Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2008

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Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2008

Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg zum 30. Mal vergeben

Dank der großzügigen finanziellen Unterstützung durch die Wüstenrot Stiftung und unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Günther H. Oettinger wurden auch in diesem Jahr fünf Sanierungen ausgezeichnet, bei denen private Eigentümer beispielhafte Leistungen erbracht haben.

Als Zeichen der Anerkennung ihres ideellen und finanziellen Engagements erhalten die Bauherren einen Preis von 5.000 Euro sowie eine Bronzeplakette zur Anbringung an ihrem Gebäude. Zudem ist die Auszeichnung mit Urkunden für die Eigentümer sowie die beteiligten Architekten und Restauratoren verbunden. Denn Jahr für Jahr zeigen die prämierten Beispiele, dass eine qualitätsvolle Denkmalsanierung ohne ein konstruktives Zusammenwirken zwischen interessierten Bauherren, erfahrenen Architekten, fähigen Handwerkern und Denkmalpflegern nicht möglich ist.
Finden Sie hier weitere Informationen über den Denkmalschutzpreis.

Die Preisverleihung fand am 4. April 2009 im Hospitalhof in Stuttgart statt.

Die Preisträger 2008

Übersicht:

Eine sehr viel ausführlichere Beschreibung der ausgezeichneten Bauten ist in Heft 3 der Schwäbischen Heimat des Jahrgangs 2009 zu finden.

Nonnenhaus in Tübingen

Fachwerkhaus

Fachwerkseite des Nonnenhauses in Tübingen
Alle Fotos: Ulrich Gräf

Am Nonnenhaus 7 in 72070 Tübingen

Baujahr 1488. Preisträger: Ernst E. und Christa Gumrich

Der malerische Fachwerkbau mit seinem hohen Satteldach ist aus dem Stadtbild von Tübingen nicht wegzudenken. Schon seine ungewöhnlich lang gestreckte Form macht deutlich, dass es sich um ein Gebäude für einen besonderen Zweck handelt. 1487/88 als Beginenhaus errichtet, diente es zunächst dem klosterähnlichen Zusammenleben von Frauen, die sich ohne bindende Gelübde sozialen Aufgaben widmeten. Noch heute lässt die Erschließung mit einem Mittelflur und sich rechts und links zellenartig reihenden Räumen die ursprüngliche Struktur des zunächst zweigeschossigen Gemeinschaftshauses erkennen, das früher auch das angrenzende Nachbarhaus im Norden einbezog. Im Erdgeschoss sind sogar noch die Räume für das Sommer- und Winterrefektorium ablesbar. Dendrochronologische Untersuchungen haben jetzt gezeigt, dass das sogenannte Sprachhaus, der Anbau vor dem Giebel mit der Abortanlage über dem Ammerkanal, vom Ursprungsbau stammt.

Seit Auflösung der Beginengemeinschaft in der Reformation wurde der Bau als bürgerliches Wohnhaus genutzt. So lebte hier beispielsweise der bedeutende Botaniker Leonard Fuchs, von dem die Fuchsie ihren Namen hat. Zwischen 1605 und 1948 erfuhr das Gebäude in mindestens sechs Bauphasen immer neue Veränderungen, die alle ihre Spuren hinterlassen haben. Die partiellen Aufstockungen auf drei Geschosse 1605/06 bzw. 1908/09 gehören dazu. Nachdem seit der Nachkriegszeit kaum mehr etwas für die Bauunterhaltung getan worden war, entwickelte sich das Nonnenhaus mehr und mehr zum Problemfall, da eindringende Feuchtigkeit große Schäden verursachte. Rein gewerblich interessierte Investoren legten Projekte vor, die von der historischen Bausubstanz kaum etwas übrig lassen wollten.

Inneres eines Fachwerkhauses

Flur und Treppe im Nonnenhaus

Erst mit dem Ehepaar Christa und Ernst-Eggert Gumrich fanden sich neue Eigentümer, die bereit waren, ambitioniert und engagiert auf die Besonderheiten des Hauses einzugehen. Es wurde eine verträgliche Lösung gefunden, mit dem Ziel, möglichst viele Zeugnisse der Vergangenheit zu erhalten. Das im Metier erfahrende Architekturbüro AeDis übernahm die Projektleitung. Ein Bauforscher und mehrere Restauratoren erstellten Dokumentationen und begleiteten die Arbeiten kontinuierlich. Zunächst unbekannte Befunde, etwa die originale Tür einer Beginenkammer aus der Erbauungszeit und interessante Malereifragmente, konnten so gesichert werden.

