Aly Götz u. a. (Hrsg.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden ...

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Aly Götz u. a. (Hrsg.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden ...

... durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945.

Titelblatt

Band 1: Deutsches Reich 1933 - 1937 bearb. von Wolf Gruner. R. Oldenbourg Verlag München 2008. 811 Seiten. Leinen  59,80. ISBN 978-3-486-58480-6

Dieses Buch eröffnet eine auf 16 Bände angelegte Reihe, in der innerhalb der nächsten zehn Jahre zum Thema Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 bis 1945 eine thematisch umfassende, wissenschaftlich fundierte Auswahl von Schriftquellen vorgelegt werden soll. Die Bände werden nach zeitlichen und räumlichen Gesichtspunkten gegliedert. Unter Verzicht auf Fotografien, weil sie allenfalls Ereignisse, nicht aber Entwicklungen und Motive von Entscheidungen und Handlungen dokumentieren, sollen ausschließlich authentische Zeugnisse der Verfolger und der Opfer zu Wort kommen. Lebenserinnerungen, Berichte, juristische Unterlagen oder Akten aus der Zeit nach 1945 bleiben in der Edition außen vor, doch fließen sie in die Kommentierung mit ein.

Zumindest in diesem ersten Band wird deutlich, dass die Herausgeber nicht nur hohe Ansprüche an sich und ihr Werk stellen, sondern ihnen auch gerecht werden. Schon die Einleitung (Seite 13-50), in der die Geschichte des christlich-jüdischen Zusammenlebens von der Emanzipation bis zur NS-Herrschaft in Deutschland sowie die Grundzüge der antisemitischen Staatspolitik von 1933 bis 1937 aufgezeigt werden, ist der Griff zu diesem Buch wert. Präzise und souverän fasst Wolf Gruner zusammen, zeigt wissenschaftlich fundiert die großen Entwicklungslinien auf, ohne sich im Detail zu verheddern.

Die Edition selbst (Seite 65-762) umfasst 320 Dokumente - Zeitungsartikel und Berichte, Gesetze und Erlasse, Tagbuchnotizen und Briefe, Solidaritätsbekundungen und Boykottaufrufe -, die knapp, aber sehr sorgfältig kommentiert werden. In Fußnoten werden die Entstehungsumstände des Dokumentes sowie sachliche und personelle Zusammenhänge erläutert. Zu den Personen - Absender, Adressaten oder im Text genannte Personen - gibt es biografische Daten. Die chronologisch angeordneten Dokumente halten die verschiedensten Äußerungen zur Judenpolitik fest: seien sie, so schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort, mitfühlend, hilfreich, gleichgültig, hämisch oder unverhohlen auf Mord gerichtet; seien sie - auf der Seite der Verfolgten - gutgläubig, ratlos, verängstigt, entschlossen oder verzweifelt. So unspektakulär die meisten Zeugnisse sind, so entfalten sie doch eine große Kraft, nehmen den Leser zur Hand, vermitteln ihm vielstimmig einen direkten, intensiven, äußerst anschaulichen Eindruck der 1933 beginnenden und sich langsam steigernden Politik der Einschüchterung durch Boykotte und einen gewalttätigen Antisemitismus der Straße. Ihnen folgten die ersten antisemitischen Gesetze, die sich zunächst gegen jüdische Angehörige einzelner Berufsgruppen richteten, dann alle umfassten. Deutlich wird für den Zeitraum von 1933 bis 1937 ein tückisches Wechselspiel zwischen willkürlicher Gewalt und vorübergehender Mäßigung, das zunehmend auf die Ausgrenzung und gesetzliche Entrechtung der Deutschen jüdischer Religion oder Abstammung zielte.

Zeigt sich im ersten Dokument die Jüdische Rundschau in ihrem Leitartikel zur Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler am 31. Januar 1933 selbstbewusst, ja kämpferisch: Wir sind überzeugt, dass auch im deutschen Volk die Kräfte noch wach sind, die sich gegen eine barbarische antijüdische Politik wenden würden. (...) Es ist selbstverständlich, daß das deutsche Judentum sich gegen jeden Versuch der formalen und tatsächlichen Entrechtung und Depossedierung mit allen Mitteln und aller Energie zur Wehr setzen wird. So wird doch bald deutlich, dass die Hoffnung täuschte. Im Dokument 31 wird am 25. April 1933 aus Stuttgart berichtet: Ein junger Kaufmann von 31 Jahren, begeisterter Anhänger des deutschen Turn- und Sportwesens und Riegenführer eines Turnvereins, in geordneten Verhältnissen lebend, hat sich erschossen. Unter seinen Papieren fand man angestrichen eine Pressenotiz über den Beschluß der deutschen Turnerschaft, den Arierparagraphen einzuführen, und außerdem folgenden an seine Freunde gerichteten Brief: [...So] versuche ich durch meinen Freitod, meine christlichen Freunde aufzurütteln. Wie viel lieber hätte ich mein Leben für mein Vaterland gegeben!

Dass die Ausgrenzung bald alle Bereiche umfassen wird, verdeutlicht beispielsweise das Dokument 45, in dem die Polnische Gesandtschaft am 22. Mai 1933 gegen Angriffe auf polnische Staatsangehörige in Deutschland protestiert. Darin wird unter anderem berichtet, dass auf Veranlassung des Vereins württembergischer Schuhhändler Jakob Plawner sein Schuhhaus Neckar in Bad Cannstatt ebenso schließen musste wie Peter Gold seine Geschäfte in Esslingen, Göppingen und Kirchheim. Als Beispiel dienen kann auch das Dokument 228 vom 3. März 1936, in dem der Deutsche Gemeindetag dem Stuttgarter Oberbürgermeister freistellt, Beschränkungen für Juden in städtischen Bädern einzuführen.

Dem Verlag, den Herausgebern und dem Bearbeiter darf man zu diesem ersten Band gratulieren. Der Auftakt ist gelungen. Das wünscht man sich auch für die nächsten Bände.

(Wilfried Setzler)