Titelbild eines Buches

Wolfgang Ludwig A. Hermann: Tempi passati – Landadel am oberen Neckar

(Schriftenreihe der Gesellschaft Schloss Glatt, Sonderband). Sulz am Neckar 2020. 399 Seiten mit einigen Abbildungen. Gebunden € 29,90. ISSN 0930-4630

Titelbild eines Buches

Um das Pferd von hinten aufzuzäumen, sei anfangs folgendes festgestellt: Das Literatur- und Personenverzeichnis samt dem Ortsregister in seiner Üppigkeit ist eine Fundgrube für sich. Allerdings sind Fundgruben nicht selten dazu angetan, sich beim Suchen und Finden zu verzetteln. Wer sich aber durch den Anhang mit detaillierten Informationen u. a. zu Grund- und Immobilienbesitz der Adelshäuser durcharbeitet, wird mit vielen Detailinformationen belohnt. Die Stammtafeln ganz am Schluss dieses Sonderbands sind geradezu eine Festwiese für Genealogen.

Mit Fleiß und Akribie hat Wolfgang Ludwig A. Hermann gewissermaßen im Auftrag der »Gesellschaft Schloss Glatt« die Geschichte des Landadels am oberen Neckar vom 15. bis 17. Jahrhundert und den Niederadel in seinen wechselhaften Beziehungen zur nahen Reichsstadt Rottweil und den benachbarten Amtsstädten erkundet. Die Arbeit ist ein später Nachhall auf ein Kolloquium, das die »Gesellschaft Schloss Glatt« zusammen mit dem Landkreis Rottweil und der Stadt Sulz vor 25 Jahren unter der Leitung von Professor Franz Quarthal veranstaltet hat.

Und sie korrespondiert mit einer Arbeit, die Quarthal 1984 als Veröffentlichung des Alemannischen Instituts Freiburg bei Thorbecke herausbrachte. Weiterhin ergänzt das vorliegende Buch eine Ausstellung von 2015 über die »Adelssitze am oberen Neckar in historischen Ansichten«.

»Tempi passati!« hat Wolfgang Ludwig A. Hermann sein Werk übertitelt. Und tatsächlich haben sich fast alle Geschlechter verflüchtigt, die einst am und über dem Neckar ihre Sitze und Besitz weit über die Region hinaus hatten: Die Herren und Grafen von Zimmern (ausgestorben Ende des 16. Jh.), die Ifflinger von Granegg (ausgestorben um die Mitte des 17. Jh.), die Herren von Lichtenstein zu Neckarhausen, (deren letzter männlicher Spross Johann Caspar Anton 1688 als Fähnrich im Prinz Neuburgischen Regiment in Oberungarn vermutlich im Kampf gegen die Türken gefallen ist), die Herren von Dettingen, (deren letzten schon im frühen 17. Jh. das Zeitliche segnete), die Herren von Bubenhofen (ausgestorben im frühen 18. Jh.), die verschiedenen Linien der Herren von Neuneck zu Glatt, (die im 16. bzw. 17. Jh. endeten), die Herren von Ehingen, die Herren von Wernau, die sich in eine Dettinger und eine Dießener Linie spalteten (um allesamt im 17. Jh. zu verlöschen). »Im 21. Jahrhundert haben nur noch die Ow, v. Rassler und v. Bissingen einen Sitz am oberen Neckar«, heißt es lapidar auf Seite 324.

Eine schöne, wenn nicht gar nahe liegende Idee wäre es in diesem Zusammenhang gewesen, den Leser über die Tätigkeiten der heute noch blühenden Sprosse ins Bild zu setzen. Dies geschieht aber nicht. Weshalb Eigenrecherche gefragt ist: Von 1488 bis 1501 waren alle drei Hauptlinien der Herren und Freiherren von Ow nicht nur kontinuierlich Mitglieder der schwäbischen Rittergesellschaft, sondern haben darin regelmäßig auch hohe Funktionen wahrgenommen. Der Ast Ow-Wachendorf ist bis heute auf Wachendorf (Landkreis Tübingen) ansässig. Der Ast Ow-Felldorf besitzt das Hofgut Neuhaus bei Starzach. Die Freiherrn von Raßler leben seit 1720 auf ihrer Burg über dem Neckar. Max-Richard Freiherr Raßler von Gamerschwang ist als einer von drei Söhnen nach seiner Ausbildung im Hotelfach und gesammelter Welterfahrung in seine Heimat zurückgekehrt und führt auf der Weitenburg (Landkreis Tübingen) die Arbeit seines Vaters fort. Dazu gehören ein Schlosshotel mit Gourmetrestaurant samt Land- und Forstwirtschaft, ebenso ein Golfplatz und ein Reitbetrieb. Der schwäbische Adel wie die Berlichingens, die Adelmanns, die Woellwarths und die Gaisbergs, die seit Jahrhunderten hier verkehren, haben sich mit ihren Wappen im »gläsernen Gästebuch« an den Fensterscheiben verewigt. Die Raßler entstammen einer süddeutschen Patrizierfamilie. Kaiser Leopold I. erhob sie 1681 in den Reichsfreiherrenstand, die sich daraufhin Raßler von Gamerschwang nannten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Buchpassage über den Reichsritter-Kanton Neckar-Schwarzwald innerhalb des Schwäbischen Kreises mit der Kanzlei in Tübingen. Die Metamorphose vom Patrizier zum Stadtadeligen wird auf S. 28 ff. umfangreich ausgeführt.

Das vorliegende Buch gehört nicht zur Sorte der repräsentablen Folianten, die sich im Buchregal in vorderster Reihe gut machen. Die Anmutung wirkt eher handgestrickt. Inhaltlich aber ist es, auch wegen seiner zahlreichen Schwarzweiß-Illustrationen, informativ für Menschen, die sich für Tempi passati, will heißen, für den einstigen Niederadel am oberen Neckar interessieren. Obwohl das Wasserschloss Glatt in diesem Zusammenhang eher eine Außenseiterrolle spielt, würde sich das Buch vorzüglich als Begleitlektüre zum Besuch dort eignen: Im Adelsmuseum im Ostflügel mit Rüstkammer (Sammlung Bidermann) kann das vorliegende Buch, das übrigens mit einer sehr geringen Auflage von unter 300 Exemplaren gedruckt worden ist, erworben werden.

Reinhold Fülle

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