Titelbild eines Buches

Victoria Wolff: Gast in der Heimat

Roman. Hrsg. und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. AvivA Verlag Berlin 2021. 331 Seiten mit vier Fotos. Gebunden 22 €. ISBN 978-3-949302-00-8

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Victoria Wolff – wer den Namen kennt, assoziiert Ascona, Sommer im Tessin und Leichtigkeit des Seins: die Romane Die Welt ist blau und Das weiße Abendkleid. Das dritte Buch, das Britta Jürgs in ihrem AvivA Verlag nun von Victoria Wolff wieder neu veröffentlicht hat, trägt dagegen einen irritierenden Titel: Gast in der Heimat. Und die Koffer auf dem Umschlag lassen nicht an Ferienreisen, eher an Emigration denken.

Der Roman Gast in der Heimat erschien 1935 im Amsterdamer Querido Verlag, als seine Autorin bereits zwei Jahre im Exil lebte; der große Hinausschmiss war für Victoria Wolff recht schnell nach der Machtübernahme der Nazis erfolgt. Wobei sie ziemlich klug agierte und mit ihren Kindern von Heilbronn nach Ascona übersiedelte. Dort lernte sie Erich Maria Remarque und Leonhard Frank kennen, die ihr den Weg zu dem angesehenen Exilverlag ebneten sowie bei der Titelsuche und Kürzung des Manuskripts behilflich waren. Die erst 32 Jahre alte Schriftstellerin war schon recht bekannt: Ihr Debüt Eine Frau wie du und ich über George Sand war 1932 bei Reißner in Dresden erschienen, es folgten die Bücher Eine Frau hat Mut und Mädchen wohin? bei Zsolnay. Sie wurden mit den Bestsellern dieser Jahre von Vicki Baum und Hans Fallada verglichen und ermöglichten es Victoria Wolff, in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften zu publizieren. Der Erfolg wurde ihr zum Verhängnis, denn die eidgenössische Fremdenpolizei hatte lediglich das Bücherschreiben erlaubt, nicht aber journalistische Arbeit in der Schweiz. Wolff wurde ausgewiesen, ging im Sommer 1939 nach Frankreich und schließlich in die USA. Dort gelang ihr 1941 der Durchbruch als Hollywood-Drehbuchautorin, später schrieb sie wieder Romane und starb mit 88 Jahren in Los Angeles. Ihre Heimat Heilbronn hat sie zwischen 1949 und 1985 regelmäßig besucht, eine Rückkehr kam für sie nicht in Frage.

Heilbronn ist Schauplatz des autobiografisch grundierten Romans Gast in der Heimat. Victoria Wolff wurde dort 1903 als Trude Victor geboren. Einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie entstammend, verlebte sie Kindheit und Jugend einer Tochter aus gutem Hause, besuchte mit Ausnahmegenehmigung das Knaben-Realgymnasium und begann 1922 ein Studium der Naturwissenschaften. Sie brach es ab, um ihren Jugendfreund zu heiraten und nach der Geburt zweier Kinder mit dem Schreiben zu beginnen.

Genau diese Geschichte erzählt Victoria Wolff in ihrem Buch, nur ist dort die Ich- Erzählerin protestantisch und der Ehemann jüdisch. Es handelt sich um einen klassischen Entwicklungsroman eines selbstbewussten Mädchens, das zur klugen Frau reift, flott geschrieben, voll des prallen Lebens einer württembergischen Kleinstadt mit all seinen höchst verschiedenen Individuen im Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis. Das liest sich dank der vielen lebendigen Dialoge spannend und süffig – eben wie die typische Literatur der ausgehenden 1920er- Jahre –, bis fast unvermittelt aus den persönlichen Unstimmigkeiten die politischen Brüche erwachsen, der jüngere Bruder sich zum überzeugten Nazi wandelt, die bisher versteckten Animositäten gegenüber den jüdischen Mitbürgern zur offenen Missachtung und schließlich zur konkreten Verfolgung werden. Victoria Wolff braucht nur wenige Worte, um am Beispiel Einzelner historische Schicksale darzustellen.

Dass die Protagonistin ebenso wie die Autorin mit ihren Kindern ins Tessiner Exil gelangen, ist ein kleiner Trost, mit dem der Roman enden darf. Wie die Geschichte für Victoria Wolff, aber auch für ihre Umgebung weiterging, lässt sich im Nachwort der Herausgeberin Anke Heimberg nachlesen.

Was die Qualität des Buches vor allem ausmacht, neben der unmittelbaren und lebendigen Erzählung, den so feinen wie anschaulichen Beobachtungen, ist die Nähe zum Geschehen: Victoria Wolff konnte beim Schreiben nicht wissen, wie es in die Shoah und den Zweiten Weltkrieg münden würde. Doch sie schildert den Anfang der menschenverachtenden, von Menschen ihrer Umgebung getragenen Nazi-Ideologie mit einer deutlichen Ahnung dessen, was da heraufkommt.

Irene Ferchl

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