Titelbild eines Buches

Annette Maria Rieger: Der Walder vom Schwarzwald. Erinnerungen an den rebellischen Förster Walter Trefz

Kröner Edition Klöpfer, Stuttgart 2023. 221 Seiten mit zahlreichen Schwarz-Weiß- Fotos. Gebunden 25 €. ISBN 978-3-520-76905-3

Titelbild eines Buches

»Wieviel Wildnis braucht der Mensch – und der Wald?« Diese Kapitelüberschrift steht sinnbildlich für das Anliegen von Walter Trefz. Denn der Förster vom Kniebis, Jahrgang 1938, den man ohne ins Klischee zu verfallen einen knorrigen Schwarzwälder nennen kann, war selber ein wilder Hund. Und ein Charakterkopf in jeder Hinsicht: Dickschädelig im Kampf gegen ignorante Forstverwalter und Politiker, die ihn wiederum für einen notorischen Querkopf hielten. Annette Maria Rieger zeigt, dass Trefz bei allem Aktivismus auch ein weitsichtiger Ökologe und Naturphilosoph war. Ihr Buch ist das Resultat vieler Gespräche mit Trefz, sie hat daraus eine schöne und lesenswerte Erzählung gewoben. Die bei Freudenstadt lebende Autorin hat eine zwar grundlegende Sympathie für ihren Protagonisten, reflektiert und kommentiert aber das Geschehen mit persönlichen Einschüben und macht so ihre Anteilnahme nachvollziehbar.

Rieger hat Trefz den Namen »Walder« in Anlehnung an Henry David Thoreaus Walden oder Leben in den Wäldern gegeben. Denn mit Thoreau verbindet Trefz nicht nur das Bewusstsein für die Schöpfung und deren Gefährdung, sondern auch der Kampf gegen bürokratische Gängelung samt Hang zum zivilen Ungehorsam. Geprägt hat ihn der AKW-Widerstand in Wyhl und Wackersdorf, auch sein Aufbegehren gegen die Forstverwaltung trägt rebellische Züge. Zur Schlüsselszene für Trefz wird der Besuch des letzten europäischen Tiefland-Urwaldes in Polen, wo ihn der freie Lauf der Natur fasziniert. 1975 tritt er dem BUND bei, damals ein Eklat in der Forstverwaltung, weil sich einer der ihnen mit dem Naturschutz »gemein« macht. Bereits in den 1970er- Jahren beschäftigt sich Trefz auch mit Überlegungen zu einem Nationalpark im Schwarzwald, der 40 Jahre später mit dem Kompromiss zwischen Befürwortern und Gegnern realisiert wird.

Das Buch zeigt diese Zeitspanne mit ihren dramatischen ökologischen Entwicklungen, die bei Trefz einhergehen mit persönlichen und politischen Konsequenzen. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren wird er 1975 Förster auf dem Kniebis und legt sich gleich mal mit dem Amtsleiter an, der angesichts von Trefz’ dichtem Bart und Ohrring dekretiert: »So läuft ein deutscher Beamter nicht herum!« Damit ist dessen Widerstandsgeist geweckt, im Laufe seiner Laufbahn häufen sich Maßregelungen und Abmahnungen. Trefz hat gewiss auch querulatorische Züge, aber er verkämpft sich in erster Linie für die Sache.

Und er behält in vielem Recht: Er erkennt in sauren Böden und Nadelabwurf der Bäume die ersten Anzeichen des durch Luftverschmutzung verursachten Waldsterbens. Trefz beschränkt sein Engagement nicht auf den Wald, er wird in der Kommunalpolitik aktiv und ist mit dabei, als eine »Aktionseinheit« 1983 auf dem Freudenstädter Promenadenplatz eine 25 Meter hohe, dürre Fichte als makabren Maibaum mit dem Schild versieht: »Der Mai ist gekommen, die Bäume sterben aus.« Zwar erfüllen sich die apokalyptischen Prophezeiungen von damals nicht, aber die Politik steuert langsam um, Industrieanlagen werden entschwefelt, Katalysatoren und bleifreies Benzin eingeführt. Trefz wendet sich zudem gegen massiven Gifteinsatz im heimischen Forst und in Großfeuerungsanlagen bundesweit. Und er registriert in der Ausbreitung des Borkenkäfers und der Zunahme von Stürmen wie »Wiebke« und »Lothar« frühzeitig die Vorzeichen des Klimawandels.

Seine Aufmüpfigkeit bleibt nicht ohne Konsequenzen für ihn, disziplinarrechtlich und privat. Ihm wird die Revierleitung entzogen, er wird zur Bäumekartierung abkommandiert, seine Ehe geht zu Bruch. Er beantragt die Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand, sein Abschied erfolgt sang- und klanglos, eine späte Genugtuung für ihn ist 2021 die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch die grüne Landesregierung. Wenig später kommt der 82-Jährige bei einem Autounfall ums Leben, er ist auf dem Rückweg von einer Bürgerinitiative, die sich gegen ein Gewerbegebiet im Wald wehrt.

Einige Jahre zuvor hat Trefz beim Freudenstädter Sommertheater in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz den Holländermichel gespielt. Und er hat durch die Figur, die meist nur als Unheilbringer für den Kohlenpeter-Munk gesehen wird, die Erkenntnis gewonnen: Ein Grundübel liegt im Bestreben, ein anderer sein zu wollen. Walter Trefz ist immer er selbst geblieben, so wie er wollte, dass der Wald die von ihm gerne pathetisch beschworene »Urkraft« bleiben sollte.

Wolfgang Alber

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