Titelbild eines Buches

Andreas Zekorn: Todesfabrik KZ Dautmergen. Ein Konzentrationslager des Unternehmens »Wüste«

Mit einem Epilog zu dem polnischen Schriftsteller und KZ-Häftling Tadeusz Borowski

(Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Band 49). Stuttgart 2019. 440 Seiten mit zahlreichen Photographien, Zeichnungen und Organigrammen. Broschur € 6,50. ISBN 978-3-945414-53-8

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Als der Krieg für das nationalsozialistische Deutschland längst verloren war, startete die Führung mit weit überspannten Hoffnungen das verzweifelte Unterfangen, am Albtrauf aus schwäbischem Posidonienschiefer Treibstoff für die deutsche Kriegsmaschinerie zu erzeugen: Das Unternehmen »Wüste« war wahnwitzig, von vornherein zum Scheitern verurteilt, mörderisch, ein menschenverschlingender Moloch, dem ohne jeden Gewinn Tausende von KZ-Häftlingen zum Opfer fielen. Zehn Ölschieferwerke und sieben relativ autonome Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof reihten sich wie schwarze Perlen entlang der Bahnlinie und der Reichsstraße 27 von Rottweil nach Tübingen. In Schömberg residierte die Deutsche Ölschieferforschungsgesellschaft, der die Betriebsführung der zehn »Wüste«-Werke übertragen war – und dem KZ Dautmergen fiel unter den »Wüste«-Lagern eine zentrale Funktion zu: Der übergeordnete Lagerleiter, dem auch das nicht zur »Wüste« gehörende KZ Spaichingen unterstand, der »Gerichtsoffizier« und die Sanitätsstaffel des in Auflösung befindlichen Stammlagers hatten hier ihren Sitz.

Der »Todesfabrik KZ Dautmergen« widmet Andreas Zekorn eine akribische Arbeit, die über Jahrzehnte gereift ist. In seiner Monographie spannt Balingens Kreisarchivar aufgrund seiner überragenden Kenntnis der stets kritisch unter die Lupe genommenen Quellen wie der Literatur den Bogen von den Anfängen der Schieferölgewinnung über das arbeitsteilige, mithin störanfällige Räderwerk des Unternehmens »Wüste« und seine organisatorische Einbettung in die Rüstungs- und Kriegsproduktion des NS-Regimes, die Einrichtung des Konzentrationslagers, die Opfer, Täter, Profiteure und Zuschauer, die Produktions- und Haftbedingungen, das Wissen der Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort und den Radius, den es ziehen konnte, die Räumung des Lagers aus vorwiegend betriebstechnischen Gründen, die Todesmärsche zuletzt und die Befreiung der Häftlinge bis hin zur juristischen Aufarbeitung der Verbrechen und zur Entwicklung der Gedenkarbeit vor Ort. Die Anmerkungen sind stets hilfreich, kein zuträglicher Hinweis ist verschwiegen, Querverweise erleichtern die Arbeit, gelegentlich gedeihen Fußnoten zu eigenständigen Abhandlungen, die nicht überlesen werden dürfen.

