Titelbild eines Buches

Anna Haag

Titelbild eines Buches

Anna Haag: »Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode«. Tagebuch 1940–1945.

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jennifer Holleis. Reclam Verlag Ditzingen 2021. 448 Seiten. Hardcover € 35,–. ISBN 978-3-15-011313-4

Edward Timms: Die geheimen Tagebücher der Anna Haag. Eine Feministin im Nationalsozialismus.

Aus dem Englischen von Michael Pfingstl. Scoventa Verlagsgesellschaft Bad Vilbel 2019. 328 Seiten. Hardcover € 22,–. ISBN 978-3-942073-17-2

Titelbild eines Buches

»Wenn ich also diese Dinge nicht selbst erleben würde, so würde ich sagen: das sind Ausschweifungen einer überhitzten Phantasie! Aber nein: das ist die deutsche Wirklichkeit! Und das ist nur ein Millionstel von all dem, was sich täglich abspielt«, schreibt die Stuttgarter Journalistin und Schriftstellerin Anna Haag am 5. Juni 1941. Knapp 52 Jahre alt ist sie, als sie im Mai 1940 ihr Kriegstagebuch beginnt. Sie ist mit dem Mathematiklehrer Albert Haag verheiratet und hat drei (fast) erwachsene Kinder; eine Tochter lebt mit Familie in England, der 17-jährige Sohn ist in Kanada interniert. Auf England setzt Anna Haag ihre ganze Hoffnung, von Anfang an.

Wie der Zweite Weltkrieg verlief, ist, wenigstens in groben Zügen, allgemein bekannt. Hier aber, im Tagebuch, steckt man mittendrin. Er kommt einem ganz nahe, wird hautnah spürbar: Kriegs- und NS-Alltag, so wie ihn die Stuttgarter Zivilbevölkerung erlebte, Tag für Tag, fünf Jahre lang. Für Anna Haag eine Zeit endlosen Wartens auf Befreiung, des machtlosen Mitansehenmüssens von Unterdrückung und Verbrechen, dazu das Bangen um ihre Kinder, die Furcht vor Denunziation, der allgegenwärtige Mangel, später Bombenangriffe und Todesangst. Dieses Buch ist eine Seelenstrapaze – und unbedingt lesenswert!

Sie wird nicht im Widerstand aktiv, das hält sie angesichts der breiten Unterstützung, die das NS-Regime in der Bevölkerung erfährt, für aussichtslos. Aber an Zivilcourage fehlt es ihr nicht. Oft kann sie sich kritische Äußerungen nicht verkneifen, sie steckt Zwangsarbeitern Brot zu, sie hört den Deutschen Dienst der BBC, einen »Feindsender«, und lädt Freunde dazu ein – ein »Rundfunkverbrechen«, das sie den Kopf kosten kann. Und nicht zuletzt führt sie ihr Tagebuch, das sie zeitweise im Kohlenkeller verstecken muss. Das Schreiben ist eine Überlebensstrategie, ein Weg, sich selbst treu zu bleiben, ihre Ideale nicht aus den Augen zu verlieren.

Anna Haag durchleuchtet die Unterdrückungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Klarblickend, scharfsinnig, oft auch ironisch dokumentiert sie Beobachtungen, Begegnungen und Stimmungen in der Bevölkerung. Sie spricht mit Frontsoldaten auf Urlaub, mit Krankenschwestern, Kriegsversehrten und mit Verwandten, von denen einige stramme Nazis sind. Sie hält Alltagsszenen und Gespräche fest, zitiert Feldpostbriefe, Gerüchte und die neuesten Propagandalügen, die ihr der »Nachbar Apotheker« fleißig zuträgt. Sie klebt Ausschnitte aus der gleichgeschalteten Presse in ihr Tagebuch und spart nicht mit sarkastischen Kommentaren.

Auf über 400 Seiten kristallisieren sich ihre Leid-Motive heraus: ein überwältigendes Ohnmachtsgefühl und »grenzenlose Heimatlosigkeit«, die Erfahrung der Entfremdung von den eigenen Landsleuten, die sie schon lange nicht mehr versteht. Wie konnte, fragt sie sich, eine geachtete Kulturnation sich in ein Volk von hitlerhörigen Befehlsempfängern verwandeln, das sich willig Denkverbote auferlegen lässt? Wie konnte es moralisch so tief sinken, Verbrechen gutzuheißen wie die Ausbeutung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die Deportation und Vernichtung der Juden, die »Euthanasie« Kranker und Behinderter, die Massaker in Polen und Russland. Anna Haags Aufzeichnungen beweisen: Von den NS-Verbrechen konnte man durchaus Kenntnis haben, wenn man Augen und Ohren offenhielt. Damit entlarvt sie die Entschuldigung vieler Deutscher, man habe das alles nicht gewusst, als Mythos.

