Titelbild eines Buches

Ausgrenzung, Raub, Vernichtung. NS-Akteure und Volksgemeinschaft gegen die Juden in Württemberg und Hohenzollern 1933 bis 1945

Heinz Högerle, Peter Müller, Martin Ulmer (Hrsg.). Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2019. 584 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Hardcover 18 €. ISBN 978-3-945414-69-9.

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Aus der Geschichte lernen? Angesichts der Bilder von einem verheerenden Ukraine-Krieg, von rechtsradikalem Geschichtsrevisionismus oder Corona- Impfgegnern, die sich mit verfolgten Juden vergleichen, erscheint die Devise mehr denn je zweifelhaft, politische und historische Bildungsarbeit wie Sisyphusarbeit. Aber die neuere Täterforschung lenkt den Blick stärker auf den Mikrokosmos, der das NS-Räderwerk am Laufen hielt, macht Geschichte im Kleinen nachvollziehbar, trägt so zumindest zur Verbreiterung und Verbreitung von konkretem Wissen bei.

Rund 30 Autorinnen und Autoren, neben Historikern und Archivaren auch Kultur- und Politikwissenschaftler, ein Theologe und eine Ärztin, zeigen, wie die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung auch in Württemberg und Hohenzollern der physischen Vernichtung im Holocaust vorausging, wie im ideologisch-administrativen Zusammenspiel von Partei, Bürokratie, Wirtschaft und Volksgemeinschaft Unrecht in Gang gesetzt, zum mörderischen Endpunkt getrieben wurde. Dabei wird deutlich, dass es neben den rassenideologischen Urhebern jede Menge Komplizen, Mitläufer und Nutznießer des Unrechts- und Mordsystems gab; Lothar Frick und Sibylle Thelen sprechen in ihrem Vorwort von kollektiver Selbstbereicherung.

Verfolgungspolitik und Verfolgungsdruck schaukelten sich systematisch auf, zentralstaatliches Handeln, lokale und regionale Aktionen mündeten parallel in Radikalisierungsprozesse, begleitet von scheinlegalen Verordnungen und Erlassen, die der jüdischen Bevölkerung nach und nach die Lebensgrundlage entzogen. Stufen dieser Entwicklung sind der Boykott jüdischer Kaufhäuser 1933, die Nürnberger Rassengesetze 1935, die Reichspogromnacht 1938, sind Arisierung und Zwangsverkäufe jüdischer Betriebe, Berufsverbote für Jüdinnen und Juden. Weitere Verschärfungen folgten mit Kriegsbeginn 1939 und ab 1941 mit den Deportationen und der millionenfachen Ermordung deutscher und europäischer Jüdinnen und Juden.

Mitherausgeber Martin Ulmer konstatiert ein eskalierendes Zusammenwirken von Propaganda militanter Straßenaktion und gesetzlicher Ausgrenzung, das mit dem Kaufhausboykott in Stuttgart und anderen Städten beginnt. Hinzu kamen die Entrechtung jüdischer Juristen, wie des späteren hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Susanne Wein), Schikanen gegen jüdische Ärztinnen und Ärzte wie Dr. Alice Nägele- Nördlinger, die mit ihrem Mann, dem Maler Reinhold Nägele, fliehen konnte (Susanne Rueß). Die Gleichschaltung der Presse, das Ende der Schwarzwälder Bürger-Zeitung (Winfried Hecht) war ebenso Teil des Propagandafeldzugs wie die Vereinnahmung des Schramberger Lichtspielbetriebs, einem Tochterunternehmen des von Laupheim in die USA ausgewanderten Produzenten Carl Laemmle (Carsten Kohlmann).

Weitere Vorboten des Unheils waren Zwangsverkäufe des Kaufhauses Schocken (Claudia Kleemann), des Schuhhauses Pallas der Ulmer Familie Fried (Amelie Fried), der Anfang vom Ende der jüdischen Gemeinde in Rottweil (Gisela Roming). Als willige Helfer fungierten korrupte Arisierungshyänen des Gauleiters Wilhelm Murr (Cornelia Rauh), zur Taktik gehörte die Zermürbung bis zur Abgabereife des Göppinger Textilbetriebs Gutmann (Karl-Heinz Rueß), die Ausplünderung der Heilbronner Adler- Brauerei durch die Konkurrenz Cluss (Martin Ritter), die wirtschaftliche Vernichtung jüdischer Viehhändler (Barbara Staudacher).

Auf die Nacht der Brandstifter und Schläger im Novemberpogrom folgten Raub und Plünderung am helllichten Tag (Martin Ulmer). Sie trafen Kunsthändler wie Morton Bernath (Anja Heuß), Eigentümer von Liegenschaften, deren Vermögen sich Städte wie Stuttgart (Josef Klegraf) oder Ludwigsburg (Jochen Faber) unter den Nagel rissen. Finanzbehörden dienten als zentrale Schaltstellen (Heinz Högerle), Inventierer als Versteigerer (Martin Ulmer), auch vor Synagogen und Friedhöfen machten Zwangsverkäufe nicht halt (Joachim Hahn). Und allenthalben gab es Profiteure der Enteignung wie den Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel (Roman Fröhlich).

Eine zweite Schuld lud die junge Bundesrepublik mit der langsamen und unzureichenden Wiedergutmachung auf sich. Es gab zwar auch wilde Restitutionen kurz nach Kriegsende (Heinz Högerle), aber meist kamen Geschädigte nur mühsam zu ihrem Recht, wurden diskriminiert und gedemütigt. Gut, dass zudem am Beispiel der Mössinger Pausa verklärende Legenden widerlegt werden, die Opfer hätten aus dem Zwangsverkauf Gewinn gezogen (Irene Scherer, Welf Schröter).

Die Beiträge sind durchweg gut recherchiert, die Daten präzise herauspräpariert – die Wahrheit ist immer konkret. Die Publikation entstand begleitend zu einer Wanderausstellung, zahlreiche Fotos und Dokumente dienen der Veranschaulichung. Gerade durch Visualisierung von Geschichte, das wissen die Herausgeber aus ihrer Bildungs- und Gedenkstättenarbeit, lässt sich ein jüngeres Publikum erreichen. Der mit Personenregister, Literatur- und Quellenverzeichnis gut nutzbare und zudem wohlfeile Band schließt eine Forschungslücke, er ist schmerzlich zu lesen und gerade deshalb ein Referenzwerk. Gedenkkultur lässt sich nicht verordnen, und über Formeln und Rituale hinaus, die man skeptisch sehen mag, braucht es solche Bücher, die Geschichte und Verantwortung (be)greifbar machen – und bis hinein in die Sprache Grundlagen legen für politische Bildung und soziale Wertebindung heute.

Wolfgang Alber

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