Klaus Steinke: Teehaus, Tanz und Berg der Wahrheit. Zeitreisen rund um die Stuttgarter Weissenburg.

Titelblatt

Mit Beiträgen von Ida Herion, Paul Isenfels, Reinhard Gunst u. Sabine Lutzeier. Silberburg Verlag Tübingen 2018. 280 Seiten mit rund 460 Abbildungen. Hardcover € 34,99. ISBN 978-3-8425-2095-0

Das Buch spricht an. Sowohl die Illustration auf seinem Deckel als auch die Fülle an Abbildungen machen neugierig. Beim genaueren Betrachten und bei aufmerksamer Lektüre zeigen sich allerdings Schwächen. Autor ist der im Süden Stuttgarts am Bopser aufgewachsene Unternehmensberater und Heimatforscher Klaus Steinke. Auf Grund des Buchtitels erwartet der Leser, Neues über den Park der in den 1960er-Jahren abgebrochenen Villa Weissenburg zu erfahren. Den einen oder anderen wird allerdings die Titelergänzung stutzig machen, weil zwei der sogenannten Beitragsautoren bekanntlich seit Jahrzehnten verstorben sind.

Die Publikation gliedert sich in vier Kapitel. Das erste ist vor allem dem langjährigen Eigentümer der Villa und dem Bauherrn von Teehaus und Marmorsaal und seiner Familie gewidmet. In den ersten Unterkapiteln bemüht sich der Autor um die Verortung von Fotos aus den Archiven der Familie Sieglin im Park der Villa und um ihre Datierung. Die nötigen Grundinformationen erhält der Leser allerdings erst im fünften Unterkapitel nach einem Exkurs über Leben und Werk eines willkürlich herausgegriffenen Bildhauers, der eine Skulptur in der Villa geschaffen hatte. Dann endlich erfährt der Leser, dass Ernst Sieglin (1848-1927), der sein Vermögen mit Seifenpulver erworben hatte, 1898 die Villa Weissenburg als Wohnstätte für sich und seine Familie erwarb. Diese klassizistische Villa stammte im Kern von 1843/44 und war 1889/90 beidseitig turmartig erhöht worden. Sieglin veranlasste 1904 eine Erweiterung der Villa gegen den Hang und 1912/13 den Bau von Teehaus und Marmorsaal nebst Tennisplatz und Wasserbassin. Interessant sind die hier wiedergegebenen Umbaupläne der Architekten Robert von Reinhardt aus dem Jahr 1889 und von Ludwig Eisenlohr & Carl Weigle aus dem Jahr 1904, die allerdings schlecht reproduziert, zudem in kleinem Format und mit zum Teil angeschnittenen Unterschriften wiedergegeben sind. Leider auch fehlen Wiedergaben der Pläne zu den Gartenarchitekturen des Architekten Heinrich Henes von 1912. Ebenso vermisst man eine systematische Beschreibung des Parks und seiner Vegetation. Eine systematische Beschreibung fehlt auch zum Inneren der Villa, wird aber durch Fotos aus dem Archiv der Familie Sieglin und des Stadtarchivs aus der Zeit kurz vor dem Abbruch ersetzt.

Die Kapitel 2 und 3 beschäftigen sich im Wesentlichen mit der zu Anfang des 20. Jahrhunderts erstandenen Reformbewegung und dem Ausdruckstanz und den 1926 entstandenen Fotografien, die Mitglieder der Tanzschule Herion im Park der Villa Weissenburg zeigen. Kapitel 2 widmet der Autor dem Lebensreformer Gusto Gräser, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Familie in Degerloch lebte. Daneben sind Unterkapitel – ohne tiefer gehende Recherche – einem den Bopser nennenden Liedtext von Willy Reichert, andere den Verkehrsmitteln nach Degerloch und den Ausflugslokalen im Stuttgarter Süden gewidmet. Die Leistung des Autors in Kapitel 3 ist im Wesentlichen der posthume Faksimile-Abdruck, also nicht Beitrag, der Publikation Getanzte Harmonien des Fotografen Paul Isenfels (1888–1974) mit Fotografien, die Tänzer der Schule von Ida Herion (1876–1959) im Park der Villa Weissenburg aus dem Jahr 1926 zeigen. Das Unterkapitel 3.5 bietet dann einen weiteren posthumen Abdruck, und zwar den des Textes von Ida Herion zum 40jährigen Bestehen ihrer Tanzschule in Stuttgart aus dem Jahr 1952. Eine Zusammenführung der Kapitel 2 und 3 wäre sinnvoll gewesen, da vom Gedankengut der Lebensreformer, wie Gräser, auch Herion und der bzw. ihr Ausdruckstanz beeinflusst waren. In den Passagen zu Isenfels und Herion fehlen Hinweise auf die Artikel in der Zeitschrift Denkmalpflege in Baden- Württemberg von 1986 und 1994, in denen die Rezensentin Fotos von Isenfels im Zusammenhang mit Marmorsaal und Teehaus aus seiner Publikation von 1926 nach Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte. Nachweise sind in der Publikation überhaupt vernachlässigt, fehlen oder sind unsystematisch und unvollständig eingebracht. Auch fehlt ein Literaturverzeichnis. Nur zum Villeneigentümer Sieglin findet sich als Kapitel 8 ein Quellenverzeichnis. Anmerkungen sind zum Teil eingebracht, aber nicht bei allen wesentlichen Aussagen und nicht bei allen Zitaten. Wenn denn Anmerkungen mit Angabe von Quellen und Publikationen gemacht sind, so fehlt meist die Nennung von Erscheinungsort und/oder -jahr. Manche Autoren von ausgewerteter Literatur sind im Namens- und Ortsverzeichnis genannt, aber nur wenige, ausgewählt nach nicht genannten Kriterien.

