Titelbild des Buches

Sönke Lorenz, Oliver Auge und Sigrid Hirbodian (Hrsg.): Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg

Thorbecke Verlag Ostfildern 2019. 720 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Fest gebunden € 58,–. ISBN 978-3-7995-1154-4

Auch jene Leser, die noch nie vom »Tübinger Stiftskirchenprojekt, das Ende der 1990er-Jahre … begann«, gehört haben sollten, werden sich bei dem Ende November 2019 im Thorbecke-Verlag erschienenen Band vielleicht die Augen reiben, ist doch der unter den Herausgebern an erster Stelle genannte Tübinger Historiker Sönke Lorenz bereits 2012 verstorben und auch unter den Namen der Bearbeiter der Artikel stößt man rasch auf bereits Verstorbene, z.B. auf den Archivar Gerhard Taddey († 2013). Auch der an zweiter Stelle aufgeführte Oliver Auge, der 2001 in Tübingen mit der Arbeit über Stiftsbiographien: die Kleriker des Stuttgarter Heilig-Kreuz-Stifts (1250–1552) 2002 promoviert wurde, lehrt bereits seit 2009 an der Universität Kiel; Sigrid Hirbodian, die selbst keinen Artikel beigesteuert hat, ist seit 2011 Lehrstuhlnachfolgerin von Lorenz. Die beiden zuletzt genannten zeichnen das Vorwort (S. 13–14), in dem sie unter dem zweimaligen Ausruf »Endlich!« knapp über das Tübinger Stiftskirchenprojekt und seine Vollendung berichten, das nicht bloß wegen des Todes von Lorenz stark in Verzug geraten war, ohne dass der Leser freilich erfährt, was sonst noch zu der großen Verzögerung der Publikation beigetragen haben mag. Immerhin fanden »in Zusammenarbeit mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart zwischen 2000 und 2004 fünf Fachtagungen« statt (die Titel der Publikationen sind auf S. 59 in Fußnoten vermerkt). Die lange Verzögerung der Publikation führt freilich dazu, dass die »im Durchschnitt zwischen 2003 und 2005 verfassten Beiträge« »summa summarum den Forschungs- und Wissensstand vom Anfang der 2000er Jahre« widerspiegel[n].« »… dass sich seitdem ohnehin nicht viel Neues im Bereich der Stiftsforschung im deutschen Südwesten getan hat«, wird nur der Fachmann wirklich beurteilen können.

Es folgt die umfängliche Einleitung – Die Genese einer stiftischen Kernlandschaft: Hintergründe und Anfänge der Stiftskirchen in Südwestdeutschland vom 8. bis zum 18. Jahrhundert von Sönke Lorenz, überarbeitet und aktualisiert von Oliver Auge (S. 15–59). Gleich der erste Abschnitt (S. 16–20) ist mit Was ist ein Stift? überschrieben. Diese Frage ist in der Tat nicht einfach zu beantworten, zumal die Bezeichnungen vielfältig sind – Hochstift, Niederstift, Kollegiatkirche, Chorherrnstift, von Frauenkommunitäten (Damenstift, Frauenstift) ganz zu schweigen. »Das entscheidende Charakteristikum liegt in ihrer vorrangigen Aufgabe des gemeinsamen Chorgebets, sowie, bei den Männern, des feierlichen Gottesdienstes. Um derartige Stifte im engeren kirchenrechtlichen Sinne – und nur um sie – geht es in diesem Handbuch« (S. 16). Die Begriffe Stiftskirche und Kollegiatstift werden also parallel gebraucht, und so ist es auch kein Wunder, dass dieses Handbuch der Stiftskirchen in der gedruckten Vorschau des Verlags für Herbst 2019 noch als Handbuch der Kollegiatstifte angekündigt war. Auf S. 57 erfährt man dann noch von der Entscheidung, »neben den Säkularstiften auch die Konvente der Regularkanoniker unterschiedslos mit in die Arbeit einzubeziehen« und dabei »neben den auf den Schulunterricht von Mädchen ausgerichteten Chorfrauengemeinschaften auch die Piaristen zu erfassen, (…) andererseits (…) auf die Einbeziehung der Mitglieder der Societas Jesu« zu verzichten. Ob sich »ein historisch interessiertes Lesepublikum«, das mit diesem Band neben der »Fachwissenschaft gleichermaßen« angesprochen werden soll (hinterer Einband), sich überhaupt um diese feinen Distinktionen kümmert, sei dahingestellt. Vermutlich wird das Laienpublikum sowieso zu diesem Band greifen, um sich primär über die Stiftskirche(n) seines Wohnortes und dessen näherer Umgebung genauer zu informieren bzw. über solche, die man schon besucht oder deren Besuch man sich schon seit langem vorgenommen hat. Man findet die behandelten Orte für ganz Baden-Württemberg auf den beiden identischen Landkarten vorn und hinten im Band sowie auf Detailkarten für die vier Regierungsbezirke auf S. 717–720, hier mit graphischer Differenzierung nach den Typen der Gemeinschaften.

