Titelbild eines Buches

Steffen Seischab (Hrsg.): Tradition als Herausforderung.

Der industrielle Strukturwandel im Land um Teck und Neuffen

Verlag Sindlinger-Buchartz, Nürtingen 2024. 195 Seiten, zahlr. Abb. Paperback 18,20 €. ISBN 978-3-928812-80-1

Titelbild eines Buches

Die Verlagerung von Industriebetrieben ins Ausland und die damit verbundenen Veränderungen in der Region hat gerade heute wieder eine besondere Aktualität. Dass solche Prozesse schon in früheren Jahrzehnten auftraten, zeigt diese be­merkenswerte Regionalstudie. Der rühri­ge Linsenhofer Historiker Steffen Sei­schab nimmt dafür das Gebiet des Alt­kreises Nürtingen näher unter die Lupe.

Unbestritten stellt der industrielle Struk­turwandel einen komplexen Prozess dar, dessen Beschreibung selbst in regionaler Fokussierung Bände füllen könnte. Das Buch beschränkt sich in seinem Haupt­teil deshalb auf die Entwicklung einzel­ner Unternehmen, die in ihren Standort­gemeinden eine wichtige Rolle spielten oder spielen. Aussagekräftige Beispiele fand er in für die Region Nürtingen- Kirchheim typischen, über mehrere Ge­nerationen familiengeführten Firmen. Die Fragen Seischabs und seiner Co-Au­toren orientieren sich nun daran, wie in den Unternehmen mit den Herausforde­rungen aus der jeweils eigenen Tradition umgegangen wurde: Tradition einerseits als Chance, andererseits als Gefahr. Auf eine besonders lange Tradition konnte die bereits 1760 in Kirchheim gegründe­te Buntweberei Kolb & Schüle zurückbli­cken. Gerade in dieser Tradition, die sich bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg in extremen Kontinuitäten bei der Produkt­palette wie beim Führungspersonal aus­drückte, sieht Seischab einen wesentli­chen Grund für den Untergang des Unternehmens um die Jahrtausendwen­de. Zahlreiche erfolgreich bestandene Krisen in der Vergangenheit habe der rechtzeitigen Suche nach alternativen Märkten und Produkten im Wege gestan­den.

Interessanterweise ist es Seischab gelun­gen, den Wirtschaftsjuristen Volker Grub als Mitautor zu gewinnen, der sich als In­solvenzverwalter und Sanierer einen Na­men gemacht hat. Grub kann quasi aus der Innenwelt zweier Unternehmen be­richten, an deren Abwicklung er feder­führend beteiligt war: der Kirchheimer Flanschenfabrik Helfferich Nachfolger und des Wendlinger Möbelunterneh­mens Behr. 1912 errichtete der von Stuttgart kommende Erwin Behr in Wendlingen eine imposante Fabrik zur Fertigung zeitgemäßer Möbel, mit der er früh einen Direktverkauf verband. Inno­vationen in der Holzverarbeitung (Form­holz) ermöglichten dem Unternehmen später, seine Produktpalette zu erwei­tern, etwa als Zulieferer für die Automo­bilindustrie. Woran scheiterte schließ­lich dieses jahrzehntelang erfolgreiche und innovative Unternehmen? Grub sieht eine Hauptursache in der Vernach­lässigung des Kernbereichs Möbelferti­gung zugunsten der Automobilzuliefe­rung, die nach der Aufnahme branchen­fremder Mehrheitseigner forciert wor­den war. Während die Möbelproduktion und der Möbelhandel in fremden Hän­den überlebten, musste Grub ab 2007 die Automotive-Sparte von Behr abwi­ckeln.

Im Kontrast dazu vermag Seischab eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte er­zählen: Von einer 1868 in der Nürtinger Neckarvorstadt gegründeten Gemischt­warenhandlung zu einer heute in fünfter Generation in Familienbesitz befindli­chen, weltweit agierenden Unterneh­mensgruppe, der Greiner AG. Am be­kanntesten ist Greiner in unserem Raum heute mit der Niederlassung von Greiner Bio-One in Frickenhausen. Seischab sieht diesen Erfolg tief in der Firmen-und Familiengeschichte verankert, ange­fangen beim Firmengründer, dem Kauf­mann Carl Albert Greiner. Schon bei ihm fällt eine außergewöhnliche Flexibilität im Blick auf die hergestellten Produkte auf. Mit Kork und später Kunststoffen konnte man dabei auf vielfältig einsetz­bare Werkstoffe bauen. Die frühe inter­nationale Orientierung kam bereits in der zweiten Generation mit der dauer­haften Niederlassung von Familienmit­gliedern im Ausland zum Ausdruck. Eine entscheidende Rolle spielte bei Greiner das über die Generationenwechsel hin­weg bestehende Familiennetzwerk, in dem man loyal zur »Firma« stand. Dabei habe, so Seischab, das nicht vernachläs­sigte familieninterne Konkurrenzstreben oft erstaunliche Leistungen hervorge­bracht.

Der zweite, kürzere Teil des Buchs wen­det sich Herausforderungen zu, die der industrielle Strukturwandel für die Standortgemeinden und die Beschäftig­ten bedeutete. Die ehemalige Leiterin der Frauengeschichtswerkstatt der Volkshochschule Beate Reinhardt kann dazu ihre langjährigen Forschungen zur Nürtinger Strickwarenindustrie in zwei Beiträgen zusammenfassen: »Vom Boom zum Niedergang« und »Das Ende der Heimarbeit«. Die Perspektive der ganz überwiegend weiblichen Beschäftigten einbeziehend, zeichnet sie den Weg der auf eine jahrzehntelange Tradition zu­rückblickenden Nürtinger Maschenwa­renindustrie – vom raschen Wiederauf­erstehen nach dem Krieg über den Höhe­punkt in den 1960er-Jahren bis zum bald danach einsetzenden Niedergang. Besonders bitter war, dass die qualitäts­vollen Nürtinger Erzeugnisse gegenüber der in Niedriglohnländern hergestellten, immer rascheren Wechseln unterliegen­den Mode nicht bestehen konnten.

Für Kommunen kann die Deindustriali­sierung zur städtebaulichen Herausfor­derung werden, wenn plötzlich große Flächen einer neuen Nutzung zugeführt werden müssen. Am Beispiel des Nürtin­ger Zementwerks, das 1977 seinen Be­trieb einstellte, beleuchtet Seischab, wie für das Firmengelände, gemessen an den hohen Erwartungen, keine seiner An­sicht nach überzeugende Lösung gefun­den werden konnte.

Reinhard Tietzen

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