Veronika Mertens (Hrsg.): Frühling im Südwesten. Neuer Stil um 1900

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Veronika Mertens (Hrsg.): Frühling im Südwesten. Neuer Stil um 1900

Titelblatt

(Veröffentlichungen der Galerie Albstadt 167). Albstadt 2013. 200 Seiten mit rund 400 Abbildungen. Broschur € 35,-. ISBN 978-3-934439-39-9

"Jugendstil", der Begriff evoziert Aufbruch, Frische, Moderne, aber auch Internationalität - nicht weniger seine Entsprechungen in anderen Sprachen: allen voran "l'art nouveau" in Frankreich, aber auch der "modern style" Englands, der "modernisme" in Spanien und "Modern" als englisches Lehnwort in Russland. Will man die Zentren des Stils geographisch verorten, verfällt man sicher kaum auf die Schwäbische Alb. Überhaupt haftet dem Stil etwas Großstädtisches an. In die Provinz will er nicht passen - so denkt man. Eine interessante Ausstellung in Albstadt belehrt uns eines Besseren: In weiten Bereichen sich auf die damals infolge einer blühenden Textilindustrie prosperierenden - und einst noch selbstständigen - Orte Ebingen und Tailfingen beschränkend wird vorgestellt, was auch in der Provinz möglich war, wenn die ökonomischen und finanziellen Rahmenbedingungen gegeben waren - vor allem in der Architektur einschließlich Bauschmuck und Dekor, von neuen Kirchen über Fabrikantenvillen bis zu Fabrikgebäuden, aber auch in der Malerei und Glasmalerei, im Kunsthandwerk und in kühnen Stadtentwicklungsprojekten. Das Ergebnis eines von der Galerie Albstadt schon länger betriebenen Forschungsvorhabens, nun zusammengetragen in dieser Ausstellung und dem dazu publizierten Katalog, ist nachgerade verblüffend: die Westalb - denn der künstlerische Aufbruch im Kloster Beuron spielt im Rahmen des behandelnden Themas eine eminente Rolle - entpuppt sich als überraschendes regionales Zentrum des neuen Stils, Albstadt als Jugendstil-"Metropole" der Alb.

Sicher, der Jugendstil auf der Schwäbischen Alb war eine Sache der etablierten gesellschaftlichen Kräfte: der Kirchen, sowohl der evangelischen wie der katholischen, der Fabrikanten und ihrer Industrieanlagen, der trotz hohem Arbeiteranteil in der Bevölkerung immer noch konservativ dominierten Stadt- und Gemeinderäte. Inwieweit der neue, frische Stil Anklang in der Bevölkerung fand, auch "nach unten" wirkte, dazu lassen sich nur schwer Aussagen machen. Selbst im Beitrag von Susanne Goebel über den gesellschaftlichen Aufbruch im Bereich der Frauenbekleidung dominieren, vor allen in den Abbildungen, die "besseren Kreise". Das Milieu der Bauern und Arbeiter wird wohl nicht ausgeblendet, es dürfte in Rahmen des hier behandelten Aufbruchs im Bereich von Kunst und Lebensgefühl schlicht keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle gespielt haben. Womit wir mitten in den Beiträgen des vorliegenden Katalogs angekommen wären. Die zwölf Aufsätze untergliedern sich in drei Teile. Der erste ("Aufbruch") stellt gleichsam eine Einführung ins Thema dar: Veronika Mertens, die Kuratorin, führt ein in den internationalen neuen Stil, "auf der Alb und in Europa", wie es im Titel des Beitrags heißt, weiter widmet sich Hubert Krins der "Beuroner Kunst", Susanne Stephan-Kabierske dem Maler Christian Landenberger und seinem monumentalen Wandgemälde "Frühling" in der Villa des Fabrikanten Friedrich Haux, ein Bild, das - dazu aufklappbar - das Motiv für den Buchdeckel abgab, und schließlich Susanne Goebel, Leiterin des Albstädter Maschenmuseums, die dem neuen Lebensgefühl im Rahmen der "neuen Körperlinie 1900-1915" nachgeht.

Im Zentrum des Katalogs stehen Jugendstilarchitektur und Stadtentwicklung in Ebingen und Tailfingen, die in der Tat Außerordentliches schufen und hinterließen: die weitsichtigen Stadterweiterungen und ihre Bauten (Gerhard Penck), die grandiose Architektur zwischen 1900 und Erstem Weltkrieg (Michael Ruhland), eben meist großbürgerlichen Zuschnitts, aber eben auch Fabrikgebäude, Schulen, eine Grabkapelle, Verwaltungsgebäude. Der noch heute existierenden Villa der Fabrikantenbrüder Haux - von der Autorin als "Weltarchitektur" bezeichnet - und deren Fabrikgebäude (Gabriele Howaldt) einerseits und der Tailfinger Pauluskirche von Martin Elsaesser (Fritz Leibfritz) andererseits sind eigene Kapitel gewidmet. Schließlich erfahren im dritten Teil des Katalogs vier bedeutende Künstler des württembergischen Jugendstils eine gesonderte Würdigung: Wilhelm Laage, der Erneuerer des Holzschnitts um 1900 (Jeanette Brabenetz), der aus einer Ebinger Textilfabrikantenfamilie stammende Innenarchitekt und Dekorateur Otto Gussmann (Veronika Mertens), die Malerin Käte Schaller-Härlin (Carla Heussler) und der Architekt Martin Elsaesser (Elisabeth Spitzbart). Ein vorbildliches Register und ein wie so oft mühsam zu benutzender Bildnachweis beschließen den Band. Der Albstädter Katalog bietet vieles zugleich: eine Auseinandersetzung mit dem neuen Stil um 1900 - die demonstrative und recht bemühte Ersetzung des vertrauten Begriffs "Jugendstil" mit dem vielleicht moderneren, aber im Kern wenig aussagenden und wenig treffsicheren Wort "Stilbewegung" kann man dabei ignorieren -, Stadt-, Industrie- und Sozialgeschichte um 1900, Künstlerbiographien über den Bezug zu Albstadt hinaus, vor allem aber eine überraschende Fülle von - meist gut reproduziertem - gerade auch historischem Bildmaterial, das den "Katalog" erst zu einem solchen macht. Die Jugendstilanmutung der gewählten Schrift tut ein Übriges, den Leser in eine Zeit zu entführen, deren bestechender Niederschlag in einer Stadt der württembergischen Provinz wohl nur die Wenigsten erahnen. Eine rundum gelungene Veröffentlichung also, von der allenfalls der Titel ein wenig zu voluminös erscheinen will: Es geht zwar um den neuen Stil, den Aufbruch, den "Frühling" in der Kunst um 1900, freilich nur in einem klitzekleinen Teil des deutschen Südwestens. Aber gerade dies, die Ortsbezogenheit und die sich so offenbarende Fülle, ist ja das Überraschende und Faszinierende. Der Band sei allen Kunstfreunden wärmstens empfohlen.

Raimund Waibel