Auch im Hinblick auf energetische Maßnahmen hatten die Bauherren Vorstellungen, die über das Übliche hinausgingen. Nach Abschluss der Arbeiten im Frühjahr 2008 ist der Bau zum ältesten Niedrigenergiehaus Deutschlands geworden, wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer bemerkte. Ohne unverantwortliche Substanzverluste oder verunstaltende Dämmungen entspricht der Heizwärmebedarf heute einem 6-Liter-Haus. Erfreulicherweise ist das Nonnenhaus trotz seiner Innenstadtlage auch keines der üblichen Renditeobjekte mit Eigentumswohnungen geworden: Familie Gumrich zog selbst ein, vier weitere Wohneinheiten unterschiedlichsten Zuschnitts, geeignet auch für Ältere und Behinderte, werden vermietet. Zwei Räume stehen der Hausgemeinschaft für Aktivitäten zur Verfügung, für die gewerbliche Nutzung des Erdgeschosses und des Sprachhauses fanden sich ein Kunstatelier, ein Buchcafé und ein Geigenbauer.


Götzhaus in Gunningen (Kreis Tuttlingen)

Traufseite eines großen Bauernhauses

Das Götzhaus in Gunningen
Alle Fotos: Ulrich Gräf

Kirchgasse 1 in 78594 Gunningen

Baujahr 1750. Preisträger: Thomas und Regina Pauli

Wenn man als junger Mann ein großes Haus erbt, kann die Freude über den materiellen Zugewinn schnell in Frust umschlagen. So ist es dem gelernten Zimmermann Thomas Pauli ergangen, der von seinem Großvater überraschend als Erbe des stattlichen Götzhauses in Gunningen auf der Baar eingesetzt worden war. Es handelt sich dabei um einen für die Landschaft charakteristischen Bauernhof, der als quergeteiltes Einhaus ein zweigeschossiges Wohnhaus, Ställe und Scheune in einem Bauvolumen von imposanten Ausmaßen unter einem First zusammenfasst und der von der Traufseite her erschlossen wird.

Erste Überlegungen des neuen Eigentümers, den Bau wirtschaftlich zu nutzen, führten 2004 zu Planungen, den Dachraum des Wohnteils und die Scheune unter weitgehender Entkernung der Altsubstanz für Wohn- und Gewerbezwecke auszubauen. Da das Götzhaus bereits als Kulturdenkmal benannt war, führte eine erste Innenbesichtigung der hinzugezogenen Konservatorin mit dem angehenden Bauherrn zu einem für beide Seiten gleichermaßen unbefriedigenden Ergebnis: Das vorgelegte Umbauprojekt widersprach grundsätzlich denkmalpflegerischen Kriterien und war nicht genehmigungsfähig. Zudem zeigte sich, dass trotz des verwohnten Eindrucks und den wenig passenden Fenstern aus den 1960er-Jahren hinter den massiven Umfassungswänden und unter dem eindrucksvollen Dachwerk viel aus der Entstehungszeit des Baues, der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, erhalten geblieben war. Allein vier Stuben mit Holzvertäferung zeugen von den wohlhabenden Verhältnissen der namengebenden Familie Götz, die das Haus 1808 erworben hatte.

Treppenhaus im Fachwerkhaus

Flur und Treppenhaus

Zur Überraschung der Denkmalpfleger entwickelte sich der Gunninger Problemfall jedoch ganz anders als zu befürchten war. Thomas Pauli nahm die Anregung auf, sich beim Tag des Offenen Denkmals den Vogtshof im benachbarten Hausen ob Verena und seine mustergültige Sanierung anzuschauen, der nach seiner Fertigstellung im Jahr 2006 mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde. Der Besuch dort brachte, wie er heute selbst sagt, die Initialzündung.

Schon einen Monat später war die Abkehr von den bisherigen Absichten beschlossen: Die Substanz des Hauses sollte so weit als möglich erhalten und die Identität des von seinen Vorfahren ererbten Gebäudes der Nachwelt weitergegeben werden. Von sich aus schaltete er nun denkmalerfahrene Handwerker und Restauratoren ein. Die weiteren Abstimmungsgespräche mit der Denkmalpflege verliefen jetzt in bestem Einvernehmen. Nach und nach schälte sich eine Konzeption heraus, die keine Eingriffe in die Grundrissstruktur verlangte, vom Ausbau des Daches absah und Reparatur an die Stelle von Neubau setzte. Das fehlende Bad wurde zwar in eine der historischen Stuben eingebaut, durch die Freistellung der Installation konnten jedoch Wand- und Deckentäfer erhalten bleiben.

