Titelbild eines Buches

Günther Kurz: Der Alte Friedhof Degerloch – Eine Chronik

Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Degerloch e.V., Eigenverlag, o.O., o.J. [Stuttgart 2021], 92 Seiten mit vielen, teils farbigen Abbildungen. Gebunden, Großformat 14,80 €

Titelbild eines Buches

Sehr alt oder gar uralt ist der »Alte Friedhof« in Degerloch nicht. Bis 1468 war Degerloch kirchlich eine Filiale von (heute Stuttgart-)Möhringen. Folglich wurden die Degerlocher bis dahin in Möhringen getauft und begraben. Erst 1468 erfolgte auf Betreiben des württembergischen Herzogs Ulrichs V., des »Vielgeliebten«, die Erhebung des württembergischen Degerloch zur eigenen Pfarrei und damit die Trennung vom reichsstädtisch-esslingischen Möhringen, und es entstanden nun auch dort eine Kirche und ein Friedhof.

Freilich war Degerloch ein bescheiden großes Dorf. Erst die Villen der vornehmen Siedlung der Stuttgarter Hautevolee am Rand zum Talkessel um 1860/80 läuteten eine neue Ära ein. Eben um diese Zeit wurde der Gottesacker von 1468 an der Degerlocher Kirche zu klein; 1869 genehmigte das Kgl. Amtsoberamt Stuttgart (im Kern die Fildergemeinden von Waldenbuch bis Scharnhausen) die Anlage einer neuen Begräbnisstätte. Nach Einrichtung eines weiteren Friedhofs 1957 westlich des nun nach Stuttgart eingemeindeten Orts wird der neue Begräbnisort von 1869 dann als »Alter Friedhof« bezeichnet, der älteste von 1468 ist heute längst aufgelassen.

Die Geschichtswerkstatt Degerloch hat eine ansprechend aufgemachte kleine Chronik des »Alten Friedhofs« von 1869 veröffentlicht. Den ersten Teil bilden dessen Vor- und Entstehungsgeschichte. Die veröffentlichten Dokumente – oft als Faksimile auf der rechten Seite im Bild und buchstabengetreue Wiedergabe des Texts links – haben historischen Charme im Duktus und inhaltlich, wenn etwa Kostensteigerungen gegenüber dem Aufsicht führenden Oberamt verschleiert werden sollten. Besonders aufschlussreich sind die im Bild vorgestellten Situations- und Ortspläne auf der Grundlage der württembergischen Katasterkarten. Sie veranschaulichen, wie bescheiden groß diese Fildergemeinde noch um 1900 war.

Der erste Friedhof bei der Kirche wurde danach bald nicht mehr belegt, ja offenbar wenig wertgeschätzt und sogar als Wäschetrockenplatz zweckentfremdet. Das Renommee des neuangelegten Friedhofs von 1869 ging so weit, dass die Degerlocher Oberschicht – so befremdlich dies uns heute erscheinen mag – Verstorbene exhumieren und in dem neuen Gottesacker beisetzen ließ; so Ortsschultheiß Gohl seinen Vater und Kreisschulinspektor Böhm seinen Schwiegervater. Dabei dürfte die Anlage von Familiengrabstätten eine wesentliche Rolle gespielt haben. Neben den veröffentlichten Dokumenten und Plänen sind es solche Anekdoten, die die Lektüre der Chronik auch für Ortsfremde attraktiv machen.

Teil II der Chronik ist biografischer Natur: Texte zu auf dem »Alten Friedhof« von 1869 Bestatteten, mit Bildern reich garniert. Über die erwähnten, hauptsächlich für die Degerlocher interessanten Mitglieder des »Ortsadels« etwa aus den Familien Gohl, Raff, Lutscher, Wetzel, Heimsch und anderer oder die verdienten evangelischen und katholischen Geistlichen hinaus sind auf dem Friedhof auch der bekannte Textilfabrikant Wilhelm Bleyle mit Frau beerdigt und der derzeit wieder vermehrt Aufmerksamkeit erlebende, aus Vaihingen/Enz stammende Maler Eugen Kucher und die beruflich wie privat sozialpolitisch stark engagierte liberale Stuttgarter Stadträtin der 1920er-Jahre Vilma Kopp.

Friedhöfe sind wichtige und anschauliche Bestandteile der lokalen Geschichtslandschaft. Dank der lokalen Geschichtswerkstatt sieht sich der Degerlocher »Alte Friedhof« wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt.

Raimund Waibel

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