Die multiperspektivische Monographie gewinnt schon dank des sachlich-nüchternen Tones, den der streng analytisch vorgehende Historiker anschlägt; er weiß, dass Häftlinge im KZ nicht »sterben«, sondern »ermordet werden«, und sei es mittels der Lebens- und Arbeitsbedingungen oder durch »unterlassene Hilfeleistung«. Das moralische Urteil scheut Zekorn nicht, lässt aber bevorzugt in verständlichem Deutsch die Sache für sich selber sprechen. All die von ihm gründlich behandelten Problemkomplexe und Forschungsfragen können hier leider nicht hinreichend gewürdigt werden. Hervorzuheben ist, dass das sorgfältig untersuchte Geschehen vor Ort überzeugend in die größeren historischen Zusammenhänge eingeordnet, also das Besondere ebenso wie das Allgemeingültige erkannt wird: Die »Todesfabrik KZ Dautmergen« kann als Beispiel stehen für die personelle, strukturelle und räumliche Neuordnung der Konzentrationslager im letzten Kriegsjahr unter dem Zeichen von Ökonomisierung und Rationalisierung, welche die wirtschaftliche Ausbeutung möglichst vieler Häftlinge in fabriknahen Außenlagern zwingend gebot und, wo die rassistische Ideologie hinter das Nützlichkeitsdenken zurücktreten musste, selbst Juden ins »judenfrei« gemachte Altreich brachte, in gewissem Widerspruch zur Erzielung des bestmöglichen Nutzens aber eine erschreckend hohe Todesrate der Häftlinge bedingte, da Menschen als leicht ersetzbares »Verschleißmaterial« behandelt, Arbeitsunfähige im Lager selbst getötet oder in Kranken- und Sterbelager deportiert wurden. Der menschenverachtende Umgang mit den Häftlingen lässt sich angesichts der Ausdehnung des KZ-Satellitensystems als grausamer Versuch verstehen, die Lager zu beherrschen: Der Zwang zu Kontrolle und Machterhalt der SS brachte die ungeheure Brutalität hervor, zu der neben der Ideologie selbsternannter Herrenmenschen auch Gruppenzwang und Anpassungsdruck, individuelles Versagen wie kompensiertes Unvermögen, die schonungslose Suche des eigenen Vorteils, sadistische Neigungen das Ihre beitrugen.

Bewegend ist Zekorns Blick in das Allzumenschliche in Extremsituationen, in Abgründe, die einen schwindeln machen könnten, untersucht er die Lager- und die Häftlingsgesellschaft, welche die SS nach dem Prinzip des Divide et impera in Nationen und »Rassen« oder Religionen mit ihren je eigenen fatalen Vorbehalten und Vorurteilen zu spalten wusste – im Wissen darum, dass die Häftlinge sich im Kampf ums Dasein desto unsolidarischer verhielten, je heterogener sie zusammengewürfelt waren, und sie sich zumeist nur in überschaubaren Zwangs- und Überlebensgemeinschaften als zu gegenseitiger Hilfe fähig erwiesen; perfiderweise auch in zu Werkzeugen in ihrer Hand degradierte Funktionshäftlinge, die sich, mit gewissen Privilegien ausgestattet, als Komplizen schuldverstrickt, auf Gedeih und Verderb die Gunst der wahrhaft Mächtigen erhalten mussten, und den Rest der ohnmächtigen Sklavenarbeiter. Eine Stärke des Buches ist ohnehin, dass sein Autor die gesamte Bandbreite menschlichen Verhaltens, der ihm zugrundeliegenden Beweggründe wie Zwänge auffächert, und zwar nicht allein bei den Funktionshäftlingen, die allzu oft vor »unmögliche Handlungsalternativen« gestellt wurden, und den übrigen Gefangenen im Überlebenskampf samt den moralischen Dilemmata, die er mit sich brachte, sondern auch bei altgedienten wie jungen SS-Männern, bei in das Lager überstellten Wehrmachtsangehörigen und »fremdvölkischen Hilfswilligen«, bei Angehörigen der Organisation Todt, Zivilarbeitern, Unternehmern und Wissenschaftlern der Ölschieferforschungsgesellschaften, die unter einmaligen Bedingungen ein gewaltiges Forschungsprojekt verfolgen und so die Grundlagen für eine künftige Karriere schaffen konnten. Nicht zuletzt auch in der Bevölkerung, der die Außenlager vor der eigenen Haustür nicht verborgen blieben, zumal die SS sich keine Mühe mehr gab, den Terror gegenüber den Häftlingen zu verheimlichen.

