Eine neue Ästhetik des Lebens. Wegbereiter der Moderne im Stuttgart der Roaring Twenties 1919-1933
Schmetterling Verlag, Stuttgart 2026. 328 Seiten, zahlr. Abb. Hardcover 24,80 €. ISBN 978-3-89657-169-4

Spätestens seit der TV-Krimiadaption »Babylon Berlin« hat man genügend Bilder im Kopf, wie die »Wilden Zwanziger« ausgesehen haben müssen, zumindest in der Reichshauptstadt und in der Vorstellung der Regisseure. Freilich unterschied sich die Realität davon deutlich, und Deutschland bestand während der Weimarer Republik nicht nur aus Berlin. Neben anderen Städten war Stuttgart ein überaus progressiver Ort, an dem die Moderne in Technik, Kunst und Kultur Fuß fassen konnte. Diesem Thema widmet sich der Historiker und Journalist Jörg Schweigard aus einem kulturgeschichtlichen Blickwinkel. Die Epoche wird meist als »Goldene« oder »Wilde Zwanziger« bezeichnet, treffender ist mitunter von den »Langen Zwanzigern« die Rede, um die Ära unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg beginnen und mit der Zäsur 1933 enden zu lassen. So definiert auch Schweigard seinen Untersuchungszeitraum.
Die titelgebende »neue Ästhetik des Lebens« ist ein Zitat des Journalisten Sebastian Haffner, welches dieser zwar in der Rückschau geäußert hat, doch die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen jener Jahre und den damit einhergehenden Optimismus charakterisiert. Dieses Potential wurde durch den Nationalsozialismus jäh gestoppt. Mit dieser Prämisse erzählt Schweigards Buch die Weimarer Jahre jedoch nicht als eine Geschichte des zwangsläufigen Scheiterns, sondern eher als eine Geschichte des Aufbruchs und der Möglichkeiten. Obwohl er dabei manchmal etwas der Begeisterung für die Sache erliegt, beschreibt er differenziert und facettenreich die gesellschaftliche Gemengelage und verschweigt weder die vergleichsweise harmlosen Zivilisationskritiker noch die massiven politischen Vorboten der Diktatur.
Strukturell verfolgt Schweigard sein Anliegen ohnehin nicht streng chronologisch, sondern weitgehend thematisch. Zahlreiche Exkurse, die zumeist biografisch angelegt sind, finden sich dazwischen. Den Zugang erhält man durch eine umfangreiche Einleitung, die sich an einzelnen Ereignissen oder Persönlichkeiten entlanghangelnd die Epoche abhandelt – vom »schwierigen Beginn« der ungewollten Republik bis zum »Vorabend der Finsternis«. Es folgen sechs Kapitel und ein knapper Epilog. Diese Kapitel selbst sind ungefähr gleich umfangreich, behandeln aber recht unterschiedliche Themenfelder: Unterhaltung, starke Frauen, Literatur, Kunst und Architektur, Persönlichkeiten sowie Sport. So entsteht ein weitgespanntes Bild einer kulturellen Blüte, die in Stuttgart beeindruckende Ausmaße besaß.
Im Jahr 2012 hatte Schweigard seinen Band Stuttgart in den Roaring Twenties. Politik, Gesellschaft, Kunst und Kultur in Stuttgart 1919–1933 vorgelegt. Statt einer Neuauflage entschied er sich für ein neues Buch, das sich daher den Vergleich gefallen lassen muss. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass sich nur wenig Neues findet, was für einige Exkurse vielleicht sogar zutrifft. Dem neuen Fokus würde man damit jedoch Unrecht tun. Einige Kurzbiografien finden sich nicht mehr – weder der politische »Rechtsaußen« Wilhelm Bazille noch der jüdische Wirtschaftsexperte Otto Hirsch. Dafür gibt es neue Protagonisten aus der Kulturszene, beispielsweise Fritz Busch. Die schon 2012 erwähnten Joachim Ringelnatz und Josephine Baker erhalten nun zu Recht mehr Raum. Entsprechend konnte der Umfang wachsen, und die Fußnotenanzahl hat sich annähernd verdoppelt, aber ein Register ist leider nicht mehr dabei. Manche Kritikpunkte (vgl. die Rezension SH 2023|3, S. 378f.) könnte man erneut ins Feld führen, wenngleich sie dem Autor bewusst sind: Die Konzentration auf den neuen kulturellen Zeitgeist überblendet einerseits die zweifellos vorhandenen politischen Krisen und Wirtschaftsprobleme. Andererseits betraf die Lebenswelt der Künstler, Literaten und Freigeister nur einen kleinen Teil der Bevölkerung.
Für die Geschichtswissenschaft ist es nahezu ein Selbstläufer, in den 2020er-Jahren auf die 1920er-Jahre zu schauen. Aber selbst ohne Alleinstellungsmerkmal liefert Schweigard eine spannend zu lesende Kulturgeschichte der Epoche, die weder Fachleute langweilt noch Laien abschreckt. Selbst wenn manch Bekanntes teilweise nur neu erzählt wird, bleibt ein hochinteressanter Lesestoff, der zum Nachdenken anregt. Die aktuell gesellschaftlich vielbeschworene Warnung vor einer Parallelsituation zu 1933 sieht die historische Forschung nüchterner, ohne die Gefahr kleinzureden. Schweigard selbst lässt diese Überlegungen am Ende kurz durchscheinen (S. 300), um der Debatte ein Statement hinzuzufügen – und das erscheint legitim.
Stefan Heinz
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