Titelbild eines Buches

Eva Klingenstein: Im Bann der Seherin. Historischer Roman

Molino Verlag, Schwäbisch Hall und Sindelfingen, 2026. 363 Seiten, 22 Euro broschiert ISBN 978-3911682-04-6

Titelbild eines Buches

Vor genau 200 Jahren entstand der My­thos um die Seherin von Prevorst, von dem viele wissen, ohne die genaueren Umstände aus dem Leben, von der Krankheit und den erstaunlichen Fähig­keiten der jungen Friederike Hauffe zu kennen. Vielleicht trägt der fremdartig klingende Ortsname Prevorst dazu bei; das kleine Dorf thront oben in den Lö­wensteiner Bergen, ist eine Exklave und der höchstgelegene Wohnplatz im Kreis Ludwigsburg. Dort, im Gasthaus zum Ochsen, wurde Friederike Wanner 1801 als Tochter des Revierförsters geboren. Aufgewachsen ist sie bei den Großeltern in Löwenstein, mit 20 Jahren wird sie mit dem wesentlich älteren Kürnbacher Kaufmann Gottlieb Hauffe verheiratet.

Bald schon zeigen sich physische und psychische Krankheitssymptome, es folgt eine schwere erste Geburt, das Kind stirbt. Nach dem zweiten Kind ver­schlimmern sich die gesundheitlichen Probleme, und Friederike Hauffe zieht zur Behandlung bei Oberamtsarzt Justi­nus Kerner nach Weinsberg. Es ist das Jahr 1826 – doch damit beginnt nicht das erste, sondern das 7. Kapitel in Eva Klingensteins historischem Roman. Er trägt den Titel Im Bann der Seherin, denn tatsächlich ist die Rezeptionsgeschichte umfänglicher und interessanter als das wirkliche Leben der Friederike Hauffe.

Der Anfang des Buches führt uns zwar ins Kernerhaus nach Weinsberg, doch fast sechs Jahrzehnte später; Theobald Kerner lebt mit seiner Frau Else im El­ternhaus, plant dessen Umbau und die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag sei­nes Vaters Justinus. Vor allem bemüht er sich um »jenen Maler aus München«, Ga­briel von Max. Dieser ist nach seiner Lek­türe der Seherin von Prevorst, Justinus Kerners zum Bestseller avancierter Fall­studie, schon lange affiziert und macht sich 1882 mit dem Philosophen Carl du Prel auf den Weg nach Weinsberg. Dort entstehen mehrere Zeichnungen und schließlich das Porträt, zu dem der Künstler zwar gut recherchiert hat, das aber keineswegs authentisch, sondern stark idealisiert ist: Zum Zeitpunkt ihres Aufenthalts in Weinsberg war Friederike Hauffe ausgezehrt und zahnlos, keines­falls diese in weiße Stoffe gehüllte, äthe­risch-zarte Schönheit mit sehnsuchtsvoll in ein Jenseits gerichtetem Blick.

Dieses Gemälde von Gabriel von Max hat den Mythos gekrönt und schmückt pas­send das Buchcover sowie die Ankündi­gung der Ausstellung, die von Ende Mai bis Mitte Juli im Heilbronner Museum im Deutschhof zu sehen war. Mitkuratorin Eva Klingenstein beschäftigt sich seit langem intensiv mit dem Thema, und das merkt man ihrem Buch an: Mit leich­ter Hand führt sie ihre ProtagonistInnen, beschreibt detailliert die Schauplätze und nimmt uns überaus kenntnisreich mit in diese Epoche württembergischer Geschichte.

Geschickt komponiert sie die zweimal sechs und ein abschließendes Kapitel um Hofrat Theobald Kerner und Ehefrau Else, die im Imperfekt von einem wohlsi­tuierten Leben in den 1880er-Jahren er­zählen, und die zweimal acht Kapitel, die – im Präsens – die drei Jahre der Friede­rike Hauffe bei der Familie Kerner ver­gegenwärtigen. Aus der Perspektive Frie­derike (Rickele) Kerners, der Ehefrau und (Haus-)Mutter, erleben wir den Weinsberger Alltag samt dem Tratsch über die geheimnisvolle Patientin, erfah­ren von den medizinischen Therapien jener Zeit und Justinus Kerners teils ärztlich-zugewandter, teils neugierig-ex­perimentierender Art: Die »Seherin« ist zweifellos intelligent und kreativ, aber überspannt und in einem Zustand zwi­schen Leben und Tod, der ihr übersinnli­che Fähigkeiten verleiht. Dass sie selbst eine psychisch erkrankte Gräfin heilt und einen Kriminalfall aufklären hilft, macht sie noch anziehender als ihre Geistererscheinungen.

Immer mit einer feinen ironischen Dis­tanz und einem leichten Witz schildert Eva Klingenstein, wie aus einem tragi­schen Frauenschicksal – vermutlich war Friederike Hauffe als Mädchen etwas Traumatisches zugestoßen – ein Sujet der Medizin- und Literaturgeschichte entsteht, das bis heute als unerklärlich fasziniert. Überzeugend und mit leben­digen Dialogen erzählt sie von den sozia­len Beziehungen: den Kerner-Ehepaa­ren, den Geschwistern sowie den zahl­reichen Freundschaften und Bekannt­schaften – im Anhang findet sich dazu ein hilfreiches Personenverzeichnis samt Zeittafel.

Selten habe ich einen historischen Ro­man mit so viel Gewinn und Vergnügen gleichermaßen gelesen.

Irene Ferchl

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