Schritt für Schritt wurde die Planung in den letzten Jahren umgesetzt. Dabei hat der Bau auch im Äußeren wieder sein würdiges Gesicht zurückerhalten: Anstelle der verunstaltenden Fenster wurden neue mit der ursprünglichen Teilung eingesetzt, aus energetischen Gründen jetzt als Kastenkonstruktionen. Ebenso wurden die für das Erscheinungsbild so wichtigen Klappläden rekonstruiert.


Morlokhof in Baiersbronn-Mitteltal (Kreis Freudenstadt)

Traufseite eines großen Bauernhauses

Der Morlokhof in Baiersbronn-Mitteltal
Alle Fotos: Ulrich Gräf

72270 Baiersbronn-Mitteltal

Baujahr 1790. Preisträger: Hermann Bareiss

Schon während ihrer Kindheit im oberen Murgtal hatte Sabine Rothfuß ein Auge für den Morlokhof – ein stattliches Anwesen mit Hauptbau, Austragshaus, Backhäuschen und Bauerngarten am Berghang oberhalb von Mitteltal. Dort oben schien die Zeit stehen geblieben zu sein, da wegen komplizierter Eigentumsverhältnisse seit Jahrzehnten baulich nichts verändert worden war und keine intensive Nutzung mehr stattfand. Im Ort kursierende Erzählungen, wonach die Morloks auf ihrem Hof auch als Wunderheiler einer okkulten Tätigkeit nachgegangen seien, regten jugendliche Phantasien nur noch mehr an. Auch nachdem Sabine Rothfuß in Franken Architektin mit dem Schwerpunkt Altbausanierung geworden war, erkundigte sie sich bei jedem Heimatbesuch nach dem Schicksal des Hofes, zumal er seit 2001 endgültig leer stand. Ein möglicher Verkauf zeichnete sich ab, und eine erste Innenbesichtigung konnte den Eindruck nur bestätigen, dass es sich um ein außergewöhnliches Geschichtszeugnis handelt. Sogar ein Großteil des Hausrats der verschiedenen Morlok-Generationen hatte sich hier erhalten.

Es war in jeder Beziehung ein Glücksfall, dass der bekannte Mitteltäler Hotelier Hermann Bareiss sich ebenfalls für das Anwesen zu interessieren begann, den Hof 2003 schließlich kaufte und Sabine Rothfuß mit der Sanierung beauftragte. Die nun einsetzende intensive Planungsund Realisierungsphase bis zur Fertigstellung der Arbeiten 2007 ist ein Musterbeispiel eines gelungenen Umgangs mit einem nicht alltäglichen Objekt: Umfangreiche Archivrecherchen und Bauuntersuchungen konnten die Baugeschichte des Hofes bis ins Detail klären. Er wurde 1789 erbaut und nur 1897, 1903 und um 1930 partiell erweitert und verändert. Das Backhaus ist erstmals 1853 dokumentiert, während das Austragshaus für den Seniorbauer 1897 hinzukam. Ein Zufallsfund von 132 Schriftstücken in einem Hohlraum des Tennenbodens bestätigte dann sogar die Wunderheilertätigkeit, der die Morloks bis 1935 nachgingen.

alter Herd aus Eisen

gusseiserne Herdstelle

Das Sanierungskonzept wurde erst aufgrund aller Forschungsergebnisse entwickelt, wobei Hermann Bareiss bereit war, frühere Vorstellungen hinsichtlich Nutzung und Aussehen immer wieder zu revidieren. Im intensiven Austausch zwischen Architektin, Bauherrn, Behörden und Handwerkern wurde ein Weg gefunden, der auf der einen Seite eine verträgliche Nutzung von Stuben und Tenne für gastronomische Zwecke ermöglicht, auf der anderen Seite aber den Morlokhof wie ein Freilichtmuseum in seiner Originalform an Ort und Stelle erhält. Befunde wie die originale Dachdeckung mit Schindeln, die unter einem späteren Pfannenbelag zu Tage kam, wurden genauso restauriert und erhalten wie die verschiedenen Innenputze mit ihren Farbresten.

Funktionell erforderliche Neubauteile für die Anlieferung des Essens und Toiletten sowie die Haustechnik konnten substanzschonend und unauffällig integriert werden. Ebenso erfreulich ist der Umgang mit den Außenbereichen von Hof und Garten als auch das Informationssystem mit Tafeln zur Hausund Restaurierungsgeschichte, die sich einordnen ohne zu stören.

