Felix Banzhaf, Jürgen Bleibler, Carolin Gennermann, Silvia Rückert (Hrsg.). Begleitband zur Ausstellung 22. Mai 2026 bis 4. April 2027. Metropol Verlag, Berlin 2026. 376 Seiten, 180 Abb. Hardcover 34 €. ISBN 978-3-86331-854-3

Wer als betagter Einzelbesucher unterm Jahr, egal an welchem Wochentag in Friedrichshafen am Ticketschalter des Zeppelin-Museums im einstigen Hafenbahnhof ansteht, findet sich hauptsächlich unter seinesgleichen wieder. Die Generation Boomer, meist männlichen Geschlechts, kommt in Gruppen massenhaft, wohl mit großen Erwartungen und wohl auch mit Zeppelin-Geschichten im Kopf, die sie zu ihrer Kinderzeit gehört haben mag. Diese, oft romantisierende Erinnerung zu revidieren, ist der Anspruch, dem sich die Kustoden zum 30. Museumsgeburtstag selbst unterworfen haben. Das Ergebnis ist eine Sonderausstellung samt diesem vorliegenden Begleitband.
»Erinnerungskultur bedeutet nicht, Geschichte zu entfernen, sondern sie einzuordnen, sichtbar zu machen und aus ihr zu lernen«. So haben es kürzlich die Gemeinderatsfraktionen in Kornwestheim zu Ernst Sigle formuliert, als es darum ging, Lebenswerk und Bedeutung in der Salamander AG während der Hitlerzeit neu zu kalibrieren. Das führte zum Verlust der ihm 1927 verliehenen Ehrenbürgerwürde ebenso wie zur Umbenennung des städtischen Ernst-Sigle-Gymnasiums. Derselbe Ansatz wird in Friedrichshafen verfolgt. Die wahre Wahrheit der gefühlten Wahrheit entgegenzustellen, hat sich das Museumsteam zur Aufgabe gemacht. Nun ist die Frage, was Wahrheit ist, eine seit jeher relevante. Vielfältig sind Redensarten, Zitate und geflügelte Worte zu diesem Thema. Aus der Zeppelin-Ära die absolut reine Wahrheit herauszudestillieren, ist ein extra großes Unterfangen. Denn mächtig sind die Bilder, die von majestätischen Luftschiffen in den Himmel und damit in die Köpfe hinein gezeichnet worden sind. Fabulös sind die Erzählungen, die von ruhmreichen Weltumrundungen, unglücklichen Havarien und fatalen Katastrophenfahrten berichten.
»Aufgeladene Bilder« ist denn auch ein Arbeitsgespräch zwischen Jonas Englert und Mara-Johanna Kölmel benannt, in dem es darum geht, wie emotionale Überzeugungen die historischen Fakten oft überlagern oder verzerren (S. 321ff.). In insgesamt 19 Kapiteln »zerpflücken« Autorinnen und Autoren den Stoff, aus dem Mythen gesponnen werden. Sie schlagen den Bogen von der Kaiserzeit in die zweite Nachkriegszeit und fokussieren sich auf die Jahre 1933 bis 1939: Luftschiffe mit dem Hakenkreuz an Backbord lassen NS-Flugblätter hinab aufs Sudetenland regnen. LZ 127 (Graf Zeppelin) auf großer Fahrt nach Brasilien. Die »fliegende Zigarre« als Propaganda-Vehikel über Deutschland. Selbst das katastrophale Ende von LZ 129 (Hindenburg) in Lakehurst 1937 wird heroisch genutzt. Die Beisetzungen versengter Besatzungsmitglieder in der Heimat gleichen Staatsbegräbnissen.
Die Kuratoren relativieren Lebensgeschichten, wie etwa die von Hugo Eckener, dem kühnen Luftschiffer, der als Nachfolger des Grafen Zeppelin weltumspannend unterwegs war: unpolitisch, wie er sich selbst sah. Jürgen Klöckler bezeichnet ihn in seinem Beitrag jedoch als »Spitzenmanager der NS-Rüstungswirtschaft« (S. 149ff.). Und Martin Ebner beschreibt, wie Eckener 1949 den holprig mahlenden Entnazifizierungs-Mühlen als »nicht unter das Gesetz zur politischen Säuberung fallend« entkommt (S. 247ff.). Eckener hat sich danach unmittelbar autobiografisch sozusagen selbst rehabilitiert (Hugo Eckener: Im Zeppelin über Länder und Meere. Erlebnisse und Erinnerungen, 1949).
Geografisch reichen die Beiträge im vorliegenden Katalog weit über Friedrichshafen hinaus: »Der Zeppelin und das ›Deutschtum‹ in Brasilien«. Oder: »Zeppelin Rezeption in den USA«. Oder: »Jüdische Luftschiffreisende auf dem Weg nach Brasilien«. Und, um wieder in heimischen Gefilden anzulanden, ein Aufsatz von Oswald Burger, Schullehrer und altbekannter Geschichtsarbeiter, der sich seit Jahrzehnten mit den bei Überlingen in von KZ-Häftlingen in die Molasse des Bodenseeufers getriebene Fabrik- Stollen kümmert. Sein Thema: »Gedenkstättenarbeit von 1945 bis heute in Überlingen und Friedrichshafen«.
Zum 30. Museumsgeburtstag ist nun also eine umfangreiche Sonderausstellung zustande gekommen und dazu ein Katalog mit vielen interessanten Details und erleuchtenden Wortbeiträgen. Letztendlich bleibt es dem Publikum überlassen, ob es gefühlte Wahrheiten gegen echte Wahrheiten eintauschen will. Zur »Wahrheitsfindung« ist der (nicht übermäßig üppig bebilderte) Katalog vorgesehen. Man erwirbt ihn am besten am Ende des Rundgangs, denn sein Gewicht hat’s in sich. Im wahrsten Sinn des Wortes.
Reinhold Fülle
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