Die erkenntnisleitende Fragestellung ist für Andreas Zekorn diejenige nach individueller Schuld und Sühne. Das Scheitern, das Versagen, der Unwille der deutschen Justiz in der Nachkriegszeit, das verübte NS-Unrecht aufzuarbeiten, wird sachlich dargestellt, die seit 2015 zu verzeichnende, am 20. September 2016 vom Bundesgerichtshof, der eine Kontinuität der Rechtsauffassung behauptet, verschämt-halbherzig bestätigte Änderung in der Rechtsprechung, die eine Verurteilung eines im Konzentrationslager Tätigen wegen »funktioneller Beihilfe« zum Massenmord vorsieht, klar begrüßt, wofür inhaltlich alles spricht. Dem Rezensenten bleibt in dieser Frage ein gewisses Unbehagen, sieht er, dass es infolge der Wandelbarkeit der Rechtsprechung auszuhalten gilt, was »keine Gleichheit im Unrecht« und seiner Bestrafung zu nennen ist: Die unterbliebene Sühne im Fall eines Massenmörders im Staatsdienst und an den Schalthebeln der Macht in der Vergangenheit rechtfertigt nicht die Schonung eines Rädchens im Getriebe in den (gar) späten NS-Prozessen unserer Tage. Die Justiz ist dem jeweiligen Zeitgeist verhaftet.

Der Aufarbeitung einer Vergangenheit, die nur bewältigt werden kann, solange sie noch Gegenwart ist, widmet Zekorn ein wertvolles Kapitel: Nach ersten Dokumentationen der französischen Besatzer und Befreier, die vorwiegend vom Gedanken an die eigenen Opfer im Widerstand geleitet waren, sowie einiger Überlebender begann eine Phase des Verdrängens, das zu durchbrechen Mut erforderte. Welche sich, eine im wesentlichen außeruniversitäre Leistung, mit den »Schwierigkeiten des Erinnerns« auseinandersetzten und so den Konsens des Beschweigens durchbrachen, können davon ein Lied singen: »Geschichtsinteressierte Bürger der nachwachsenden Generation« zu Zeiten der Geschichtswerkstätten und Gedenkinitiativen, die als Pioniere der Forschung auf harsche Abwehrreaktionen der Ortsbevölkerung stießen – bis hin zur Bedrohung in Wort und Tat und Benachteiligungen mancher Art, sei es in Bisingen (Ines Mayer), in Schömberg (Immo Opfermann), in und um Rottweil (Walter Looser-Heidger; Gerhard Lempp) oder in Schwenningen a. N. (Michael J. H. Zimmermann), in dessen Krematorium 1944 auch Häftlinge der »Wüste«-Lager zu Asche verbrannt wurden.

Nicht nur der Historiker, dem in Leserbriefen ehemaliger SS-Angehöriger vorgeworfen wurde, das durchaus saubere Schwenningen zu einem »Auschwitz« gestempelt und »das Schwenninger Krematorium zur lodernden Einäscherungsanlage für KZ-Häftlinge hochstilisiert« zu haben, und dem gegenüber behauptet wurde, dass »kein Tropfen Treibstoff« gewonnen wurde, sondern hochwertiges »feinstes« Schmieröl für Uhren, ist dankbar für die genaue Studie Zekorns zu unausgereiften Verfahren und Ausbeute der Ölschieferwerke: Aufgrund des geringen Kerogengehalts des Posidonienschiefers zwischen 3,6 % und 4,7 % wurde beim zentral eingesetzten Meilerverfahren zur Ölgewinnung aus 96 Tonnen Gestein eine Tonne kaum verwertbares Schieferöl gewonnen, und dies bei einer negativen Energiebilanz. Weitere Faktoren des vorgezeichneten Scheiterns fallen dagegen nicht ins Gewicht: die hohe Störanfälligkeit, die unzulängliche Logistik, die »Verwendung« von geschwächten KZ-Häftlingen, die tagsüber Fliegerangriffen ausgesetzt waren, nachts aber im Gegensatz zu Zivilpersonal fehlender Kontrollmöglichkeiten wegen nicht eingesetzt werden konnten. Bislang unbeachtet blieb desgleichen das Interesse der Franzosen, welche die Ölschieferwerke unter eigener Regie geraume Zeit weiterbetrieben, um die hier gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen, für das Unternehmen »Wüste« selbst aber zu keiner anderen Erkenntnis gelangten als der Zeithistoriker; ebenso dasjenige US-amerikanischer Nachrichtendienste unter Beteiligung von Briten und Kanadiern.