Fünf Jahre lang sehnt Anna Haag mit jedem Federstrich die Niederlage herbei, als Katharsis. Denn nur eine vernichtende Niederlage könne die Bevölkerung von ihrem »deutsch-dummen« Hochmut, ihrem grund- und maßlosen Überlegenheitsgefühl kurieren. Und wenigstens einen Teil des Übels, das sie den Menschen in den besetzten Ländern zugefügt hätten, sollten die Hitler-Anhänger am eigenen Leib erfahren müssen. Immer wieder aber flammt die Hoffnung auf, in einem »glückvollen Später« beim Aufbau einer besseren Gesellschaft mitwirken zu können.

Nach Kriegsende stellt Anna Haag eine maschinenschriftliche Fassung ihres Tagebuchs her, gekürzt und gestrafft, ungeschönt und unverfälscht. Aber: einen Verlag findet sie nicht dafür. Erst kürzlich ist diese Typoskriptfassung vollständig veröffentlicht worden. Ihre 1968 publizierten Memoiren »Das Glück zu leben« enthalten auf etwa 20 Seiten Ausschnitte aus ihrem Kriegstagebuch, ebenso die Biografie »Anna Haag – leben und gelebt werden. Erinnerungen und Betrachtungen«, die ihr Sohn Rudolf Haag 2003 herausbrachte. Wesentlich ausführlicher sind die Tagebuchauszüge in der Studie des britischen Germanisten Edward Timms, »Die geheimen Tagebücher der Anna Haag«, die 2019 in deutscher Übersetzung erschien. Zitiert wird darin größtenteils aus dem handschriftlichen Original, das im Stuttgarter Stadtarchiv aufbewahrt wird.

»Handgeschriebene Tagebücher sind wie Zeitkapseln: Sie halten Eindrücke eines ganz bestimmten Moments fest, aus einem klar definierten Blickwinkel und in prägnanter historischer Form«, schreibt Timms. Anna Haags Tagebuch wertet er als »ein Panorama ungeschminkter Geschichte«. Timms macht aber auch auf die literarische Qualität der Aufzeichnungen aufmerksam. Zunächst jedoch zeichnen drei biografische Kapitel die Entwicklung der 1888 als Anna Schaich in Althütte bei Backnang geborenen Lehrertochter zur liberalen, pazifistisch geprägten Journalistin und Schriftstellerin nach.

Vor allem aber stellt Edward Timms das Tagebuch in den größeren Zusammenhang der Kriegsereignisse und des Kriegsverlaufs. Auf diesem Hintergrund wird das Gewicht ihres Tagebuchs als Zeitdokument noch augenfälliger, wie andererseits Timms Analysen die Hintergrundinformationen zu den Aufzeichnungen liefern, die der knappe Anmerkungsteil des Bandes »Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode« vermissen lässt. Timms zieht Kriegstagebücher aus anderen europäischen Ländern zum Vergleich heran, vor allem solche von Frauen. Er klärt über die aktive Rolle deutscher Frauen als Unterstützerinnen nationalsozialistischer Politik auf und weist auf Anna Haags schweren Stand als emanzipierte Autorin von Artikeln, Romanen, Kinderbüchern und Rundfunkbeiträgen hin. Während der NS-Zeit hatte sie zwar kein Schreibverbot, aber kaum Veröffentlichungschancen.

»Ich werde dafür eintreten, dass sich künftig beide Geschlechter die Regierung teilen«, nahm sie sich schon 1941 vor. Tatsächlich setzte sie sich ab 1946 als SPD-Abgeordnete und eine der wenigen Frauen im Landtag von Württemberg-Baden für Gleichberechtigung und für die politische Mitwirkung von Frauen ein. Die »schwäbische Internationalistin«, wie Timms sie nennt, engagierte sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft und unternahm Vortragsreisen in die USA. Das 1951 von ihr mitgegründete Heim für alleinstehende Mädchen und Frauen in Bad-Cannstatt wurde ihr zu Ehren »Anna-Haag-Haus« genannt. Ihr historisches Verdienst liegt aber vor allem darin, dass auf ihre Initiative das Recht auf Wehrdienstverweigerung erst in der württembergischen Verfassung, später auch im Grundgesetz der jungen BRD verankert wurde.

Dorothea Keuler

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