Titelbild eines Buches

Kevin Schmidt: Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939–1945

(Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 118, hrsg. von Katharina Ernst), Verlag für Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2025. 348 Seiten, 57 Abb. Hardcover 29 €. ISBN: 978-3-95505-589-9

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Der Einsatz von Zwangsarbeitern und deren Rolle in der deutschen Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkriegs ist erst seit etwa 1985 – also vergleichsweise spät – so recht in den Blick der deutschen Historiker geraten. Seither ist eine Reihe bahnbrechender Darstellungen erschienen. Auch in Firmengeschichten fand das Thema nun vermehrt Berücksichtigung, wo es vorher meist schlicht ignoriert worden war. Für Stuttgart liegt eine Reihe entsprechender, freilich disparat erschienener Untersuchungen vor. Kevin Schmidt kommt das Verdienst zu, die lokalhistorische Forschung zusammenzufassen und durch eigenes Quellenstudium zu erweiterten und die Ergebnisse an der allgemeinen Entwicklung im Reich (und teils den von der Wehrmacht besetzten Gebieten) zu spiegeln. Zu diesem Zweck arbeitete der Autor den bisherigen Forschungsstand auf: sowohl zur Zwangsarbeit in Deutschland 1939–1945 wie die existierenden Untersuchungen zu Stuttgart. Dies setzt ein immens fleißiges Studium der Sekundärliteratur voraus, wie es auch in den Anmerkungen und im umfangreichen Literaturverzeichnis einen Niederschlag findet.

Fast ausschließlich die Entwicklung und die Voraussetzungen im Deutschen Reich betrachtend und ohne größeren immediaten Bezug zu Stuttgart gestaltet sich eingangs das rund 50 Seiten umfassende Kapitel »Kriegswirtschaft«: von den ökonomischen Notwendigkeiten des Zwangsarbeitereinsatzes und dessen Grundlagen bis hin zu »Anwerbung« der Arbeitskräfte – teils durch Entführung von der Straße weg – und Lagerbau. Mehr im Mittelpunkt steht die Stadt im zweiten Abschnitt, der in 13 Unterkapiteln die »Lebens- und Arbeitsbedingungen von Zwangsarbeitern« (in Stuttgart) behandelt: von der Bekleidung, Verpflegung und Hygiene bis zu Straftaten samt Bestrafung, Bordellen und Bestattungen. Es fällt auf, dass die Beispiele hier oft der lokalen Sekundärliteratur entnommen sind. Die Quellenlage zum Thema scheint für Stuttgart recht dürftig zu sein? Die wenigen Fallbeispiele zur Verfolgung der Straftaten von Zwangsarbeitern waren jedenfalls vor allem von recht milden Urteilen geprägt. Entsprechende Recherchen des Rezensenten vor Jahren zu Ulm ergaben ganz andere Ergebnisse. Gerade mal eineinhalb der acht Seiten der Arbeit zum Thema »Bordelle für fremdvölkische Arbeiter« scheinen Stuttgart zu betreffen, wobei zudem nicht ganz klar wird, ob denn die geschilderten Beispiele überhaupt aus Stuttgart stammen. Eine ähnlich dürftige Quellen( grund)lage ist auch in anderen Unterkapiteln zu vermuten. Zeitungen wurden für die Arbeit offenbar nicht ausgewertet.

Als wesentliche und einzigartige Quelle standen dem Autor aber 304 ausgefüllte Fragebögen einer Befragung von rund 2000 ehemaligen Zwangsarbeitern in Stuttgart aus den Jahren 2000/2002 zur Verfügung, die freilich nur an so genannte »Ostarbeiter« und »Ostarbeiterinnen« gegangen waren. Leider bleibt der Wortlaut der an die ehemaligen Zwangsarbeiter gestellten Fragen weitgehend im Dunkeln; ein Abdruck des Fragebogens wäre interessant gewesen. Weitergehende persönliche Äußerungen in den rückgesandten Fragebögen waren offenbar eher selten.

In großem Umfang schöpft der Autor Daten aus Angaben der Befragten zur Beschäftigung einerseits bei der Stadt, die in den Fragebögen übrigens auffallend schlecht beurteilt wird, andererseits in großen und mittleren Betrieben der Privatwirtschaft. Weniger umfangreich und detailliert kommen die Verhältnisse in Privathaushalten, bei den Kirchen und anderen Institutionen zu Wort. Die ausgewerteten Angaben werden nun innerhalb der jeweiligen Kategorie und den Kategorien untereinander verglichen. Diese Art der Auswertung artet zu einer wahren Sintflut von Zahlen aus, vor allem in Form von Prozentangaben, Tabellen und Diagrammen. Wobei zu fragen bleibt, ob Prozentangaben bis zur zweiten Stelle hinter dem Komma bei häufig nur sehr wenigen diesbezüglich Angaben enthaltenden Fragebögen als Basis – oft weniger als zehn Fragebögen oder knapp darüber – sinnvoll oder doch eher zufällig sind und so eine nicht existierende statistische Exaktheit vorspiegeln. Jedenfalls ist sie für den Leser recht ermüdend. Erhellend und beim Leser haften bleibend ist hingegen die Schilderung persönlicher Verhältnisse und Erfahrungen, die die Fragebögen und andere archivalischen Quellen bergen. Inwieweit diese als repräsentativ gelten dürfen, ist eine andere Frage. Hier überwiegen nämlich überraschenderweise oft die positiven Erinnerungen, was vermutlich nicht den historischen Umständen des Arbeitseinsatzes entspricht.

Die Arbeit ist im Aufbau um eine klare Gliederung bemüht, die im Text nicht immer durchgehalten werden kann. Für den Fall Stuttgart stellt sie eine verdienstvolle Auswertung lokaler Beispiele als gleichsam Schlaglichter zum Thema dar; als solche eingebunden in die Schilderung der reichsweit gültigen Grundlagen der Verpflichtung und des Einsatzes von Zwangsarbeitern, die durchaus einen Eindruck vermitteln können, was Zwangsarbeit in Stuttgart damals nicht nur für die Betroffenen bedeutete. Hier liegt die Stärke der Arbeit, wenn auch die sicher vielen Fälle von Unterdrückung, Fremdenfeindlichkeit, Menschenverachtung und Nazi-Gerichtsbarkeit ziemlich im Hintergrund bleiben (müssen?). Kevin Schmidt kommt zum – wenig erstaunlichen – Schluss, dass Stuttgart in wohl kaum nur einem Punkt einen Sonderfall darstellte, wenn auch der Einsatz von Fremdarbeitern in der so stark in der Rüstung engagierten Stuttgarter Industrie durchaus von besonderer Bedeutung war. Unachtsamkeiten wie die Bezeichnung von Wilhelm Murr als »Reichsstatthalter von Baden-Württemberg « (sic!, S. 60) und ganz offenbar irrtümliche Angaben wie etwa zum Monatsverdienst einer Arbeiterin in der Elektroindustrie 1944 (S. 65: 23, 25 RM; eher der Wochenverdienst?) können passieren, wurden aber leider von Gutachtern und Lektorat übersehen.

Raimund Waibel

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