Die Ordnung des Wissens. Südwestdeutsche Klosterbibliotheken im 17. und 18. Jahrhundert
(Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden- Württemberg, Reihe A, Bd. 67) Thorbecke Verlag, Ostfildern 2025. 908 Seiten. Hardcover 88 €. ISBN 978-3-7995-9605-3

Die real existierenden Klöster haben zwar vielerlei Probleme, die historische Klosterforschung erlebt aber eine wahre Blüte, wie die umfangreiche Bibliographie der Quellen und Literatur im vorliegenden Band zeigt. Die vorliegende, wahrhaft monumentale Darstellung ist ein Meilenstein der Forschung. Allein der zweite Teil des Bandes »Inventar« – er dokumentiert 479 Verzeichnisse von Achberg bis Zwiefalten – hätte für diese Kennzeichnung ausgereicht (S. 364–806).
Die Autorin bietet zudem einen umfangreichen Interpretationsteil. Ziel ist, »anhand von herausragenden oder zumindest gut dokumentierten Beispielen, die Bibliotheken der Klöster als Orte monastischer Spiritualität und gesammelten Wissens und als Orte der Wissenstradierung und Wissenschaftskommunikation« vorzustellen.
Der erste allgemeine inhaltliche Teil (»Generalia«) informiert über die Bibliothekskonzepte der einschlägigen Orden: von der durchorganisierten Form der Jesuitenbibliotheken, der stärker etwa durch Abtpersönlichkeiten geprägten Form bei den Benediktinern zu den unterschiedlichen Konzeptionen in den Bettelorden etc. Besonders interessant sind die Abschnitte über die Frauenorden, da der vorliegende Zeitraum – im Gegensatz etwa zum Spätmittelalter – in der Forschungsliteratur bisher kaum systematisch behandelt wurde.
Der zweite Teil bietet die »Specialia« in der Behandlung einzelner Klöster. Die Auswahl folgt nach den Kriterien »Bedeutung des Buchs für die Klostergemeinschaft – Größe und Anspruch der Büchersammlung – Organisationsebenen – Interesse für Ordnung und Präsentation – Fächerspektrum des Bestandes – Umgang mit Altbeständen – Verhältnis von Zellenbüchern und Gemeinschaftsbibliothek – Profile der Bibliotheksnutzer – Bedeutung des lokalen Umfelds« (S. 112).
Die »Specialia« kann man unter verschiedenen Aspekten zur Kenntnis nehmen. Es geht zunächst um die »gelehrten Orden«. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Thematiken, etwa die Spezialsammlungen (Abts-, Zellenbibliotheken etc.) oder die Stellung und das Profil der Bibliothekare. Zentrales Kapitel sind die Katalogisierungsunternehmungen der bedeutenden Bibliotheken mit großen Büchersammlungen (Weingarten, St. Blasien, Ochsenhausen, Salem – dazu S. 174: »so ein Catalogus ist alsdann erst die wahre seele einer Bibliothec«). Sie sind hinsichtlich der Systematiken im Umfeld der Aufklärung und der Bedeutung der Bibliotheken für das klösterliche Leben, »die effektive Nutzung wie auch für die ideologische Positionierung« (S. 189) von höchster Wichtigkeit. Die Befragung der Bibliotheksbestände nach ihrer »Modernität« – vor allem dem Verhältnis zur Aufklärung – ist ein weiterer Bereich. Die Wahrnehmung bzw. Rezeption Kants ist dabei besonders interessant (S. 238). Schließlich werden die erstaunlichen wissenschaftlichen Netzwerke dieser Orden beleuchtet.
Die Behandlung der Bibliotheken der Schul- und Seelsorgeorden krankt dagegen grundsätzlich an der problematischen Quellenlage, weshalb zunächst diese dargestellt wird, sowohl hinsichtlich der internen Unterschiede in der Organisationsstruktur dieser Orden wie der äußeren bei der Säkularisation. Das wird differenziert nach den einzelnen Orden dargestellt, wobei die Jesuiten in mancher Hinsicht eine Sonderstellung einnehmen.
Beim Schlussabschnitt über die »Bibliotheken in Frauenklöstern« ist das bei den »Generalia« genannte Problem der Forschungssituation immer im Hintergrund. Zur zeitgeschichtlichen Bewertung finden sich die bekannten negativen Urteile aus der Zeit der Aufhebung: »die meisten bücher gehören zu dem alten Wust von katholischen Klosterbibliotheken und sind für unser Zeitalter zweklos und unverkäufflich« (S. 298 und 329). Solche Wertung der Bestände gibt es auch innerhalb der Klöster: »die Frau Priorin aestimiret selbe so gering, dass sie sich entschließen würde, um eine Louis d’or, so wie es beschrieben, an wen immer beliebig zu überlassen« (S. 327). Dem steht anderswo jedoch Traditionsbewusstsein der Orden gegenüber. Indirekt wird das deutlich aus dem Interesse staatlichen Zugriffs auf liturgische Bücher »wegen Zierlichkeit der Miniaturen und Reichtum der Vergoldungen« (S. 329). Und die Autorin zitiert durchaus positive Einschätzungen und weist auf die durch den Erwerb aus solchen Bibliotheken (etwa durch die Benediktineräbte Martin Gerbert oder Philipp Jakob Steyrer) deutlich werdende Bedeutung mancher Bestände hin.
Es lassen sich auch Curiosa aufpicken, so wenn bei den Augustiner-Chorfrauen »Fehler beim [Vor-]Lesen zur Kategorie der zwar geringeren Verfehlungen« gezählt werden, »die aber immerhin im Kapitel bekannt gemacht und gebüßt werden mussten« (S. 104). Das wünschte man heutzutage bei manchen Nachrichtensprechern. Schlimmer war es in Weingarten beim Versuch der Entwendung von Büchern. Dort musste der Besagte »seinen diken Kopf verpfänden, den ich ihm abzuseegen drohete, im Fall er nicht Wort hielt, um ihn in der Weingartner Bibliothek zur Warnung aller Bücherdiebe aufsteken zu lassen« (S. 241).
Die Nutzung des monumentalen Werks bietet durch Gliederung und Register viele Möglichkeiten. Das betrifft die naheliegende ortsgeschichtliche Durchsicht, aber auch die Analyse nach ordensgeschichtlichen Fragestellungen oder die Suche nach einzelnen Personen, thematische Querschnitte – von bibliothekarischen und bibliographischen Fragen bis zu Themen wie der Konfessionalisierung oder dem Verhältnis zur Aufklärung.
Zum Schluss seien noch die letzten Sätze der »Ergebnisse« zitiert: »Die Bibliothekskataloge gehören zu den wenigen noch verfügbaren Quellen, die nach der Auflösung vieler Klöster in der Säkularisationszeit die Bibliotheken heute noch in ihrem Ensemblecharakter und mit den Intentionen ihrer Vorbesitzer wenigstens in Umrissen erfahrbar machen können. Entsprechendes gilt auch für die Auflösung von Klöstern in der heutigen Zeit, deren Kulturgütern, insbesondere ihren Bibliotheken und den alten (oder neu zu erstellenden) Bücherverzeichnissen ebenfalls Aufmerksamkeit und ein sorgsamer Umgang gewidmet werden sollten. Nur so kann auch zukünftig die Leistung der Klöster als Bildungsträger und Bildungsvermittler sichtbar bleiben« (S. 359). In einer Zeit, in der Bibliotheken auf unterschiedliche Weise gefährdet sind, gilt das auch weit über den Kontext »Klöster« hinaus.
Albert Raffelt
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