Joachim Knape und Anton Schindling (Hrsg.): Fassaden Botschaften

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Joachim Knape und Anton Schindling (Hrsg.): Fassaden Botschaften

Zur Denkmalgeschichte und Programmatik der Tübinger Porträt-Galerie am Bonatzbau.

Titelblatt

(Gratia. Tübinger Schriften zur Renaissanceforschung und Kulturwissenschaft. Band 56). Harrassowitz Verlag. Wiesbaden 2016. 466 Seiten. Pappband 98,-€. ISBN 978-3-447-10639-9

Der Bonatzbau ist der 1912 eingeweihte Neubau der Universitätsbibliothek Tübingen, ein Werk des damals jungen Architekten Paul Bonatz, das sich stilistisch abhebt von den in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen klassizistischen Bauten im Universitätsviertel um die Neue Aula. Die Fassade dieses auffallenden Gebäudes wird geschmückt von 12 steinernen Medaillons mit den Porträts berühmter Geistesgrößen. Die Auswahl dieser Dichter und Denker löste schon immer Fragen aus, insbesondere die Aufnahme Bismarcks neben Kant, Luther, Platon, Goethe, Schiller und Uhland, Fragen, denen man 100 Jahre nach dem Bau einmal intensiver nachgehen wollte und deswegen im Wintersemester 2013/2014 eine Ringvorlesung im Studium Generale, das für eine allgemeine Hörerschaft gedacht ist, abhielt. Das Ergebnis dieses Vortragszyklus liegt nun in Form von 14 Essays in diesem Buch vor.

Die Beiträge dieses Bandes befassen sich mit den Denkmalstraditionen, den Vorbildern, Konzepten und Realisierungen der Porträt-Reliefs. Schöpfer dieser Kunstwerke ist der Architekt und Bildhauer Ulfert Janssen, der nach seinem Kunststudium in München 1911 Professor für Modellieren und Aktzeichnen an der Architekturabteilung der Technischen Hochschule Stuttgart wurde, wo er später mit seinem Professorenkollegen Bonatz zusammenarbeitete. Von den zeitgenössischen Strömungen der Moderne in der bildenden Kunst trennten ihn Welten, wie Joachim Knape in seinem einführenden Aufsatz schreibt. Die Kunstauffassung und der Stil seiner Arbeiten ließ Janssen für die Nazis attraktiv werden, er gehörte für sie zu den als nicht entarteten deutschen Künstlern.

Um die Auswahl der Geistesgrößen für den Bonatzbau wurde heftig gestritten. Die Porträts sollten das Spektrum der in den Bibliotheken versammelten Schriften vor Augen führen, sollten den universalen Charakter der Bibliothek als Bildungseinrichtung, als Bewahrerin antiken Gedankenguts und Sammlerin neuester Werke aus allen Bereichen der Wissenschaften verdeutlichen, so Wilfried Setzler in seinem Beitrag zur Geschichte und zum Programm des Neubaus. Entschieden über die Auswahl hat letztlich der Senat der Universität. Als Vorgabe für Janssen wurden schließlich ausgewählt Bismarck, Kant, Leibniz, Luther, Leonardo da Vinci und Platon als europäische Denker. Hinzu kamen sechs europäische Dichter: Homer, Dante, Shakespeare, Goethe, Schiller und Uhland.

Bismarck ist die einzige Person, die nicht in das Programm der Dichter und Denker passen will. Mit der Frage, warum dieser Politiker neben den zahllosen Bismarck-Türmen und Bismarck-Denkmälern in ganz Deutschland auch hier erscheint, beschäftigt sich Ewald Frie. Peter Wörster gibt uns einen Überblick über die Denkmäler des Philosophen Immanuel Kant, insbesondere mit russischen Beispielen aus dem heutigen Kaliningrad. Manfred Rudersdorf schreibt über Leibniz - der Universalgelehrte als Denkmal, der Kirchenhistoriker Volker Leppin über Luther - der Reformator als Denkmal, sein Tübinger Kollege für Kunstgeschichte widmet sich dem Leonardo-Bildnis am Bonatzbau, die Klassische Archäologin Nadia J. Koch sieht das Tübinger Porträt von Platon als ein Beispiel der Denkmäler für das Urbild des Philosophen schlechthin. Als Denkmal für das Urbild des Dichters werden von Frank Kolb die Denkmäler von Homer beschrieben. Der Romanist Franz Penzenstadler stellt Dante als Repräsentanten des Mittelalters und als Leitfigur einer neuen Genieästhetik dar, der Anglist Matthias Bauer versieht den Titel seines Aufsatzes Shakespeare - Vertreter der Weltliteratur mit einem Fragezeichen. An deutschen Dichtern bietet die etwas ungleiche Reihe am Bonatzbau Goethe, dessen Denkmäler Olaf Kramer behandelt, und Uhland, dessen Denkmäler Georg Braungart beschreibt. Im Fall Goethe geht es um Denkmäler für den Repräsentanten der (deutschen) Nationalliteratur, im Fall Uhland um Denkmäler für den Repräsentanten der schwäbischen Nationalliteratur, wie die Autoren es formulieren. Ein Essay zum Porträt von Schiller, am Bonatzbau durchaus vorhanden, fehlt leider im Buch. In einem abschließenden Aufsatz sinniert der Professor für Allgemeine Rhetorik Joachim Knape über Oberflächen-Köpfe - Zur Rhetorik der Fassade als Haut der Architektur.

Ein Buch voll tiefschürfender Gedanken und Einblicke in die Bedeutung von Denkmälern, ihre historische und geistesgeschichtliche Bedeutung. Nicht einfach zu lesen, aber unbedingt lesenswert.

Günther Schweizer