Der Band stellt in gezeichneten Artikeln »von letztendlich über 80 Autorinnen und Autoren« (S. 13) 137 »Konvente in Baden-Württemberg vom 8. bis 19. Jahrhundert« (hinterer Einband) vor. Der Artikelkopf enthält (mit Varianten) folgende Rubriken: Ort, Name, Lage (Land-/Stadtkreis), Kirchliche Zugehörigkeit, Vogtei, Frühere Benennung, Lebensform, Gründung, Aufhebung. Der Aufbau der Artikel ist wegen der unterschiedlichen Gegebenheiten nicht einheitlich: auf eine einleitende Geschichte der Institution folgen Abschnitte wie Kulturelle und religiös-theologische Leistungen, Bau- und Kunstgeschichte, Wappen und Siegel, Ansichten und Pläne, Grundrisse und Karten, Prosopographie, Archivalien, Gedruckte Quellen, oder auch bloß Quellen und Auswahlbibliographie. Zuweilen sind diese Angaben stark reduziert, so z.B. für Stockach oder Weingarten, wo es nur für eine Auswahlbibliographie reicht. Eine Rubrik Archiv und Bibliothek (so bei Gerlachsheim, S. 370), die über den heutigen Aufbewahrungsort von beiden informiert, wünschte man sich standardmäßig; bei Bad Schussenried erfährt man nur im Text auf S. 107 summarisch vom Schicksal der großen Bibliothek (der Bibliothekssaal ist dort ebenfalls abgebildet). Gegenüber den Angaben zu den Archivalien stehen die zu den Bibliotheksbeständen generell deutlich zurück. So wäre es ratsam gewesen, von Anfang an Mitarbeiter der Handschriftenabteilungen insbesondere der Badischen und der Württembergischen Landesbibliothek um Informationen anzugehen, sind die beiden doch die hauptsächlichen Empfänger der aufgelösten Stiftsbibliotheken. Noch einfacher wäre es gewesen, die Eintragungen für beide Bibliotheken im Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland (https://fabian.sub.uni-goettingen.de/fabian) zu konsultieren.

Von besonderem Wert sind die zahlreichen historischen sowie die meist farbigen aktuellen Abbildungen: Gebäude (teils aus der Vogelschau), Grundrisse, Innenansichten, Ausstattungsdetails, wertvolle Objekte, Wappen und Siegel, bedeutende Personen, auch wenn man bei den Abbildungen insgesamt eine gewisse Beliebigkeit der Auswahl konstatieren kann.

Angesichts der Tatsache, dass die Mitarbeiter eine kleine Ewigkeit auf die Publikation ihrer Artikel warten mussten und diese teilweise nicht mehr erlebt haben, wäre es mehr als angebracht gewesen, ein Verzeichnis der Mitarbeiter und ihrer Beiträge beizugeben. Der Band gehört in die nicht ganz kurze Reihe der Gattung Klosterbücher (erwähnt sei lediglich das 2003 erschienene Württembergische Klosterbuch), enttäuscht aber durch die teils ungleichmäßige Behandlung des Themas und nicht zuletzt durch den nicht wirklich aktuellen Berichtsstand zahlreicher Artikel (bei Bad Schussenried stammen die beiden neuesten Titel von 2003). Zumindest die Rubrik Auswahlbibliographie hätte sich relativ leicht mit Hilfe der Landesbibliographie Baden-Württemberg aktualisieren lassen, was, nach Stichproben zu schließen, nur fallweise erfolgt ist. »Fachleute« werden also gut daran tun, sich dort der neuesten Publikationen zu versichern. Laien, die sonst primär auf die beiden – inzwischen dringend zu aktualisierenden – Dehio-Bände für Baden-Württemberg von 1993 und 1997 rekurrieren, finden hier zusätzliche Informationen; sie müssen diese nur vor einem Besuch aufrufen, da es nicht angeht, den schweren Band mit auf Exkursion zu nehmen.

Klaus Schreiber

Die Rezension erschien in ausführlicherer Form zuerst in: Informationsmittel (IFB): digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft

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