Titelbild eines Buches

Festschrift zur Feier des 175jährigen Bestehens der Landsmannschaft Ghibellinia im CC zu Tübingen 1845–2020.

Tübingen 2020. 99 Seiten mit einigen Abbildungen. Broschur (Zu beziehen über die Landsmannschaft Ghibellinia in Tübingen).

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Üblicherweise thematisieren Festschriften zu Jubiläen, zu sogenannten runden Geburtstagen, egal ob es sich dabei um Personen, Vereine, Institutionen, Dörfer oder Städte handelt, die Geschichte des Jubilars, seine Entstehung, seinen Werdegang, sein verdienstvolles Wirken. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen dann auch meist seine positiven Eigenschaften und Leistungen. Dies gilt natürlich auch für Festschriften Studentischer Verbindungen.

Auch die hier vorliegende, von »Bundesbrüdern« verfasste Schrift zum 175. Jubiläum der Landsmannschaft Ghibellinia im Coburger Convent zu Tübingen hält sich an diese Tradition und dennoch bildet sie eine bemerkenswerte Ausnahme. Sie versammelt zwar auch ins bekannte Schema passende Aufsätze, beispielsweise über Familiendynastien als »Kerngruppe der Verbindungen« oder zwei anschaulich geschriebene Zeitzeugenberichte von Frank Räth, »Ein Jahrzehnt mit Ghibellinia. Lehr- und Wanderjahre 1956 bis 1966«, und von Bernd Schaller »Das achte Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts in Verbindung mit Ereignissen und Begebenheiten in unserer Ghibellinia«. Doch im Mittelpunkt der Jubiläumsschrift stehen zwei Beiträge zu Themen und Zeitabschnitten, die sonst gern ausgeklammert werden.

Beide stammen aus der Feder von Eberhard Kugler, Weinstadt. Zum einen rekapituliert er die Rolle der Ghibellinia und seiner Mitglieder in der NS-Zeit, insbesondere in der NS-Kameradschaft Langemarck. Zum anderen thematisiert er den Antisemitismus in Studentenverbindungen allgemein sowie insbesondere bei der Ghibellinia. Letzterer Aufsatz, der mit seinen dreißig Seiten fast ein Drittel umfasst, vermittelt dem Buch seinen über das Jubiläum hinausreichenden Wert.

Gestützt auf Martin Biastochs 1996 erschienene Dissertation »Tübinger Studenten im Kaiserreich« und dem darin befindlichen Kapitel zu jüdischen Studenten und studentischem Antisemitismus bietet Kugler zunächst einen Überblick vom mittelalterlichen Antijudaismus über die Emanzipation bis zum Antisemitismus im Kaiserreich. Sodann beleuchtet er den Antisemitismus in seiner eigenen Verbindung. Diese 1845 gegründete, schlagende Landsmannschaft stand ursprünglich auch jüdischen Studenten offen; noch 1894 wandte sich die Tübinger Ghibellinia gegen Bestrebungen anderer dem Coburger Convent zugehörigen Verbindungen, jüdische Kommilitonen auszuschließen, und beschloss einstimmig: »ausdrücklich zu betonen, dass den alten Herren, die Israeliten sind, dieselbe Achtung entgegengebracht wird wie allen anderen«.

Doch nach dem Ersten Weltkrieg schlug die Stimmung um. Antisemiten gaben in der Verbindung den Ton an, darunter die Brüder Erwin und Ernst Weinmann. Beide, schon vor 1933 NSDAP-Mitglieder, machten Karriere in der SS. Erwin war von 1943 an maßgeblich am Massenmord an den Juden in der Ukraine, Ernst (1939 Oberbürgermeister in Tübingen) an dem in Jugoslawien beteiligt. Die Einführung eines »Arierparagraphen« zu Beginn der 1920er-Jahre verhinderte von nun an die Aufnahme jüdischer Studenten. Ehemalige jüdische Bundesbrüder wurden schließlich nach 1933 zum Austritt gedrängt oder ausgeschlossen. Eberhard Kugler bringt nicht nur dieses Unrecht zur Sprache. In Kurzbiografien stellt er zudem jene Bundesbrüder vor, die jüdischen Glaubens oder »mit Frauen verheiratet waren, die jüdische Wurzeln hatten«.

Ehrenwert ist Kuglers Resümee, das mit der Feststellung beginnt: »85 Jahre haben wir mehr oder weniger diese Tatsache verschwiegen und keine Stellung bezogen», in die Bitte an die ehemaligen Bundesbrüder um Verzeihung mündet »für die Maßnahmen, die aus irren rassistischen Gründen gegen sie vollzogen wurden«, und in einem Appell endet, dass »die heute lebenden Bundesbrüder dafür sorgen und kämpfen, dass solches Unrecht nicht mehr geschehen darf und wird«. Schön wäre es, so etwas auch in anderen Festschriften von studentischen Verbindungen zu lesen.

Wilfried Setzler

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