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Dr. Gerhard Kabierske | Architekturhistoriker

Gerhard Kabierske ist promovierter Kunsthistoriker. Er war Stadtkonservator in Karlsruhe, danach bis 2020 tätig am Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Schwerpunkt seiner Arbeit bildeten der Aufbau des Archivs zu einer der größten Einrichtungen seiner Art im deutschsprachigen Bereich sowie Ausstellungen und Publikationen zur Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit 2000 ist er Vertreter des Landesvereins Badische Heimat in der Jury für den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg, seit 2006 deren Vorsitzender.

Nach über 20 Jahren Jurytätigkeit für den vom SHB und dem Landesverein Badische Heimat vergebenen Denkmalschutzpreis, die längste Zeit davon als Vorsitzender: Wird das nicht irgendwann langweilig?

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Gerhard Kabierske © privat

Von Langeweile kann keine Rede sein! Die Juryarbeit macht Spaß, wenn man interessiert ist an gebauter Geschichte, die uns umgibt. Ich erlebe bei jeder Wettbewerbsrunde alle zwei Jahre die Vielfalt der Denkmallandschaft in Baden-Württemberg, das Spektrum von der mittelalterlichen Scheune bis zum Bungalow der 1960er-Jahre. Und wenn man das über einige Jahre gemacht hat, bekommt man mit, wie sich aktuelle Architekturentwicklung auch in der Denkmalpflege spiegelt. Es kommen zudem immer neue Themen dazu. Aktuell spielt die Energieeffizienz, das Dämmen von Kulturdenkmalen eine große Rolle. Wie bekommt man das schonend hin?

Was ist für Sie die spannendste Phase in jedem Wettbewerbsdurchlauf?

Neugierig ist man zunächst bei jeder Ausschreibung, welche Objekte eingegangen sind. In den letzten Jahren waren es immerhin jeweils über 80 Bewerbungen. Nach der engeren Auswahl ist dann natürlich die 3-tägige Rundtour der Jury zu den rund 12 Objekten der Höhepunkt. Fünf davon gewinnen am Ende die jeweils gleichen Preise. Großartig ist es, wirklich gelungene Sanierungen vor Ort anschauen zu können und die Menschen zu erleben, die dahinter stehen. Der Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg ist ja ein Preis für Bauherrschaft, die besonders vorbildliche Lösungen realisiert hat. Die endgültige Entscheidungsfindung der Jury ist intern dann immer fordernd. Wir haben intensive, höchst anregende Diskussionen, denn jedes der neun Jurymitglieder sieht aus einem sehr persönlichen Blickwinkel. Nebenbei erlebt man auf der Rundfahrt, die bis zu 1.000 km lang sein kann, die unterschiedlichen Landschaften und ihre verschiedenen baulichen Besonderheiten in sehr kompakter Weise. Da kann man morgens in Stuttgart, mittags in Hohenlohe und abends im südlichen Schwarzwald sein. Das ist es, was mich umtreibt: der Reichtum in Kultur und Natur, der einem gar nicht weit vom eigenen Wohnort begegnet.

À propos Menschen: Welche Rolle spielen die Bauherrschaften, die Handwerker und Architekt*innen?

Bei vorbildlichen Sanierungen erkennt man immer, dass hier verschiedene Menschen gut zusammengespielt haben: Überzeugte, von ihrem Objekt begeisterte Hauseigentümer, die sich einen in der Aufgabe erfahrenen Architekten oder eine Architektin engagiert haben und kompetente Handwerker, die nicht nur Monteure sind, sondern ihr traditionelles Handwerk noch verstehen. Leider ist das eher selten, und wenn es klappt, ist es ein Glücksfall für das Kulturdenkmal. Wir freuen uns übrigens sehr, dass wir mit dem Zimmermeister Sebastian Schmäh aus Meersburg jetzt erstmals auch einen Handwerker in der Jury haben.

Sie vertreten in der Jury zugleich unseren Schwesterverein, den Landesverein Badische Heimat. Welches Potenzial sehen Sie in der Zusammenarbeit beider Vereine?
Die große Chance liegt in einer noch engeren Zusammenarbeit. Um überhaupt etwas auf Landesebene zu erreichen, müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Gemeinsam könnten beide Vereine noch stärker in die Politik gehen. Jeder einzelne kann das mit seiner Kraft nur beschränkt.

Was wünschen Sie sich für den SHB?

Neue junge Mitglieder. Wenn die Ziele unserer Vereine auch heute noch mehr als aktuell sind, engagieren sich junge Leute eher konkret für einzelne Dinge, als dass sie sich für eine Mitgliedschaft entscheiden. Aber Vereinsmüdigkeit ist ja überall in der Gesellschaft zu spüren. Ich wünsche mir, dass unsere beiden Vereine sich mit stärkeren Mitgliederzahlen auch stärker ins politische Geschehen einmischen können.

Mehr zum Denkmalschutzpreis auf der Homepage des SHB.

Auf den Seiten des zkm Karlsruhe können Sie in einem gut 40-minütigen Videogespräch vom 11.01.2016 Gerhard Kabierske mit Ausführungen zu »100 Jahre Hallenbau« Karlsruhe erleben: https://zkm.de/de/person/gerhard-kabierske

Das Interview wurde geführt im Oktober 2021

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