Titelbild eines Buches

»Wanderer, hemme deine Hast …«

Vorträge anlässlich der 24. Internationalen Tagung für Kleindenkmalforschung vom 23.–26. Juni 2022 in Rottenburg-Ergenzingen. Hrsg. von Dorothee Kühnel. Verlag Regionalkultur Ubstadt-Weiher 2023. 155 Seiten, 240 Abbildungen. Broschur 19,90 €. ISBN 978-3-95505-406-9

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Noch vor dreißig Jahren rief der Begriff »Kleindenkmal« in der geschichtsinteressierten Öffentlichkeit noch oft Unverständnis hervor; diese Denkmalgattung wie auch der Begriff waren nur wenigen Heimatforschern und Fachleuten der Denkmalpflege bekannt. Das hat sich geändert. Gerade in Südwestdeutschland – aber nicht nur hier – hat vor allem das ehrenamtliche Engagement von Laien die Kleindenkmäler dem Vergessen entrissen. So bescheiden oft der künstlerische oder historische Wert des Einzelstücks ist, so unübersichtlich ist die Fülle dieser Zeugnisse aus dem Alltag vergangener Tage. Gerade die Überschaubarkeit des Einzelstücks und die üppige Fülle der Objekte konnten das Engagement der Laien hervorrufen und ermöglichen.

Seit bald einem halben Jahrhundert finden die Internationalen Tagungen für Kleindenkmalforschung statt, ursprünglich initiiert von Friedrich Karl Azzola aus Trebur in Hessen, wohin dieser als Kind mit seinen Eltern 1944 aus Rumänien geflohen war. Seit den 1950er-Jahren gilt er als ein »Urvater« der deutschen Kleindenkmalforschung (Kurzbiographie im Band). Die Vorträge der 24. Tagung, organisiert und finanziert vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg und mitveranstaltet von der Gesellschaft zur Erhaltung und Erforschung der Kleindenkmale in Baden-Württemberg e.V. und der Stiftung Wegzeichen – Lebenszeichen – Glaubenszeichen der Diözese Rottenburg-Stuttgart, werden in einem im Verlag Regionalkultur erschienenen Tagungsband, herausgegeben von Dorothee Kühnel, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

In den dreizehn Vorträgen spiegelt sich das weite Feld der Kleindenkmale. Überblicksartig sind Vorstellungen ganzer Kleindenkmalregionen wie der Rheinebene zwischen Speyer und Laufenburg anhand der vielen Zeugnisse dort vom Leben am Wasser und der Furcht vor Hochwasser vor der Rheinregulierung oder der Überblick über die mannigfachen Denkmalgattungen im Zollernalbkreis, ebenso der etwas wehmütige Blick in die reiche, aber durch Rebflurbereinigungen oft radikal »rasierte« Kleindenkmal-Landschaft der Weinberge Württembergs. Spezieller sind die Vorstellungen einzelner Denkmalgattungen wie Handwerker- und Berufszeichen als Untergruppe der Hauszeichen, der Kleindenkmale aus der Wasserbewirtschaftung oder der bunten Palette der Brunnen vom Brunnendenkmal, an sich kein Kleindenkmal, bis zur schlichten Wasserzapfstelle. Der Vortrag über Hochwassermarken am Untersee schließt die Schweiz mit ein, jener über die Wallfahrtskirche der Heiligen Dreifaltigkeit auf dem Berg Křemešník bei Pelhřimov die Republik Tschechien; wobei hier allerdings zu fragen wäre, ob es sich bei der Wallfahrtskirche tatsächlich um ein Kleindenkmal handelt.

Aber das ist ja gerade das Schöne an dem Engagement der Laien: dass sie sich nicht starr an festzementierten Definitionen und Normen orientieren, dass ihre Freude am Suchen und Forschen sie zum ehrenamtlichen Handeln führt, das oft in den Schutz und die Rettung sowie Restaurierung wichtiger Zeugen der Vergangenheit mündet.

In diesem Sinne haben die Beiträge ein ganz unterschiedliches Niveau. Ein Bericht über die Tagungsexkursion steht in dem üppig mit Fotos garnierten Buch neben dem aufgrund der vielen Spezialbegriffe sicher nicht jedermann verständlichen Beitrag zu Kleindenkmalen der Wasserbewirtschaftung. Klug und spannend ist die Entzifferung einer aus Kürzeln bestehenden lateinischen Inschrift an einem spätgotischen Brunnenring aus Graz in Österreich. Und die Darstellung, was man sich unter einem 3D-Scan vorzustellen hat, macht klar, dass die Verwendung modernster Technik, wie in der Archäologie und der Denkmalpflege heute üblich, auch in der Kleindenkmalforschung Einzug gehalten hat. Eine kurze Rezension, besser Darstellung, eines ungarischen Buchs über die Kleindenkmale der Karpaten unterstreicht, dass die Welt der Kleindenkmalforschung – wie die Tagung selbst – international ist.

Man sollte die Erwartungen in den Band nicht zu hochstecken, aber Kleindenkmalfreunde und solche, die es werden wollen, werden in dem Buch so manches Aha-Erlebnis erfahren, vielfältige Anregungen für ihre ehrenamtliche Tätigkeit erhalten – oder schlicht bei der Lektüre die bunte Welt der Kleindenkmale genießen.

Raimund Waibel

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