Dirk Krausse, Günther Wieland, Felicitas Schmitt (Hrsg.). Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 2025. 687 Seiten. zahlr. Abb. und Karten. Hardcover 68 €. ISBN 978-3-534-61034-1

Lange hat man es ersehnt, nun wurde es wahr: 45 Jahre nach dem Band gleichen Titels ist eine wieder von der Landesarchäologie herausgegebene moderne wissenschaftliche Darstellung der Geschichte der Kelten im deutschen Südwesten erschienen. Nicht nur im Titel, auch im Aufbau ähnelt die neue, umfangreich aktualisierte Veröffentlichung im Kern der – immer noch lesenswerten – älteren. Im einführenden Abschnitt »Keltenzeit« greifen die Autoren zunächst weit aus: bis zu den Iberokelten in Spanien und den kleinasiatischen Galatern in der Türkei, wobei auch die keltischen Sprachen und ihre Verbreitung bis heute verfolgt werden. Im deutschen Sprachraum – und hier vor allem in Südwestdeutschland – zeugen vom Keltischen allerdings nur noch wenige Relikte in Orts- und topografischen Namen. Aber ein Blick auf die Karte des keltischen Europas offenbart, dass Baden- Württemberg zu den Kerngebieten der frühen Kelten der Hallstattzeit (8. Jh. bis ca. 450 v. Chr.) zwischen Burgund und Böhmen zählt, ja gleichsam in deren Zentrum liegt.
Wer waren die Kelten, woher kamen sie und wohin sind sie schließlich entschwunden? Von älteren Konzepten, für die im 19. Jahrhundert und mit Wirkung bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nur eine »völkische«, ethnische Grundlage der Kultur vorstellbar war, hat sich die Forschung inzwischen endgültig verabschiedet. Es scheint vielmehr, dass »die Kelten« sich nördlich und westlich der Alpen aus den dort lebenden autochtonen Kulturen bruchlos entwickelten. Dem Autorenteam um die Herausgeber Dirk Krausse, Günther Wieland und Felicitas Schmitt gelingt es, die Geschichte der Kelten in Südwestdeutschland anhand der archäologischen Funde sehr vielschichtig nachzuzeichnen: von den »Fürstensitzen« der Hallstattzeit, wie der Heuneburg und deren komplexen soziokulturellen, politischen und wirtschaftlichen Bezügen, über die sich über Jahrzehnte erstreckende Aufgabe dieser burgartigen Anlagen, deren Ursachen noch ungeklärt sind, bis zum Ende der hallstattzeitlichen Kultur um 450 v. Chr. und danach einem »dunklen« fundarmen Zeitalter bis etwa 150 v. Chr. Danach entstanden – recht plötzlich – wieder neue, groß bis sehr groß dimensionierte, freilich oft nur wenige Jahrzehnte bestehende urbane Zentren – wie etwa die rund 1800 Hektar umfassende Stadt am Heidengraben, das flächenmäßig größte Oppidum Europas. Auf diese »Oppida-Zivilisation« folgten die rätselhaften Jahrzehnte der fast menschenleeren »Helvetiereinöde«, die Caesar erwähnt und die sich wieder in archäologischer Fundleere niederschlägt, die auf einen politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch der keltischen Gesellschaft jener Epoche schließen lässt. Warum, in welchem Umfang und vor allem wohin die keltische Bevölkerung das Land verließ, bleibt bisher ungeklärt. Als die Römer kamen, fanden sie vermutlich nur noch vereinzelte Siedlungen vor, doch mehren sich jüngst Hinweise auf ein Überdauern keltischen Lebens unter römischer Herrschaft auch rechts des Oberrheins.
Archäologische Forschungen unter Einbeziehung moderner geoarchäologischer, dendrochronologischer, archäobotanischer, archäozoologischer und anthropologischer Erkenntnisse, oft noch recht junger und die Archäologie gleichsam revolutionierender Forschungsfächer, führten in den letzten Jahrzehnten zu vielfältigen, oft überraschenden und nicht selten faszinierenden Erkenntnissen: durch Grabungen in Grabanlagen, Kult- und Opferstätten, Wehr- und Stadtanlagen, seltener in ländlichen Siedlungen, sieht man von den vieldiskutierten »Viereckschanzen« ab. Vorgestellt werden in dem Band unter anderem unterschiedliche Wirtschaftszweige wie etwa die Nutzung von Land und Wald, die Rohstoffversorgung und -verarbeitung, Handelswege und das Transportwesen, das Textilhandwerk oder die Mahlsteinproduktion, ebenso das Münzwesen. Die Untersuchung von Felsen und Berggipfeln, Höhlen und Gewässern, heiligen Plätzen und Gebäuden oder auch Brunnen, in denen hölzerne Götterfiguren gefunden wurden, lieferten vielschichtige Hinweise auf religiöse Vorstellungen der Kelten im Land. Wünschenswert wäre, man hätte Thomas Hoppes hochinteressanter Darstellung der keltischen Kunst wie einst im Vorgängerband mehr Platz zugestanden. Gerade den historischen Laien fasziniert der Wandel der keltischen Kunst vom geometrischen Ornament der Hallstattzeit über die Kreise und Bogenmuster der späteren Zirkelornamentik bis zu den an Jugendstilmotive erinnernden verschlungenen Ranken und Schleifen der späten Latènezeit (Waldalgesheim- und sogenannter Schwertstil); allesamt eine Augenweide.
Teil I des Bandes ist auf rund 340 Seiten diesen historischen und kulturgeschichtlichen Thermen gewidmet. Es folgt in Teil II eine rund 300 Seiten umfassende – und übrigens keineswegs erschöpfende – Vorstellung von sage und schreibe rund 300 wichtigen keltischen Fundstätten, mithin Ausgrabungen, in Baden-Württemberg von Aalen-Ebnat bis Wyhl am Kaiserstuhl. Die stets mit Literaturhinweisen versehenen Einträge können wie zur Heuneburg oder zum Hohenasperg mehrere Seiten umfassen oder auch nur knapp wenige Zeilen. Unzählige Fotos, Pläne und Rekonstruktionszeichnungen vervollständigen das Bild der Grabungsergebnisse.
Ein mit 687 Seiten wahrlich gewichtiges Buch, sowohl inhaltlich wie schwer in der Hand liegend, das man nicht in einem Zug lesen wird, aber gerne und immer wieder hernimmt, um sich erneut in den Bann ziehen zu lassen und ja, sich auch zu delektieren an der begeisternden Fülle der Relikte keltischen Lebens in Baden-Württemberg. Die Texte lesen sich leicht und flüssig, kleine Ausnahmen bestätigen die Regel. Doch das Werk mag gleichfalls die Ansprüche der Fachleute erfüllen: sowohl inhaltlich wie mit den im Anhang zusammengefassten rund 800 Anmerkungen, einer nachgerade erschöpfenden Bibliografie mit rund 1500 (!) Titeln und dem nach Seitenzahlen geordneten Abbildungsnachweis. Die Kelten in Baden–Württemberg präsentiert sich zugleich als fesselnde, üppigst durch Abbildungen unterstützte Veröffentlichung für ein breiteres interessiertes Publikum wie als Handbuch zur Keltenforschung im Land.
Raimund Waibel
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