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Matthias Adrian und Rainer Kampling: Freiheit in Grenzen?

Forschung und Konflikte neutestamentlicher Exegeten der Katholischen Tübinger Schule im 19. Jahrhundert

(CONTUBERNIUM Band 89) Frank Steiner Verlag Stuttgart 2021. 261 Seiten. Pappband € 58,–. ISBN 9778-3-515-12892-6

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Mit diesem Band schließt die zweite und letzte Förderphase des an der Freien Universität Berlin angesiedelten, von Prof. Dr. Rainer Kampling federführend betreuten DFG-Projekts Neutestamentliche Exegeten der Katholischen Tübinger Schule im 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung von Paul von Schanz ab. Ging es in der ersten Phase Zwischen katholischer Aufklärung und Ultramontanismus, deren Ergebnisse bereits 2012 im Band 79 der Reihe CONTUBERNIUM publiziert sind, um das Leben und Wirken der ersten sechs Neutestamentler an der 1817 in Tübingen installierten Katholisch-Theologischen Fakultät, war die zweite Phase eher thematisch ausgerichtet. Vier Bereiche sollten insbesondere untersucht werden: Der Diskurs der Lehrstuhlinhaber mit der evangelisch Theologischen Schule in Tübingen und der Leben-Jesu-Forschung, die Werke der Kirchenväter als hermeneutisches Problem der historisch-kritischen Bibelauslegung und die Darstellung des Judentums.

Das nun vorgelegte Ergebnis besteht aus sechs entsprechenden Aufsätzen und einer von Markus Thurau gefertigten verdienstvollen Gesamtbibliografie der Katholischen Tübinger Neutestamentler des 19. Jahrhunderts: Peter Alois Gratz (1769–1849), Andreas Benedikt Feilmoser (1777–1831), Martin Joseph Mack (1805–1885), Joseph Gehringer (1803– 1856), Moritz Aberle (1819–1875), Paul Schanz (1841–1905), Paul Wilhelm Keppler (1852–1926) und Johannes Evangelist Belser (1850–1916).

Thurau eröffnet auch die Reihe der Aufsätze. Relativ ausführlich geht er mit dem Blick auf Gratz, Feilmoser und Gehringer dem Streit um die Bedeutung und Verbindlichkeit der Kirchenväter bei der Bibelauslegung nach. Deutlich wird dabei, dass zwar auch in Tübingen der Ultramontanismus die wissenschaftliche Exegese zunehmend beengte und aufklärerische Gedanken minimierte, dass aber andererseits die Tübinger Theologiesituation einzigartig war und an der württembergischen Landesuniversität bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine historisch-kritische Exegese betrieben werden konnte, die an anderen Orten theologischer Ausbildung längst in Verruf geraten war.

Die folgenden zwei Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Pharisäerbild bei den neutestamentlichen Exegeten (Matthias Blum) und mit deren Meinung zur Prophetie (Matthias Adrian). Anschließend stellt Gunda Werner den Entwurf einer theologischen Christologie Johann Evangelist von Kuhns vor, obwohl dieser eher den Dogmatikern zuzurechnen ist und wohl deshalb in Thuraus Auflistung unbeachtet blieb.

Dass die katholischen Hochschullehrer von ihren evangelischen Kollegen anerkannt, mitunter als Verbündete im Kampf gegen die moderne Bibelforschung gar vereinnahmt, mindestens aber wahrgenommen wurden, zeigt Julia Winnebeck in ihrem Beitrag Die katholischen Tübinger Neutestamentler und ihre Werke im Spiegel protestantischer Rezensionen.

Hoch interessant, geistreich und geradezu spannend zu lesen ist der letzte Beitrag von Wolfgang Grünstäudl Weihnachten, Krieg und Exegese. Notizen zu Heinrich Vogels’ Brief an Karl Hermann Schelkle vom 19. Dezember 1944. Der Bonner Neutestamentler Heinrich Vogels (1880– 1972) thematisiert in seinem Brief zwar vor allem die Zeitläufte und Lebensumstände zu Weihnachten 1944, aber auch den für die katholische neutestamentliche Exegese lange problematischen zweiten Petrusbrief (wer ist sein Verfasser?). Dies wiederum nimmt Grünstäudl zum Anlass, die Studien zum Petrusbrief von Karl Hermann Schelkle (1908–1988) zu hinterfragen, der von 1950 bis 1976 den Lehrstuhl für Neutestamentliche Theologie in Tübingen innehatte. Überzeugend gelingt ihm den Nachweis, dass Schelkle und Vogels bibelwissenschaftliche Arbeit auf der Höhe ihrer Zeit betrieben – im Wissen darum, dass nur ein Dienst völliger Wahrhaftigkeit Dienst am Wort und Dienst an der Kirche sein kann. Dennoch fügt sich der Beitrag nur schwer in das Gesamtthema Katholische Tübinger Schule im 19. Jahrhundert ein.

Deutlich machen die Beiträge, dass die Tübinger katholischen Neutestamentler zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, dass sie zum Teil Beachtenswertes geleistet haben. Der Band greift Einzelaspekte auf, eine Gesamtschau bleibt das Desiderat der Forschung. Die Frage nach der Tübinger Schule – gab es sie überhaupt? Wer gehörte ihr an? Was charakterisiert sie? usw. – bleibt völlig offen. Lediglich Winnebeck geht am Rande darauf ein und konstatiert, dass die Fehlanzeige einer ausdrücklichen Zuordnung der behandelten Exegeten zu einer bestimmten Schulrichtung auffällt und mit gewisser Vorsicht als Beleg gegen die Existenz einer echten Katholischen Tübinger Schule ins Feld geführt werden kann (S. 158).

Wilfried Setzler

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