Titelbild eines Buches

Muhterem Aras und Hermann Bausinger: Heimat. Kann die weg? Ein Gespräch.

Eingeleitet und moderiert von Reinhold Weber. Klöpfer und Narr Verlag Tübin­gen 2019. 150 Seiten. Gebunden € 20,–. ISBN 978-3-7496-1001-3

Titelbild eines Buches

Zwei Gesprächspartner, wie sie wohl unterschiedlicher nicht sein könn­ten: hier der 1926 geborene Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bau­singer, dem in der schwäbischen Kul­tur und Sprache wohl kaum etwas unbekannt ist; dort die vierzig Jahre jüngere Politikerin Muhterem Aras, als alevitische Kurdin geboren und heute Präsidentin des baden-würt­tembergischen Landtags. Sie führen im Sommer 2018 ein langes Gespräch über die Bedeutung von Heimat. Als Dialog aufgezeichnet bietet ihr Aus­tausch eine etwas andere Perspek­tive auf »Heimat« trotz mittlerweile Tausender von Büchern, Essays, Zei­tungsartikeln, Rundfunk- und Fern­sehbeiträgen zu diesem Thema.

Im Dialog nähern sich Aras und Bausinger verschiedenen Fragen: Zunächst sind sie sich darin einig, dass sich »Heimat« einer Definition und scharfen Begriffsabgrenzung entzieht: Das Wort Heimat trägt viele Ablagerungen in sich und kann deshalb von jeder Seite aus wieder etwas anders aussehen. (…) Dass es so viele Zugänge hat, blockiert eine verbindliche Defini­tion, meint Bausinger. So ergebe sich eigentlich auch eine gewisse Entlastung für den Umgang mit dem Wort Heimat. Das ist aber offenbar auch nicht so einfach. Für die einen ist Heimat der sorgenfreie, meist ländliche Rück­zugsort als Gegenbild zum Stadtle­ben; für die anderen das Idealbild bodenverwurzelter »Herrenmen­schen«; für die dritten die Alterna­tive zu einer zentralistischen Gesell­schaft, sei es auf nationaler oder gar übernationaler Ebene; für wieder andere ein Synonym für Milieu, wie etwa in der Arbeiterbewegung und in religiösen Gemeinschaften. Auf­grund des wandelbaren Ideologiege­halts des Begriffs konnte dieser dann auch radikalisiert werden, wie in der NS-Zeit oder auch heute von man­chen politischen Strömungen.

Hierzu nimmt Muhterem Aras eine eindeutige Haltung ein. »Hei­mat« sei niemals als ausgrenzend zu verstehen im Sinne von »wir« gegen »die«: Wir sollten Heimat vielmehr als einladend interpretieren. Dieser Hei­matbegriff sei dann auch offen und integrativ, nicht nationalistisch und ausgrenzend. Ich wehre mich massiv dagegen, den Begriff den Fremdenfeinden zu überlassen, sagt Aras. Bausinger unterstreicht das: Ein Heimatbegriff, der Migranten keinen Platz einräumt, greift zu kurz, auch wenn er sich noch so sehr mit historischen Traditionen und Requisiten drapiert. Hinter dem Begriff stecke ja auch die Idee, men­schenwürdige Verhältnisse für alle zu schaffen.

Solcherlei Dialoge, Reflektionen und Annäherungen zeichnen das gesamte Buch aus. Die Ansätze der beiden Gesprächspartner sind mal wissenschaftlich, mal philosophisch, mal persönlich geprägt, mal aus der Draufschau. Kaum ein Aspekt wird ausgelassen: Kann man beispiels­weise mehrere Heimaten haben? Selbstverständlich! so Bausinger und Aras, und das gelte nicht nur für Arbeitsmigranten, sondern auch für deutsche Ferienhausbesitzer auf Mal­lorca: Wenn zum Beispiel Jürgen Klins­mann in den USA lebt und weiterhin Stuttgart als seine Heimat bezeichnet, finden das alle toll (Aras). Beide plä­dieren für deutlich mehr Lockerheit beim Umgang mit »Heimat«. Jüngere Menschen würden das bereits vor­leben, und Abschottungstendenzen oder gar Fremdenfeindlichkeit seien bei ihnen weitaus weniger sichtbar als bei älteren Generationen. Auch Selbstironie à la Thaddäus Troll gegenüber den eigenen Schwächen helfe zuweilen, andere Herkünfte nicht zu distanzierend und abwer­tend zu betrachten.

