Titelbild eines Buches

Julia Noah Munier: Lebenswelten und Verfolgungsschicksale homosexueller Männer in Baden und Württemberg im 20. Jahrhundert

(Geschichte in Wissenschaft und Forschung). Kohlhammer Verlag Stuttgart 2021. 458 Seiten mit 15 Abbildungen. Softcover € 59,–. ISBN 978-3-17-037753-0

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Was für ein Buch, in einer Zeit, als sich (fast) ganz Deutschland in die Bresche wirft, damit das Münchner Fußballstadion beim Länderspiel gegen Ungarn in Regenbogenfarben leuchten möge, was es dann auf Beschluss der UEFA dann doch nicht tat. Weshalb das Zeichen gegen Ungarns neues Gesetzpaket, in dem Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt wird, unterblieb.

Was für ein Buch, in einer Zeit, in der man sich geradezu überschlägt, in Symbolen, Worten und Bekundungen Bekenntnis abzulegen für Minderheiten, die bis weit hinein ins zwanzigste Jahrhundert gewissermaßen ein Leben undercover zu führen hatten, dem Damoklesschwert des § 175 ausgesetzt, von Spott, gesellschaftlicher Ächtung, Verbalinjurien und Ausgrenzung ganz zu schweigen.

Munier erfasst geschichtlich-systematisch die spezifischen Konstellationen, in denen homosexuelle Männer und lesbische Frauen im 20. Jahrhundert hierzulande ihre Lebensentwürfe in der Praxis gestalteten.

Die Situation der Betroffenen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bis zu Beginn der 1970er-Jahre wird in diesem Buch geradezu oszilloskopisch betrachtet. Wobei festzustellen ist, dass, von Ausschlägen während der totalitären Zeit abgesehen, die Entwicklung fast kontinuierlich verlaufen ist. Wohl ist in der Nazizeit eine Verschärfung festzustellen, aber bestimmte Muster sind weit über 1945 hinaus gültig geblieben.

Das Leben im gesellschaftlichen Schatten, klandestines Sexgeschehen im Gesträuch öffentlicher Parks, hungrige Blicke in Badeanstalten, hastige Begegnungen in öffentlichen Bedürfnisanstalten zählt Munier als selbstverständliche Bestandteile homosexueller Lebenswelten auf. Eine heutige Szenenkneipe in der Stuttgarter Innenstadt, die vor ihrer gastronomischen Indienststellung eine Öffentliche Bedürfnisanstalt gewesen ist, führt die Autorin als Stuttgarter Beispiel für ein Tempele an, wie man einschlägige WC-Sextreffpunkte nannte. Daneben traf man sich in bestimmten Lokalitäten, deren Doppelbödigkeit nur Eingeweihten bekannt war, zum Tanz, zum Tee, zum Flirten. Munier nennt dafür das Stuttgarter Lokal Blauer Bock, das von einem lesbischen Paar geführt wurde.

Printmedien, wie das Freundschaftsblatt, als Bückware unterm Ladentisch versteckt, boten kulturelle Informationen und in Kontaktanzeigen die Möglichkeit, Gleichgesinnten zu finden. Überregionale Freundeskreise, die in die Schweiz hinein reichten, hielten sich, so die Autorin, auch nach dem Ende der Weimarer Republik. Die Bezeichnung schwul war damals nur eine von vielen pejorativen Formeln, die dann allerdings in den 1970er-Jahren von den Homosexuellen selbst zum Kampfbegriff umgedreht worden ist.

Düster ist die Situation der Homosexuellen im Dritten Reich. Nach dem Röhm-Putsch von 1934 galten Homosexuelle analog zum ermordeten, homosexuellen SA-Stabschef Röhm als Staatsfeinde. Die Autorin berichtet von hohem Verfolgungsdruck und einem verschärften § 175. Einzelne geschilderte Lebensschicksale weichen aber durchaus von der gängigen Vorstellung ab, dass alle Homosexuellen quasi festgesetzt und mit dem Rosa Winkel gebrandmarkt im KZ endeten. Auch in der Zeit von 1933 bis 1945 sprachen Strafgerichte nach § 175 Urteile, die nicht alle unmittelbar ins Konzentrationslager, sondern in Zuchthäuser und vergleichbare Haftanstalten führten. Das Buch gewährt anhand von Betroffenen-Interviews Einblick in die Strafverfolgung. Sondergerichte in Baden und Württemberg urteilten homosexuelle Handlungen ab und sprachen mögliche Todesstrafen aus. Den 37-jährigen ledigen Hilfsarbeiter Anton Gebele aus Mannheim enthauptete ein aus München bestellter Scharfrichter am 1. Juni 1943 im Lichthof des Justizgebäudes Stuttgart. Gebele war vom Mannheimer Sondergericht für schuldig befunden worden als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher wegen sechs vollendeten und zwei versuchten Verbrechen der Unzucht mit Männern unter 21 Jahren, in einem Fall tateinheitlich begangen mit einem Verbrechen der Unzucht mit Knaben unter 14 Jahren, sowie wegen sechs weiteren Vergehen der Unzucht mit Männern.

