Titelbild eines Buches

Susanne Scharnowski: Heimat. Geschichte eines Missverständnisses.

Titelbild eines Buches

Wissenschaftliche Buchgesellschaft wgb Academic, Darmstadt 2019. 272 Seiten. Hardcover € 40,–. ISBN 978-3-534-27073-6

Heimat ist ein »schwieriges Terrain«, stellt die Verfasserin fest. Die Einsicht ist nicht neu. Und missverständlich war der Begriff immer, er wurde romantisch verklärt, nationalistisch und nazistisch missbraucht, utopisch besetzt. Heute finden sich Heimatromane wie Juli Zehs »Unterleuten« neben Werbekampagnen wie »Wein-Heimat Württemberg«. Und neue Nazis vereinnahmen Heimat einmal mehr. Heimat ist ein Krisensymptom: Haltepunkt in der schwindelig machenden Moderne, die räumliche Nahwelt und soziales Interaktionsfeld erschüttert. Angesichts globaler Migrations- und Klimaprobleme geht es nicht mehr nur um abstrakte Heimat, sondern um konkrete Beheimatung.

Heimat hat Konjunktur in der Diskurskultur, das »Kursbuch« greift erschöpft zum Wortspiel »Heimatt«. Wozu also noch ein Buch? Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Susanne Scharnowski führt ihr Erkenntnisinteresse auf die Frage zurück, warum im Unterschied zu England das Landleben hierzulande aktuell kaum Beachtung fand; das lässt sich mit dem 2005 einsetzenden »Landlust«-Boom indes bezweifeln. Bei der Antwortsuche stieß sie auch auf Heimatromane und Heimatfilme, deren Analyse das Buch leitmotivisch durchzieht. Die Autorin geht der Bedeutungsgeschichte von der Romantik bis zur NS-Zeit nach und verfolgt die Debatte um einen »zeitgemäßen Heimatbegriff«. Ein Fazit nimmt sie vorweg: »Das wichtigste Ergebnis dieser Untersuchung besteht in der Erkenntnis, dass auch die deutsche Heimat sehr viel weniger mit Nation und Staat zu tun hat, als immer wieder unterstellt wird. ›Heimat‹ erscheint eher als Gegenbegriff zu Fortschritt und Moderne, als Reaktion auf die in Deutschland besonders drastischen technisch-industriellen Modernisierungsschübe und Umbrüche, weniger als Gegenteil von ›Fremde‹, sondern eher als Gegenpol zur Entfremdung.«

Am Beispiel des Heimatrechts folgert Scharnowski, dass Heimat schon vor der Romantik emotional aufgeladen war. Die »Urform der Heimatliteratur« macht sie in Berthold Auerbachs »Schwarzwälder Dorfgeschichten« aus. Auch das Dorf verändert sich, Selbstverständlichkeit wird brüchig, wenn Menschen auswandern, eine »Neue Heimat« suchen müssen. Einen »Heimat-Hype« eruiert die Autorin ab 1870 in unzähligen Komposita von Heimatschutz bis Heimatmuseum, die als regressiver Reflex auf industriellen Raubbau gedeutet werden können. Tendenzen der Heimatdiskussion reichen von antimodern und fortschrittskritisch bis transformations- und technikbewusst. Sie spiegeln sich in Romanen wie Ludwig Ganghofers »Das Schweigen im Walde« oder Gustav Freytags »Soll und Haben«. Mit der Idee der deutschen Nation gerinnt Heimat zur völkischen Chiffre, deren Linie vom Kolonialismus zum Nationalsozialismus führt; Hans Grimms Roman »Volk ohne Raum« wird zum Schlagwort. Daneben gibt es gegenläufige Strömungen, etwa Eduard Sprangers Vortrag »Der Bildungswert der Heimatkunde«.

1945 ist Heimat ein Ruinenfeld, Lebensplanung zertrümmert, neben materiellem Wiederaufbau geht es um seelische Rekonstruktion. Eine heile Welt gaukelt Filmkitsch wie Alfons Stummers »Der Förster vom Silberwald« vor. Die Studentenbewegung und Ernst Blochs Hoffnungsutopie verändern das Heimatverständnis, Regionalismus- und Umweltbewegung kämpfen um unversehrte Natur und Heimat. Filme wie Volker Schlöndorffs »Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach« oder Edgar Reitz’ »Heimat«-Trilogie bebildern eine realistische Sichtweise.

Scharnowski tritt der These entgegen, dass das »nostalgische Festhalten an der Heimat« eine typisch deutsche Abwehrreaktion vor Zumutungen der Moderne sei. Permanente Umwälzungen erzeugen Verlust an Sicherheit, Sehnsucht nach Vergangenheit. Werden Kollateralschäden des Fortschritts nicht verhindert, kann das populistische und rechtsradikale Denkmuster fördern. Die Autorin ortet nun ein »multilokales Heimatgefühl« bei kreativen und mobilen »Digitalnomaden«. Hier hätte die Kehrseite des Kapitalismus erwähnt werden müssen: das Heer entwurzelter und verelendeter Arbeitsnomaden. Eugen Ruges Satire »Follower« zeichnet die Vision einer virtuellen Welt ohne Orts- und Realitätssinn. In Christopher Nolans Science- Fiction-Film »Interstellar« geht es nach Zerstörung der Biosphäre nicht um Konservierung irdischer Heimat, sondern um Kolonisierung des Alls als Zufluchtsraum.

Scharnowski plädiert für einen »kosmopolitischen Provinzialismus« der die Gegensätze versöhnt. Bloch hat es vorweggenommen: »Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat.« Das Buch ist ein intellektueller Parforceritt, der bisweilen forsch über die Hindernisse der sozial- und kulturwissenschaftlichen Heimatdebatte hinwegsetzt. Seine Stärke liegt in den literarischen und filmischen Beispielen, wobei zu fragen ist, warum nicht der Schlager als Medium der Heimatverklärung berücksichtigt wurde. Auch nach der durchaus anregenden Lektüre bleibt die aufklärerische bis reaktionäre Vieldeutigkeit des Begriffs, und solange sich Menschen nach physischer wie metaphysischer Beheimatung sehnen, dürfte die Heimatdebatte weitergehen.

Wolfgang Alber

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