Titelbild eines Buches

Romantik in Württemberg. Hrsg. Nicole Bickhoff und Wolfgang Mährle

Tagung des Arbeitskreises für Landes- und Ortsgeschichte im Verband der Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereine am 14. Juni 2018 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart; Festakt zum 175-jährigen Bestehen des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins am 13. Juni 2018. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2020. 253 Seiten. Fest gebunden € 28,–. ISBN 978-3-17-039340-0

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Oft sind Grußworte der langweiligste Teil derartiger Bände. In diesem Fall sind sie – wie die Dokumentation des eigentlichen Festakts zum 175jährigen Bestehen des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins – nachgestellt, haben es aber durchaus verdient, hervorgehoben zu werden. Nicole Bickhoff hat als Vorsitzende des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins zwar die üblichen protokollarischen Aufgaben, bietet aber substantielle Informationen über den Verein, der wichtige Leistungen in seiner nun schon recht langen Geschichte aufzuweisen hat. Manfred Treml als Vorsitzender des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine trägt höchst aktuelle Gedanken zum Bildungswert der Geschichte versus bloße »Kompetenzdidaktik« vor und situiert in verschiedener Hinsicht die Geschichtsvereine in ihrer Bedeutung für die Erhaltung geschichtlichen Erbes, ihre soziale Einbindung, regionale Bedeutung usw. Besonders hervorzuheben ist aber die Rede der Landtagspräsidentin Muhterem Aras, die ausgehend vom Weingartner Blutritt über Tradition, Heimat, Identität, Integration usw. spricht und ein vielfältiges und tolerantes – vielleicht etwas zu harmonisches – Bild Baden-Württembergs entwirft. Aber das ist ja bei einem Festakt sicher angebracht. Mit Rüdiger Safranski hat man für die Festrede über die Romantik als Epoche und als Haltung einen Vortragenden ausgesucht, der die »deutsche Affäre« Romantik zum einen in einen europäischen Zusammenhang stellt inklusive der geistesgeschichtlichen (Aufklärung) und politischen (Revolution) Schubkräfte, zum anderen auf knappem Raum Charakterisierungen des Romantischen versucht – Geheimnis, Unbehagen an der Normalität, Kunstmetaphysik, Ironie, Sehnsucht etc.

Den eigentlichen elf Tagungsbeiträgen geht eine Einführung der Herausgeber voran, welche die Randlichkeit des Themas für Württemberg in gängigen Darstellungen benennt, die Definitionsproblematik anspricht und das Spektrum des Dargestellten umreißt.