Auch wenn die Todesstrafe für gleichgeschlechtlich Handelnde nach 1945 kein Thema mehr war, änderte sich die Haltung der Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich. Was den Verfolgungsdruck in den Zeiten des Wirtschaftswunders angeht, war es spätestens 1953 mit den liberalen Positionen der unmittelbaren Nachkriegszeit vorbei, konstatiert Munier und wirft einen Blick auf die Kriminalstatistik der Bundesrepublik in der Adenauer-Arä: Fast 100.000 Homosexuelle wurden als Täter nach § 175 ermittelt, davon fast jeder zweite rechtskräftig verurteilt. Das Bundesland Baden-Württemberg zählte damals zu den Spitzenreitern bei der Verfolgung von homosexuellen Männern. Munier betrachtet die Zeit von 1949 bis 1962 als kontinuierliche Verfolgung homosexuellen Verhaltens: Selbst Zwangskastration und Entmannung nach Sittlichkeitsdelikten analog zur Praxis in der Nazizeit blieben in der Überlegung.

Zum verdrucksten Umgang mit der Homosexualität nach 1945 gehört gewiss auch der Fall von Hans Scholl, der gemeinsam mit seiner Schwester Sophie und Freund Alexander Schmorell 1943 zum Tod verurteilt und in München (vom selben Scharfrichter wie Anton Gebele) hingerichtet worden ist. Munier nennt Scholl ein tabuisiertes Opfer des § 175, denn dessen sexuelle Orientierung war lange kein Thema. Die Sorge, dass mit einem posthumen Outing das Andenken an den Widerstandskämpfer beschmutzt werden könnte, lässt klare Rückschlüsse auf das Denken in der Nachkriegszeit zu. Munier beschreibt Hans Scholls homosexuelles Begehren, das 1937 eine erste Strafverfolgung aufgrund von bündischer Bestätigung und sittlichen Verfehlungen zur Folge hatte, in einem eigenen Kapitel.

Das gesellschaftliche Tabu wirkte weiter und immer noch bleiben Bekenntnisse merkwürdigerweise blass, wenn es um gelebte Wirklichkeit geht. Als sich ein männliches Paar am 4. Oktober 2020 mitten in Dresden einem inzwischen nachgewiesen homophoben Messerangriff mit tödlichem Ausgang für einen der Männer ausgesetzt sah, waren die Fußballstadien in Deutschland zum Zeichen der Solidarität nicht in Regenbogenfarben-Licht getaucht. Selbst Tatumstände und -motiv wurden anfangs seltsam nebulös kommuniziert.

Munier lässt uns in ihrer Studie anhand vieler Einzelschicksale im Kontext der politischen Verhältnisse an Lebenswelten von verfolgten, homosexuellen Menschen im deutschen Südwesten teilhaben. Ohne voyeuristisch zu sein, nennt sie Dinge beim Namen und eröffnet dem Normalo Einblicke in die Welt der anderen. So wird ihr Buch bei aller Wissenschaftlichkeit, die sich nicht zuletzt im umfangreichen akribischen Anhang zeigt, zum interessanten Lesebuch. Schwarz-Weiß-Fotos bereichern die Einblicke in eine Schattenwelt, die es vermutlich im 21. Jahrhundert immer noch gibt, obwohl gleichgeschlechtlich gelebte Welten heutzutage öfter staatlich sanktioniert vor dem Standesamt in die Ehe für alle münden. Einer Zeitungsnachricht vom Juli 2021 zufolge haben in Baden-Württemberg seit 2017 rund 7000 lesbische und schwule Paare geheiratet.

Doch auch heute leben sich längst nicht alle queeren Menschen offen aus. Vielfach haben schwule Lebenswelten ihre Transformation von öffentlichen Parks und WC-Anstalten in die Virtualität erfahren, denn selbst in Zeiten eines entschärften § 175 und öffentlicher Gay Pride-Paraden und Regenbogenfahnen vor Rathäusern suchen viele homo- oder bisexuelle Menschen nach wie vor den Schutz der Anonymität. Jetzt eben im Internet.

Reinhold Fülle

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