Die Leistung aller Beteiligten, die historische Aussagekraft des Morlokhofs für die Zukunft bewahrt zu haben, wiegt umso schwerer, als es nur noch sehr wenige unverfälschte Beispiele für diesen prägenden Haustyp des Nordschwarzwaldes gibt. Durch ihre Lage in den früh industriell entwickelten Tälern und ihr wenig spektakuläres Aussehen waren sie immer stärkeren Veränderungen unterworfen als ihre Brüder im südlichen Schwarzwald.


Ehemaliger Kornkasten in St. Georgen (Schwarzwald-Baar-Kreis)

Holzhaus mit modernem Anbau

Der ehemalige Kornkasten in St. Georgen mit seinem modernen Anbau
Alle Fotos: Ulrich Gräf

Winterbergstraße 28 a, 78112 St. Georgen

Baujahr 1834. Preisträger: Familie Grässlin

Das kleine Holzhaus hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Es wurde 1834 in Oberharmersbach als Kornspeicher errichtet, wie er für den mittleren Schwarzwald charakteristisch war. Ein mit Stroh gedecktes Satteldach schützte den eigentlichen zweiräumigen Kasten in Holzbohlenbauweise. Die Inschrift auf einer Eckstütze nennt Anton Haser und Agnes Haker als erste Eigentümer.

Spätere Veränderungen erfuhr der Bau, der bis in die 1960er-Jahre als einfacher Schuppen diente, durch den Einbau von Fenstern und eine Neueindeckung mit Falzziegeln. 1966 schien sein Schicksal besiegelt zu sein, als er einem geplanten katholischen Gemeindezentrum im Weg stand. Schließlich kaufte der Fabrikant Dieter Grässlin das Gebäude, um es fachmännisch zerlegen und im darauf folgenden Jahr in St. Georgen wieder aufbauen zu lassen. Für den neuen Standort und eine neue Nutzung nahm man größere bauliche Veränderungen vor. Das Erdgeschoss wurde um ein Stück gekürzt und unter dem nun überstehenden, mit Reet eingedeckten Dach ein Mühlrad installiert. Am Stadtrand von St. Georgen präsentiert sich der Bau im Taleinschnitt des Mühlendobels seither wie eine traditionelle Bauernhofmühle mit Kornkammer, auch wenn das Rad eine malerische Zutat bleibt, da im Innern keine entsprechende Mechanik vorhanden ist, sondern eine Ferienwohnung eingerichtet wurde.

Historische Fenster

Historische Fenster

Probleme mit aufsteigender Feuchtigkeit, Schädlingsbefall und unzureichenden Installationen sowie das Unbehagen über die 1967 hinzugekommenen rustikalen Gestaltungselemente, die eher an Oberbayern denn an traditionelle Schwarzwaldbauweise erinnerten, veranlassten die Familie Grässlin, den jungen Karlsruher Architekten Fernando Vaccaro mit einer Sanierungskonzeption zu beauftragen, die 2006/07 realisiert wurde. Die pseudorustikalen Elemente wurden zurückgebaut und die Schäden an der ursprünglichen Konstruktion handwerklich solide repariert.

Schwierig war die Frage, wie der Wunsch der Eigentümer nach einer Kücheneinrichtung und einem modernen Bad angesichts der engen Raumverhältnisse gelöst werden kann. Der Architekt machte einen radikalen Vorschlag: Bad und Küchenzeile sollten in einem separaten Neubau in kompromisslos modernen Formen untergebracht werden, der nur mit einem schmalen Verbindungsgang an den ehemaligen Kornspeicher andockt. Die Meinungen über diesen Neubaucontainer mit Flachdach und einer Verkleidung mit Faserzementplatten gingen weit auseinander. Erst nach längeren Diskussionen bis in politische Gremien hinein erteilte die zuständige Behörde die Baugenehmigung. Die Denkmalpflege war dabei nicht eingebunden, da das Objekt wegen der Veränderungen nach der Translozierung von 1967 nicht als Kulturdenkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes eingestuft wurde.

Die Jury des Denkmalschutzpreises ist der Meinung, dass das Experiment der starken Kontrastierung von Alt und Neu, das nur selten zu einem wirklich befriedigenden Ergebnis führt, bei diesem Beispiel ausnehmend gut gelungen ist. Der Architekt hat es verstanden, mit seinem über dem Terrain schwebenden Ergänzungsbau von minimalistischer Ästhetik den alten Bau nicht zu beeinträchtigen, sondern in seinem Erscheinungsbild eher noch zu steigern. Maßstab, Proportion, Material, Farbe und sorgfältige Detailplanung, die trotz der Gegensätze in vielfältiger Weise Bezug zum Vorhandenen nehmen, tragen dazu bei.


