Andrea Hoffmann: Schnittmengen und Scheidelinien. Juden und Christen in Oberschwaben.

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Andrea Hoffmann: Schnittmengen und Scheidelinien. Juden und Christen in Oberschwaben.

Titelblatt

(Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen, Band 110). Tübinger Vereinigung für Volkskunde. Tübingen 2011. 327 Seiten. Broschiert € 22,-. ISBN 978-3-932512-69-8

Im Mittelpunkt dieses Buches steht die ehemalige Reichsstadt Buchau, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine der größten jüdischen Gemeinden Württembergs beherbergte. Nur gelegentlich bezieht sich die Autorin auf andere oberschwäbische Judengemeinden wie die Laupheimer, die zeitweilig mit der Buchauer, was die Größe und Bedeutung anbelangte, konkurrierte. Die zentrale Frage des Buches, eine Dissertation am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut, ist die Beziehung zwischen Christen und Juden, das Verhältnis beider Bevölkerungsgruppen, deren Mit-, Neben- und Gegeneinander im alltäglichen Zusammenleben.

Als zeitlichen Rahmen wählte sie einen Bogen von den Jahren der jüdischen Emanzipation - die völlige bürgerliche Gleichstellung gewährte ihnen in Württemberg ein Gesetz von 1864 - bis in die Anfänge der Weimarer Republik. Gelegentliche Rückoder Vorgriffe dienen zur Vertiefung einzelner Themenkreise. So geht Andrea Hoffmann beispielsweise relativ ausführlich auf den 1839 erbauten Glockenturm und die Glocke der Buchauer Synagoge ein (Seite 58-76), gleichwohl gelingt es ihr aber gerade an diesem Beispiel deutlich zu machen, dass der Turm mit der Glocke - eine große Seltenheit bei Synagogen - keineswegs nur ein architektonisches Symbol der jüdischen Assimilation oder Akkulturation war, sondern auch als ein Zeichen gestärkten Selbstbewusstseins und als eine Angleichung an den ‹Stolz› der christlichen Kirchen zu verstehen ist sowie als ein Zeichen für den Wandel und die Modernität der Gemeinde.

Gegliedert ist die Arbeit in vier Kapitel, die den Themen konfessionelle Verhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung, kommunale und überörtliche Wahlen und Private Beziehungen gewidmet sind. Gestützt auf ein umfangreiches Quellenmaterial, das der Autorin bestens vertraut ist - vieles hat sie erstmals in der Hand gehabt und geordnet -, zeigt sie im ersten Kapitel auf, dass das Verhältnis der Katholiken zu den Juden besser war als zu der kleinen Schar von Protestanten. Anhand zahlreicher Beispiele deckt sie einen Verhaltensunterschied auf zwischen dem die Juden und ihre Religion ablehnenden katholischen Klerus und einer stärker auf Konsens und Miteinander ausgerichteten Bürgerschaft: Ein gewisser Schulterschluss zwischen Katholiken und Juden ist zu beobachten, der sich in verschiedenen Ehrenbezeugungen (wie dem Schmücken der Häuser jüdischer Familien zur Fronleichnamsprozession) ausdrückte.

Im zweiten Thema Entwicklung der Wirtschaft und wirtschaftliche Beziehungen verdeutlicht sie nicht nur, dass auch in Buchau, wie im gesamten Deutschland, die Juden eine wichtige Rolle im Handelswesen und bei der Industrialisierung spielten, sondern dass in diesem Bereich eine latente Judenfeindlichkeit herrschte, wirtschaftlicher und sozialer Neid Triebfedern von stereotypen Anfeindungen und Unterstellungen waren: Die offene Konfrontation, die einer ebenso offenen Gegenwehr das Feld bereitet hätte, wurde zumeist vermieden. So konnten Bilder und Stimmungen, Vorurteile und Meinungen in den Bereich der Latenz abgedrängt werden und sich dort verfestigen.

Im dritten Kapitel beschreibt Andrea Hoffmann den von heftigen Auseinandersetzungen geprägten Weg der Buchauer Juden hin zur gesetzlichen Gleichstellung und wie der ausgehandelte bzw. erkämpfte konfessionelle Proporz im Gemeinderat und Bürgerausschuss eingehalten wurde. Viele Beispiele eines normalen Miteinander, trotz vieler Unterschiede im alltäglich-familiären Leben, finden sich im vierten Kapitel.

Insgesamt erhält der Leser einen sehr guten Überblick, geschmückt mit vielen Details über die Verhältnisse in Oberschwaben, insbesondere in der Stadt Buchau. Andrea Hoffmann zeichnet, gut über historische Quellen abgesichert, das Bild eines zähen und mühsamen, aber auf vielen Ebenen erfolgreichen Kampfes der jüdischen Buchauer um rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Anerkennung. Sie verdeutlicht aber auch, wie in der Sprache, in Floskeln, einzelnen Wörtern und in Redewendungen Vorurteile und Klischees weitertransportiert, ja gar ausgebaut wurden.

Wilfried Setzler