Neben neuen oder präzisierten Ergebnissen steht bei Zekorns Arbeit der Hinweis auf dringende Desiderate der Forschung. Die Interviews der USC Shoah Foundation mit jüdischen Überlebenden des Unternehmens »Wüste« bleiben auszuwerten, wie überhaupt die weiteren Lebenswege derer, die den Versuch ihrer Vernichtung überstanden, zu untersuchen sind; die Zeit unmittelbar nach der Befreiung der »Wüste«-Lager sollte besser erforscht werden; eine vergleichende Analyse der in den Konzentrationslagern eingesetzten SS-Männer zu Zeiten grassierender Personalnot kann Aufschluss darüber geben, ob der für die »Wüste«-Lager gewonnene Eindruck, dass selbst die Lagerführer das letzte Aufgebot darstellten, zu verallgemeinern ist. Mehr über die Rekrutierung der Zivilarbeiter, die in letzter Minute die KZ-Häftlinge ersetzten, zu erfahren, wäre nicht von Übel; die wenig zur Kenntnis genommenen Urteile der französischen Militärtribunale auf französischem Boden sind in einem Band zusammenzutragen; der Frage ist nachzugehen, ob die deutsche Ölschieferforschung für die Weiterentwicklung der Verfahren durch US-Amerikaner, Briten, Kanadier und Franzosen von Nutzen war. Anregungen zuhauf!

Genial ist der Schachzug Zekorns, der sich als Meister der philologisch-historischen Klasse erweist, den polnischen Schriftsteller Tadeusz Borowski mit unmittelbar nach seiner Befreiung verfassten Kurzgeschichten und erstmals ins Deutsche übertragenen Gedichten, die der Historiker auf ihre Faktizität hin prüft, sie als glaubhafte Quelle nutzt, sie in ihrem Gestaltungswillen umsichtig interpretiert, in einem Epilog zum Leser sprechen zu lassen. Der Überlebende selbst hat das letzte Wort. In gnadenlosem Realismus gibt er Einblick in den Lageralltag, in dem die Häftlinge nur ein Ziel haben, nämlich überleben, um (beinah) jeden Preis, wo die Würde des Menschen längst in den Dreck getreten ist. Auf der Ebene poetischer Verdichtung fasst er vieles zusammen, was Zekorns Studien uns lehren; er lässt das Gesagte neu durchdenken, er führt es fort und über es hinaus.

Kleingeistiges Mäkeln an Zekorns Meisterwerk (Magnus Wochner, der nur als Randfigur auftauchende Leiter der Politischen Abteilung des KZ Natzweiler-Struthof, erhält den Vornamen Markus; Erwin Dold, Dautmergens letzter Lagerleiter, der mit den Häftlingen menschliches Mitgefühl zeigte, gleichwohl nicht in den Himmel zu heben ist, erscheint als Feldwebel und Offizier der Luftwaffe) ist nicht recht am Platz. Zu Recht gilt differenzierendes Denken als Zeichen von Intelligenz. Jeder klug Beratene, der sich mit der Thematik befasst, wird zu diesem Buch greifen, das ihm verpflichtet ist: Andreas Zekorn zeigt stets nicht nur die bekannten beiden Seiten der Medaille, er macht auch den Medaillenrand lesbar.

Michael J. H. Zimmermann

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