In einem weiteren Kapitel spricht Muhterem Aras davon, wie es ihrer Familie und ihr gelang, auf den Fil­dern Heimat zu finden und Heimat­gefühl zu entwickeln. Sie erzählt von dem schweren Stand in der tür­kisch-kurdischen Community, weil sie rascher als andere in der deut­schen Gesellschaft angekommen waren. Davon ausgehend reflektiert sie sehr kritisch aus eigenem Erleben die oft schwierige Rolle der »Gastar­beiter« in der deutschen Nachkriegs­gesellschaft. Auf die Frage, was die Politik tun kann, um die Leistungen von Zuwanderern besser zu wür­digen, meint Aras, man solle öfters betonen, dass die Vielfalt, dieser kultu­relle Reichtum und die Potenziale, die Zuwanderer mitbringen, (…) mit keinem Geld der Welt zu kaufen sind. Wenn ein Kind, so Aras, in einem bilingualen Elternhaus mit Deutsch, Englisch oder Französisch aufwächst, finden das alle ganz toll. Wachse aber ein Kind mit Deutsch und Türkisch auf, würdige das niemand. Im Gegenteil, es würde sogar oft als hinderlich für die Inte­gration angesehen. Unter dem Strich erlebe sie aber, dass die Migrations­geschichte sich seit einigen Jahren zum bereichernden Element in unse­rer Gesellschaft entwickle.

Die »offene Gesellschaft« schließ­lich ist das Modell von Muhterem Aras und Hermann Bausinger, auf das eine gedeihliche Zukunft unserer Gesellschaft gegründet sein müsse. Heimat und Vielfalt schlössen einan­der nicht aus, sondern – im Gegen­teil – bedingen einander: Die Heimat verteidigen – das ist oft eine Parole der Abschottung und Ausgrenzung. Aber in einer mobilen Gesellschaft lassen sich heimatliche Verhältnisse nur aufrechter­halten, wenn auch die Zugewanderten einbezogen werden, unterstreicht Bau­singer. Aras stimmt dem zu: Integ­ration bedeutet für mich nicht Assimi­lation. (Dies) würde ja bedeuten, dass ich meine Herkunft verleugne. Insofern lehnt sie den Begriff »Leitkultur« völ­lig ab, weil er eben auch ausgrenze, statt zusammenzuführen.

Die vorstehenden Zitate und Zusammenfassungen bilden das Gespräch letztlich nur unzureichend ab. Der Dialog macht an vielen Stel­len die Komplexität deutlich, die der Heimatbegriff in sich trägt. Schnell gelangen die beiden Protagonisten bei Fragen des Islam und Islamis­mus, Religionsfreiheit und Grundge­setz, Rassismus, falschen Statistiken, Dirndl auf dem Volksfest, demo­kratischem Grundverständnis und Europa an. Zwei Menschen unter­schiedlichen Alters und unterschied­licher Herkunft, mit unterschiedlichs­ter Sozialisation und andersartiger beruflicher Laufbahn führen uns in diesem unterhaltsamen, nachdenk­lich machenden und teils auch beschämenden Dialog vor, dass aus­gerechnet »Heimat« – von der die meisten Menschen glauben, sie hät­ten eine – etwas ist, das am wenigsten zu einem Massenbegriff taugt. Hei­mat, so versteht es Muhterem Aras, ist eine gewaltige Aufgabe, die sich nicht von alleine erledigt, schon gar nicht durch eine Definition: Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat.

Um auf den Titel des Buches zurückzukommen: Nein, Heimat kann nicht weg, denn sie entsteht permanent neu. Wer verstehen will, wie Vielfalt und Heimat zusammen­hängen, macht mit der Lektüre dieses Buches alles richtig.

Bernd Langner (publiziert in der Schwäbischen Heimat, Heft 1/2020)

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