Ehemalige Villa Kahn in Stuttgart

Villa mit Seitenflügeln und Hof

Eingangsseite der Villa Kahn
Alle Fotos: Ulrich Gräf

Feuerbacher Heide 59 in 70192 Stuttgart

Baujahr 1922. Preisträger: Professor Dr. Wilhelm Rall

Die Villa, 1922 von dem bedeutenden Architekten Paul Schmitthenner als eines seiner ersten Stuttgarter Wohnhäuser für den Bankier Richard Kahn errichtet, gehört nach Kriegsverlusten und späterer Missachtung zu den rar geworden Schlüsselwerken der Stuttgarter Architekturschule. Jener Richtung, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Württemberg Leitbildfunktion für die zeitgenössische Architekturentwicklung hatte und mit ihren Prinzipien Einfluss auf das Baugeschehen im ganzen deutschsprachigen Raum erlangte. Theodor Fischer, Paul Bonatz, Heinz Wetzel und eben auch Schmitthenner, allesamt Professoren an der Technischen Hochschule Stuttgart, standen für einen Reformstil, der auf zurückhaltende und kreative Weise Typen und Formen aus der Baugeschichte adaptiert, sich aber vor allem im Wohnbau durch menschlichen Maßstab, wohnliche Raumzuschnitte, gute Proportionen und sorgfältig geplante und ausgeführte handwerkliche Details auszeichnet.

Esszimmer

Das herrschaftliche Esszimmer

Mit ihrem Ehrenhof auf der Straßenseite und der symmetrischen Terrassenanlage im Garten knüpft die Villa Kahn noch einmal an die Tradition von Schloss und Herrenhaus an, auch wenn die Architektur nichts mehr mit früherem Villenprunk zu tun hat. Die Fassaden sind einfach verputzt oder geschlämmt, die überraschend kleinen Fenster ohne Steingewände außenbündig eingesetzt. Im Innern fallen die für ein repräsentatives Wohnhaus eher bescheidenen Raumhöhen auf. Die Räume, in denen man beispielsweise überall praktische Einbauschränke findet, verbinden damals modernes Wohnen mit gediegen-bürgerlichem Ambiente. Ungewöhnliche Schmiedearbeiten und Stukkaturen in einem Zick-Zack-Stil, der auf skurrile Weise gotisierende Elemente mit Rokokoornamentik verbindet, verweisen auf den in den frühen zwanziger Jahren aktuellen dekorativen Expressionismus, den Schmitthenner freilich nur sehr kurz einsetzte.

Auch wenn das Haus heil durch den Zweiten Weltkrieg gekommen war, führten kleinere Umbauten wechselnder Eigentümer und zuletzt auch mangelnde Bauunterhaltung dazu, dass die frühere Perle ihren Glanz verloren hatte und in Gefahr stand, verloren zu gehen. Dem neuen Eigentümer, Prof. Wilhelm Rall, ist es zu verdanken, dass die Villa Kahn nicht das gleiche Schicksal wie ähnliche Anwesen erlitt, die auf einem großen Grundstück in bester Hanglage des Stuttgarter Talkessels gelegen sind. Nur zu oft müssen diese weichen, weil bei einem Filetgrundstück der Abbruch und Neubau mit einem größeren Volumen aus Spekulationsgründen lukrativer ist als eine Erhaltung historischer Bausubstanz. Und nur zu oft bleibt selbst beim Umbau eines solchen Objekts kaum etwas vom ursprünglichen Charakter übrig, streifen Architekten für eine vermögende Klientel doch auch Kulturdenkmälern gerne Gewänder einer neuesten Mode über.

Sandro Graf von Einsiedel hat als verantwortlicher Architekt dieser Gefahr widerstanden. Er ging angemessen mit dem Gebäude um, dessen Formensprache und Materialität besonders empfindlich für jede Art von Veränderung ist. Er reparierte im Schmitthennerschen Sinn auf handwerkliche Weise und sorgte dafür, dass Details bis hin zu den Messingbeschlägen der Einbauschränke nicht verloren gingen. Früher beseitigte Bauteile, insbesondere die äußerst wichtige Begrenzungsmauer des Vorhofs, wurden rekonstruiert, während erforderliche neue Haustechnik oder eine Überdachung des Autoabstellplatzes im seitlichen Garagenhof sich völlig dem Erscheinungsbild unterordnen.