Titelbild eines Buches

Telmo Pievani und Valéry Zeitoun: Homo sapiens – Der große Atlas der Menschheit.

Aus dem Französischen übersetzt von Renate Heckendorf. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2020. 208 Seiten. Hardcover € 50,–. ISBN 978-3-8062-4231-7

Titelbild eines Buches

Über den Ursprung der Menschheit ist schon viel geschrieben worden. Jeder Fund »alter Knochen« irgendwo auf der Welt führt zu neuen Erkenntnissen, und nicht nur einmal sind alle vorherigen Mutmaßungen und Hypothesen über den Haufen geworfen worden. Strittig ist oft nicht nur das Alter, sondern auch die biologische Zuordnung: Handelt es sich um Homo sapiens oder aber um einen Neandertaler oder gar um einen Vormenschen, der noch nicht auf zwei Beinen stand? Eine neue grundlegende Veröffentlichung ist also vielversprechend!

Das Buch ist, nicht nur vom Format, sondern auch vom Aufbau her ein Atlas, der die Besiedlungsgeschichte der Welt durch den Homo sapiens, also den anatomisch modernen Menschen, zum Inhalt hat. Es hat fünf Großkapitel: Die Anfänge der Homininen in Ost- und Südafrika, die »Vielzahl menschlicher Arten« in der Alten Welt, die »zweite Geburt« des Homo sapiens, soll heißen: die Entstehung dessen, was wir als Menschen mit Kultur bezeichnen können. Viertens die neolithische Hochphase der Menschheit und die weltweite Ausbreitung des Menschen; abschließend schließlich die Vielfalt der Gene der Völker und deren Sprache und Schrift. Kapitel für Kapitel kann man die Entwicklung der Menschheit von den Ursprüngen bis heute nachvollziehen. Klar wird dabei, dass es keine lineare Entwicklung war, sondern dass es sich um äußerst vielgestaltige Prozesse handelte, die in verschiedenen Weltgegenden unterschiedlich abgelaufen sind. Jedes Kapitel schließt mit einer Zeittafel, in der die wichtigsten Fundorte eingebaut sind.

Dass in Südafrika die Wiege der Menschheit stand, ist wohl – solange nicht durch neue Funde widerlegt – unbestritten. In zwei Wellen haben sich die Homininen über weite Teile der Welt ausgebreitet, in einer dritten Welle hat der Homo sapiens, ebenfalls von Südafrika ausgehend, auf verschiedenen Wanderrouten die Welt erobert und die Menschen der ersten beiden Wellen schließlich verdrängt oder abgelöst.

Die Entstehung der Kultur(en) einschließlich künstlerischer Gestaltung, die Domestizierung von Wildtieren zu Haustieren, die Entwicklung von Sprache und Schrift wird anhand hervorragender Kartographie, aussagekräftigen Bildern und eingängigen Texten beschrieben. Die Fundstätten Süddeutschlands, Mauer bei Heidelberg, Steinheim/Murr, die Vogelherdhöhle und der Hohle Fels, werden zwar nur gestreift, ihre Stellung in der Besiedlungsgeschichte der Erde lässt sich aber sehr schön nachvollziehen, wie das eigentlich sonst nirgends zu lesen ist.

Ein besonderes Augenmerk richten die Autoren darauf, wann, wo und wie der Mensch gelernt hat, durch Nutzbarmachung von Pflanzen und Tieren in Ökosysteme einzugreifen und sich die Natur nutzbar zu machen. Dass dies nicht ohne gravierende, ja verheerende Eingriffe vor sich ging und dass einst besiedelte, fruchtbare Weltgegenden unbewohnbar wurden, wird ebenfalls dargestellt. Mit zahlreichen Karten und Grafiken verdeutlichen die Autoren die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Erdgeschichte und Menschheitsgeschichte, oder anders gesagt: zwischen Ökologie und Ökonomie. Denn eines kommt auch ganz klar zum Vorschein: Der Mensch hat zu allen Zeiten vorrangig dort gesiedelt, wo gut zu (über)leben war. Und er hat zu allen Zeiten letztlich auf Kosten der Natur und Umwelt gelebt, wie wir das heute bekanntlich mehr denn je tun.

Auch wer nicht Seite für Seite liest und manches Kapitel nur kursorisch anschaut, hat einen Gewinn von dem Buch: Die Abbildungen sind durchweg großartig, die Karten sehr übersichtlich und eingängig. Egal, ob Bilder von den Fundstätten, von Fußabdrücken, von Gerätschaften oder Kunstgegenständen, bis hin zu den Fotos lebensecht erscheinender Dermoplastmodelle – einfach großartig.

Wer nicht selber während des Lesens und Anschauens Zweifel bekommt, ob alles, was in dem Atlas als gesichert dargestellt wird, tatsächlich unumstößlich ist, wird irgendwann auf Seite 2 beim Impressum auf den klein gedruckten »Hinweis für die Leser« stoßen, der vermutlich nicht von den Autoren, sondern vom Herausgeber stammt und auf genau diese Probleme eingeht: Ist im Buch zu lesen, dass der Homo sapiens erst vor 130.000 Jahren begann, Afrika zu verlassen, wird dies in dem »Hinweis« relativiert: Die Fachleute seien sich in vielem uneins, heißt es da, in dem Buch würden die vorherrschenden Meinungen der Ausbreitung des Menschen über die Erde wiedergegeben. Es gebe allerdings Funde außerhalb Afrikas, die nahelegen, dass Homo sapiens weit früher Afrika verlassen habe. Es könnten also eventuell ganz andere Szenarien der Ausbreitung der Menschheit denkbar sein.

Im »Epilog« des Buches wird zwar darauf hingewiesen, dass weitere Forschungen zu neuen Entdeckungen führen und die vorliegenden Erkenntnisse vertiefen und die Sichtweisen erweitern werden, im Hauptteil jedoch werden die weltweiten Wanderrouten so dargestellt, als wisse man jede Einzelheit. Dass manche Hypothesen dabei sind und teilweise wohl nur vage Annahmen, schmälert die Qualität des Werkes keineswegs, doch wäre es schön gewesen, wenn hin und wieder darauf hingewiesen worden wäre, welche Aussagen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und was (noch) nicht eindeutig belegbar ist. Ein kleiner Wermutstropfen sind die Zeittafeln: Da hat zwar der Grafiker was Tolles gezeichnet, aber so richtig versteht man nicht bis ins letzte, was gemeint ist.

Dieser Atlas ist eine Art Grundlagenwerk und stellt den Werdegang der Menschheit anschaulich und gut verständlich dar – besser als je zuvor. Man wird zwar davon ausgehen müssen, dass in Neuauflagen manche Korrekturen, vielleicht hin und wieder sogar ein neues Szenario enthalten sein werden, das tut diesem Atlas aber keinerlei Abbruch. Insofern lohnt sich dieses Buch auf jeden Fall für jeden, der an der Thematik interessiert ist.

Reinhard Wolf

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