In den genannten Kapiteln gelingt es dem Autor nicht, die im Titel gewählte Bezeichnung Berg der Wahrheit für den Bopser nachvollziehbar zu machen. Der kulturinteressierte Sieglin ermöglichte dem Fotografen Isenfels und der Tanzgruppe Herion zwar 1926 die Fotokampagne mit nicht oder nur leicht bekleideten Tänzern im Park der Villa, er beherbergte aber keine Gemeinschaft von Lebensreformern in seinem Park, wie sie auf dem Monte Verità bei Ascona / Tessin lebte, oder war selbst ein Lebensreformer.

In Kapitel 4, betitelt Von der Besatzungszeit in die Neuzeit (der Autor meint mit Neu- offensichtlich die Jetztzeit), beschäftigt sich der Autor mit dem Schicksal von Villa und Park von der Nachkriegszeit bis heute, in Unterkapiteln auch mit anderen Bauten und Ereignissen im Stuttgarter Süden. Hier lesenswert ist die Seite 208, in der es um den Grund und die Umstände der Überstreichung und damit Entfernung der die Villa Weissenburg seit der Kriegszeit tarnenden Fassadenfarbe geht, die der amerikanische Kommandant zwischen 1945 und 1951 veranlasste. Ein Unterkapitel, das sich dem Park und seinen Veränderungen zur Bundesgartenschau 1961 bis heute widmet, ist wegen zahlreicher informativer Postkartenansichten und Fotos aus Privatarchiven betrachtenswert. Wiedergegeben ist hier auch ein Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 24. August 1957, aus dem hervorgeht, dass die Wandmalereien im Marmorsaal bereits damals und nicht – wie bislang angenommen – 1961 übertüncht worden sind.

Anders als der Autor äußert, wäre die 1964 abgebrochene Villa Weißenburg nach dem 1972 in Kraft getretenen Denkmalschutzgesetz nicht nur wegen ihres Kernbaus von 1843/44 als Kulturdenkmal erhaltenswert gewesen, sondern auch mitsamt aller ihrer Überformungen durch die renommierten Architekten Reinhardt und Klatte & Weigle, weil diese nämlich ihre klassizistische Architektur so respektvoll fortgeschrieben haben, dass der Kernwert erhalten und ihm weitere künstlerische Qualitäten zugewachsen sind. Zudem wäre die Villa als Stätte stadtgeschichtlich wichtiger Ereignisse von heimatgeschichtlicher Bedeutung heute als erhaltenswert eingestuft worden. Das Gleiche gilt für den Park der Villa, dessen Veränderung von 1961 die architektonische und gartenkünstlerische Ausformung auch durch Henes leider wenig beachtet hat.

Kapitel 5, davon ein Unterkapitel von Gastautoren, beschäftigt sich im Wesentlichen mit Mutmaßungen über den Bopser zu Zeiten der Kelten und Staufer, wobei die inzwischen allgemeine Kenntnis ignoriert wird, dass Höhenburgen wehrhafte Wohn- und Kontrollanlagen von Ortsherren und keine Stätten zur Beobachtung von Sonnenuntergängen waren. Daneben werden hier auch die Kavernen beim Bopser, die ehemals der Gewinnung von Stubensand dienten, thematisiert. In Kapitel 6 schließlich versammelt der Autor Abdrucke von Erzählungen über die Weissenburg.

Die abgebildeten Fotos aus den Sieglinschen Archiven und die aktuellen vom Teehaus sind gut, andere Abbildungen hingegen von schlechter Qualität und/oder äußerst kleinformatig. Zahlreiche Fotos sind durch einmontierte Fotos oder Grafiken gestört. Dem Autor ist es zwar leider nicht gelungen, die Geschichte und Gestalt der Villa Weissenburg und ihres Parks umfassend und vertieft darzustellen, ansehenswert ist das Buch im Wesentlichen aber wegen bislang unbekannter Fotos aus Privatarchiven.

Judith Breuer

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