Der Beitrag über Architektur der Romantik in Württemberg von Klaus Jan Philipp hat als zentralen Gegenstand das pseudomittelalterliche Schloss Lichtenstein, das auch eine literarische Anknüpfung bietet, da es durch den Roman »Lichtenstein« von Wilhelm Hauff angeregt ist. Am Ende des Bandes wird dem »Rittertum« des Erbauers von Wolfgang Mährle ein eigener Artikel gewidmet, wobei neben der Ritterromantik und deren Stilisierung als Phänomen auch die andere »moderne« Seite behandelt wird, der gezielte – und geglückte – funktionale Einsatz zur »Standeserhebung« vom Grafen- in den Fürstenstand. Der Architekturartikel behandelt als weitere Beispiele noch die Grabkapelle auf dem Stuttgarter Rotenberg mit ihren Entwürfen und den Burgenbau in größerem Zusammenhang. Der Bildenden Kunst ist ein Artikel von Wolf Eiermann gewidmet, der sich schon im Untertitel intensiv mit der Epochenbegrifflichkeit befasst: »Treue Weiber, schaurige Ruinen – Die Bildende Kunst der Romantik in Württemberg und ihre Definitionsproblematik«. Bedenkenswert bei aller Notwendigkeit von Problematisierungen ist die Feststellung: »So fragwürdig Stil- und Epochenbegriffe angesichts individueller Kunstleistungen schon immer waren – sie bilden bis heute die steinernen Pfeiler der Kunstvermittlung. Wer sie zu Fall bringen will, hat zuvor ein neues und ebenso belastbares System zu entwickeln und dessen Träger zu benennen« (S. 36). Den Durchgang durch Themen und Künstler können wir hier nicht nachzeichnen, das Ergebnis »Der Klassizismus blieb der eigentliche württembergische Nationalstil« (S. 43) sei aber zitiert. Der Musik sind drei Beiträge gewidmet. Reiner Nägele hat zur württembergischen Musikgeschichte verschiedene wesentliche Beiträge geschrieben und beschäftigt sich hier mit dem Thema »Romantisch ja, Romantik nein. Tradition und Moderne der württembergischen Hofmusik im 19. Jahrhundert«. Mit Zumsteeg wird eine Verbindung zu Schubert geschaffen, ansonsten ist das »Nein« vorherrschend – eine Parallele zur Bildenden Kunst –, was aber nicht heißt, dass insbesondere die Ausführungen zu Peter Joseph von Lindpaintner, der immerhin von zentralen »Romantikern« in der Musik geschätzt wurde, informativ und aufschlussreich sind. Friedhelm Brusniak beschäftigt sich mit Friedrich Silcher und legt dabei »Fallstudien« zur Loreley und Ännchen von Tharau vor. Der Artikel zeigt daneben problematische Seiten der Rezeptionsgeschichte und stellt die Forderung nach einer »neuen kritischen Betrachtung (S. 76) des Schaffens des Komponisten auf. Roland Eberlein, der besonders durch seine Geschichte der Orgel einschlägig bekannt ist, behandelt die Schwäbische Orgelromantik: »Der Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker und seine Schüler«. Der informative Artikel über den innovativen und erfolgreichen Orgelbauer behandelt kundig die ästhetische und technische Seite der Werke dieses Meisters, der den Durchbruch mit der Großorgel in der Frankfurter Paulskirche schaffte und international (St. Petersburg, Boston) erfolgreich war, dessen Orgeln aber weithin leider dem Stilbruch des 20. Jahrhunderts – nebst den sonstigen Katastrophen – zum Opfer gefallen sind. Dass seine Orgelästhetik keine Orgelkomponisten vergleichbar dem französischen Großmeister Aristide Cavaillé-Coll inspiriert hat, ist die andere Seite seines Wirkens. Die sozialgeschichtlichen Gründe werden kurz angesprochen. Die Firma wurde in den nächsten Generationen erfolgreich weitergeführt und durch Walckers Schüler prägend für den süddeutschen Orgelbau. Vielleicht hätte man noch mehr zur Romantik in der Musik in Baden-Württemberg beitragen können, etwa zu Josephine Lang, die immerhin fast vierzig Jahre in Tübingen verbrachte und auch Beziehungen zum württembergischen Könighaus hatte.

Die literarische Romantik in Württemberg wird durch Barbara Potthasts Darstellung der Märchenalmanache Wilhelm Hauffs eingeleitet, von denen im allgemeinen nur einzelne bekannte Märchen durchaus sehr breite Verbreitung gefunden haben. Sie werden in ihren zyklischen Anordnungen, ihrer Inhaltlichkeit und ihren sozialgeschichtlichen Implikationen betrachtet. Die anderen Artikel behandeln in unterschiedlicher Optik vor allem Ludwig Uhland, Justinus Kerner und Gustav Schwab als Dichter schwäbischer Romantik – für ein Kompendium wäre etwas mehr über den nur randlich erwähnten Eduard Mörike wünschenswert gewesen. Eine der Perspektiven ist die Polemik mit Heinrich Heine, die hier differenziert von beiden Seiten in Blick genommen wird (Gunnar Och), eine andere die Beziehung zum Verlag Cotta und seinem Morgenblatt in ästhetischer wie politischer Gegenstellung einerseits und anderseits in wechselseitigem Bezug (Helmuth Mojem). Uhland als Philologe und seine Nachfolge in Tübingen bieten einen dritten Aspekt (Stefan Knödler). Und schließlich wird aus ganz anderer Sicht die Schwäbische Alb in den Blick genommen (Roland Deigendesch), was von der politischen Zugehörigkeit, über den Straßenbau bis zur Landwirtschaft und schließlich auch zur praktischen wie ästhetischen Naturbetrachtung reicht als »dem Rheintal und den Schweizer Alpen gewiss nicht ebenbürtiger, aber dennoch lohnender Gegenstand für Literatur und Malerei zur Zeit der (schwäbischen) Romantik« (S. 194). Alles in allem handelt es sich um einen Band über viele Aspekte des Themas, die vielfach nicht besonders geläufig, aber nicht nur aus regionalem Interesse von Belang sind.

Albert Raffelt

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