Titelbild eines Buches

Wulf Hein und Marquardt Lund: Flinthandwerk

Verlag Angelika Hörnig Ludwigshafen 2021. 370 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Gebunden, Großformat € 59,–. ISBN 978-3-938921-46-3

Titelbild eines Buches

Die Abteilungen für Vorgeschichte, die in unseren Breiten von der Altsteinzeit vor 300 000 Jahren bis zur Bronzezeit ab etwa 2200 v. Chr. reicht, gehören in den großen und kleinen Museen des Landes nicht zu den Publikumsmagneten. Wenn es nicht gerade um das selten erhaltene Kunstschaffen der Steinzeit geht, sind die möglichen Exponate in den Museen auf den ersten Blick wenig spektakulär. Im Wesentlichen bestehen sie aus Steingeräten aus Hornstein, auch Flint, Silex und Feuerstein genannt, insbesondere aus der Jungsteinzeit ab etwa 5500 v. Chr., und aus Keramikscherben.

Was in den Vitrinen liegt, erscheint klein und unscheinbar, leicht schaut man darüber hinweg. Und doch: Wer sich die Mühe macht, etwas länger und genauer – und möglichst noch vergrößert – hinzusehen, ist rasch beeindruckt von der Kunstfertigkeit der ausgestellten Objekte, insbesondere der Feuersteingeräte. Vom Staunen zum Verstehen ist dann noch ein weiter Weg; mannigfache Fragen tun sich auf, zum Steinmaterial selbst, den zunächst völlig rätselhaften Herstellungstechnik(en) und in Folge zum Steinzeitmenschen selbst und seiner gesellschaftlichen Organisation; Fragen freilich, die in den Museen selten angerissen und noch seltener beantwortet werden.

Nun ist es nicht so, dass zur Herstellung eines filigranen Bohrers oder einer kunstvollen Pfeilspitze, einst ein tumber fellbehangener Höhlenmensch, wie das Publikum ihn noch vor nicht allzu langer Zeit sah, zwei Feuersteine gegeneinandergeschlagen hätte – und schon war das Werkzeug fertig.

Der Herstellungsprozess ist vielschichtiger und – worauf Wulf Hein und Marquardt Lund in ihrem Buch immer wieder hinweisen – nicht nur banal mit Tradition erklärbar, sondern er lässt immenses technisches und Materialverständnis vermuten.

Das Flinthandwerk lässt und ließ sich nicht erfinden, eher der praktische Umgang mit dem Material wies dem Steinzeitmenschen wohl den Weg. Einen ganz ähnlichen Weg beschreitet seit langem die experimentelle Archäologie, darunter die beiden Autoren, die nun ihre Erfahrungen und Reflexionen zu einem Handbuch zusammenfassten, das die vorgeschichtliche Steingeräteherstellung erklären und lehren will. Über den Umweg der minutiösen Anleitung zur Herstellung von Feuersteingeräten heute werden die Geschichte der steinzeitlichen Geräteproduktion und ihrer vielfältigen Techniken vorgestellt. Es geht dabei unter vielem anderen um Schlag-, Punch- und Drucktechniken, um Schleifen, Picken, selbst um Erhitzen (Tempern) und Einweichen! Das Handbuch richtet sich zwar an den Flinthandwerker von heute, wird aber, da anzunehmen ist, dass diese Techniken die steinzeitlichen sind, gewinnbringend für den Steinzeitarchäologen ebenso wie den interessierten Laien. Nach der Lektüre wird man die Exponate in den Museen jedenfalls mit ganz anderen Augen sehen.

Erklärung finden auch Entstehung und Eigenschaften des Feuersteins und die verschiedenen möglichen Fundorte des Minerals vom Strand bis zum Bergwerk, wobei die vom Rheinischen Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte in Bonn übernommene doppelseitige Karte der Feuersteinbergwerke in Europa mit rund 200 Fundstellen eher verwirrend wirkt, ist doch weder der Begriff Bergwerk definiert noch werden die Fundstellennummern in der Karte aufgeschlüsselt. Riesige Gebiete in Europa wie Norddeutschland, Skandinavien, Spanien, Italien und Polen erscheinen dort fast oder ganz feuersteinleer, weil sich die Karte eben nur auf Bergwerke bezieht, die wichtigen Fundstellen an Stränden, in Gewässern und Moränen aber außen vorbleiben; so leider auch der bedeutende Feuerstein-Steinbruch von Wittlingen auf der Schwäbischen Alb.

Natürlich werden die Steingeräte selbst im Detail vorgestellt und erläutert: die Klingen und Messer, die Schaber und Kratzer, die Bohrer, Stichel und Zinken, die Pfeil- und Blattspitzen, die Steinbeile und -dolche. Besonders hervorzuheben sind die vielen hundert, meist von Wulf Hein stammenden präzisen Fotos vom Rohmaterial über den Herstellungsprozess bis zum Artefakt – eine Augenweide! – wie die gleichfalls in die Hunderte gehenden Zeichnungen zur Verdeutlichung des Herstellungsprozesses von der rohen Knolle zum filigranen Werkstück, gleichfalls von Hein. Ein Glossar erklärt Begriffe, ein ausführliches Literaturverzeichnis ergänzt die bemerkenswerte Publikation.

Raimund Waibel

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