Titelbild eines Buches

Anette S. Busse: Im Spannungsfeld brutalistischer Strömungen und Liturgischer Bewegung – Bauten der Nachkriegsmoderne von Klaus Franz.

KIT Scientific Publishing, Karlsruhe, 446 S., zahlr., teils farbige Abb. und Pläne, 71,– Euro, ISBN 978-3-7315-0969-1 (auch als 160MB-Download unter www.ksp.kit.edu/site/books/m/10.5445/KSP/1000097559/).

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Mit der Architektur nach 1945 trat ein Begriff in Erscheinung, der zu manchen Fehldeutungen geführt hat: Brutalismus. Für manche ist der Zusammen­hang von Beton und Brutalismus klar, scheinen sich doch Architekten und Auftraggeber über althergebrachte Grundsätze hinsichtlich Form, Material, Proportion und Dimension auf vermeintlich »brutale« Weise hinwegzusetzen. Dabei ist der Ausdruck weitaus neutraler, bezeichnet er doch eine Architektur, die darauf abzielt, den Beton etwa als Baustoff sichtbar zu belassen und ihn »rein« oder »ehrlich« einzusetzen (frz. brut). Im Kern geht das auf die 1920er-Jahre zurück, als Architekten begannen, Elemente der Konstruktion und des Materials als authentische Bestandteile der Form und der Funktion anzuerkennen und nicht durch historisierende Stile oder funktionsfremde Materialien zu kaschieren. Weitere Implikationen für diese Formbildung kommen noch hinzu, die aus dem antibürgerlichen Selbstverständnis mancher seit 1950 erwachsen sind.

Anette Busses Forschungsarbeit über einen wichtigen deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne setzt an diesem Punkt an: Moderne Architektur seit den 1950er-Jahren orientiert sich vielerorts nicht mehr am Stilbegriff, sondern am Funktionsbegriff. Und der setzt sich, wie Busse am Schaffen einer einzigen Person exemplarisch zeigt, aus Fragen der Bauaufgabe zusammen, der Materialgerechtig­keit, sodann auch der gesellschaftlichen Zusammenhänge und Einflüsse und selbstverständlich der Positionierung eines Architekten innerhalb der vielen Strömungen der Moderne.

Seit weit über 100 Jahren wird im Kirchenbau darüber diskutiert, ob und inwieweit Stilfragen oder Raumvorstellungen sich an den veränderten liturgischen Anforderungen ausrichten müssen. Zu welchen Ergebnissen führt also form follows function als kategorischer Imperativ der Moderne, und ist diese Prämisse heutzutage angesichts einer 1500 Jahre alten Tradition christlicher Kirchenräume und angesichts der Gewohnheiten und Empfindungen vieler Menschen überhaupt angemessen und akzeptabel?

Wie das von Anette Busse detailliert aufgeschlüsselte Werk Klaus Franz‘ – genauer: zweier Kirchen als Exemplum – zeigt, steht für ihn die liturgische Funktion zwingend im Vordergrund, um eine angemessene bauliche Antwort auf die Entwicklung der Kirchen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bieten und – mehr noch – den Gotteshäusern buchstäblich Form und Seele zu verleihen. Das kommt in der Überschrift des Hauptkapitels »Gebaute Glaubensbekenntnisse in Beton« zum Ausdruck: Bei Franz gewinnt die von den Kirchen vorgegebene Liturgie Gestalt, aber ebenso auch das Bekenntnis der Gläubigen zur Kirche von heute: authentisch, rein und unverstellt.  

Die Kirchen und Kirchenzentren, die Busse mit wissenschaftlichem Blick im Detail untersucht, sind Maria Regina (1962–1965) in Fellbach bei Stuttgart sowie St. Monika in Stuttgart-Feuerbach (1969–1973) – beide jeweils aus einem multifunktionalen Gemeindehaus und Kirche bestehend. Die Autorin geht intensiv auf die Gründe ein, die zur Realisierung geführt haben: angefangen von den Diskussionen in Diözese, Kirchengemeinde und Auswahlkommission, über verschiedene Stadien der Planung bis zur Gestaltfindung. Hernach wird alles, was zur Gestalt führt, was Gestalt ausmacht, von Busse mikroskopisch entschlüsselt: Es beginnt mit dem Ort, auf dem sich Kirche und Gemeindehaus befinden, setzt sich mit der Erschließung der Gebäude, der zonenartigen Entfaltung des Hauptraums der Kirchen und der Lichtführung und deren Bedeutung fort: „In Maria Regina ist das Licht ausschließlich diffus wahrzunehmen, als Leuchtdichteveränderungen und, anders als im [römischen] Pantheon, kann der Sonnenverlauf nicht direkt erlebt werden. Aber die Leere im Raum wird mit Licht gefüllt und die Wand wird lebendig.“, Nebenräume, Farbwahl, Ausstattung, Konstruktionsprinzipien und immer wieder das Material … nichts, das nicht einer eingehenden Untersuchung der Bedeutung für das Ganze unterzogen wird. Folgerichtig fällt auch der Ausdruck des »gesamtkünstlerischen Ansatzes«.

Wie im Buchtitel ausgewiesen, geht Anette Busse in einem weiteren Kapitel auch auf die katholische liturgische Bewegung, namentlich den Zentralbaugedanken im Kirchenbau nach 1900 ein, ohne den das Werk von Klaus Franz unverstanden bliebe. Das ist ein Abschnitt, dessen Lektüre trotz des vielleicht sperrigen Titels richtig Spaß macht und viel Erkenntnis vermittelt, weil er eine wichtige Hintergrundfolie für den modernen Kirchenbau insgesamt bietet und verdeutlicht, dass die Intention der Bewegung die »Neupositionierung des Verhältnisses des Menschen zur Kirche und seiner Verbindung zu Gott« war und in deren Zusammenhang »gerade die Gestalt des Kirchenbaus neu verhandelt« wurde. Auch die Bedeutung der Kirchen Le Corbusiers für Franz‘ Gebäude wird eingehend beleuchtet.

Da es sich um eine Doktorarbeit handelt, gehören Forschungsstand und Biografie wesentlich dazu, runden aber wie auch das Werkverzeichnis und die Literaturhinweise die Herangehensweise der Autorin auf gelungene Weise ab.  Zugegeben: es ist kein Buch für das Nachtkästchen. Es ist aber bestens geeignet, bei einer interessierten Öffentlichkeit über einen einzelnen Architekten und eine Spezialfrage hinaus den Blick zu schärfen für Fragen der Formgebung, Raumbildung sowie der angemessenen Materialwahl im 20. Jahrhundert.

Bernd Langner

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