenstellung von Texten und Illustrationen. Die Kompilation enthält moralische Lehrgeschichten und Biblische Geschichten wie den Besuch der drei Engel bei Abraham oder Judiths Triumph über Holofernes, aber auch Szenen aus dem Jahreskreiszyklus oder aus dem Lebenszyklus wie »Hollekreisch«, Beschneidung und Hochzeit. Schmuckbuchstaben und Miniaturillustrationen, etwa eine Sanduhr, ein Eichhörnchen oder Kiddusch-Becher vervollständigen den Kanon. Allein die vielen abgebildeten Ritualobjekte sind eine Fundgrube für Kulturhistoriker.

Die Illustrationen sind eher ungeübt, stammen wohl vom Schreiber selbst, zeigen aber eine große Vertrautheit mit der umgebenden (christlichen) Mehrheitskultur. Alles in allem erlauben sie einen tiefen Einblick in das sonst so rar überlieferte Alltagsleben von süddeutschen Juden in der Frühen Neuzeit. Doch damit gibt sich Feuchtwanger-Sarig nicht zufrieden. Illustration für Illustration unterzieht sie einer sorgsamen ikonografischen Analyse, um sich dem Schreiber wie den Adressaten anzunähern. Dabei ist die Bandbreite ihrer Referenzobjekte frappierend und wohl nur verständlich, wenn man weiß, dass die Autorin als Enkelin von Dr. Heinrich Feuchtwanger aufwuchs, dem großen Sammler jüdischer Kultur Süddeutschlands in der Zwischenkriegszeit. Heute ist seine Sammlung Bestandteil der Dauerausstellung des Israel Museums in Jerusalem. Allein diese zahlreichen Beispiele und die qualitativ hervorragenden Fotografien machen die Lektüre zu einem Vergnügen. 160 Abbildungen später fügen sich die klugen, detailreichen Beobachtungen und belesenen Querverweise faktenreich abgesichert zu der Erkenntnis, dass die Nürnberger Miszelle, ein Meisterwerk der jüdischen visuellen Kunst, von einem wohlhabenden, gelehrten Mitglied der in der Markgrafschaft Burgau führenden jüdischen Familie Ulma-Günzburg stammt oder zumindest von ihr in Auftrag gegeben wurde, und für einen heranwachsenden Knaben oder jungen Mann gedacht war – das Geschenk eines Vaters an seinen Sohn, möglicherweise zu dessen Hochzeit.

Die Edition der Handschrift, ein hilfreicher Index und ein Glossar beschließen den sorgfältig lektorierten Band, dessen einziges Manko ist, dass er (noch?) nicht in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Benigna Schönhagen

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