Titelbild eines Buches

Daniel Hildwein und Thomas Stöckle: Das Christophsbad Göppingen. Eugenik und NS-»Euthanasie« 1933–1945

Hrsg. von der Stadt Göppingen. Christophsbad Göppingen 2023. 190 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Hardcover 15 €

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Falls ein Lob in diesem Kontext erlaubt wäre, würde man die Buchgestaltung apart nennen dürfen. Aus dem schwarzen Hardcover ragt in weißer, spröder Sans-Serif der Titel heraus. Im Innern ist nur wenig Farbe im Spiel.

Für die Schwäbische Heimat spürte Irene Ferchl in ihrem Beitrag »Museen im Blick« am Rande der Geschichte des Göppinger Christophsbads bereits nach (SH 2023|2, S. 47ff.). Im Frühjahr 2023 haben auch Thomas Stöckle und Daniel Hildwein ihre Recherche vorgelegt. Ihre Studie darf als Auftragsarbeit der Gesellschafter des Christophbads Göppingen betrachtet werden. Die Nachfolgeeinrichtung des Privatmanns Dr. Heinrich Landerer aus dem Jahr 1852 firmiert inzwischen als GmbH & Co. Fachkrankenhaus KG. Kliniken mit zahlreichen Stationen und mehreren Anlaufstellen gehören zur Firmengruppe unter dem Logo Christophsbad.

Das »Christophsbad«, vulgo »Landerer«, war (und ist vielleicht heute noch) im weiten Göppinger Umland ein Begriff. Bis ins ausgehende 20. Jahrhundert nickte man wissend, wenn es hieß, jener oder jene halte sich gerade »beim Landerer« auf. Dabei genoss das Haus im Staate Württemberg einen anderen Ruf, als etwa die »Irrenanstalten« Zwiefalten oder Schussenried, wo man psychisch Kranke hinter ehemaligen Klostermauern weggesperrt wusste. Das bessere Image hatte sicher etwas mit dem privaten Charakter der Göppinger Anstalt zu tun. Die Autoren des Buchs weisen auf diese Exklusivität hin. Freilich ist auch »der Landerer« zwischen 1933 und 1945 keine Insel der Seligen geblieben. Und exakt diese Zeitspanne ist ja das Thema des Buchs mit seinen zahlreichen Tabellen, Schaubildern und Fotos. Die Autoren widmen sich den Lebensläufen sowohl der Ärzte und des medizinischen Personals, und mehr noch, denen der Kranken. Heinrich Landerer jun., der gleichnamige Sohn des Anstaltsgründers, wurde 1924 als ärztlicher Leiter von Dr. Fritz Glatzel abgelöst. Das Unternehmen firmierte weiter als Heilanstalt Christophsbad, Dr. Landerer Söhne.

Eine Porträtaufnahme zeigt Sohn Dr. Werner Landerer in Uniform (S. 56). Der schmale Bildausschnitt mit Kragenspiegeln und Schulterstücken lässt die Vermutung zu, dass es sich um einen Wehrmachtsangehörigen handelt, Jahreszahl und nähere Angaben zum betrieblichen Direktor fehlen allerdings. Generell wird er sehr schmallippig abgehandelt. So ist von ihm gar nicht die Rede, wenn über die Entnazifizierungsverfahren nach 1945 berichtet wird. Allesamt sind die Göppinger Doktores als »Mitläufer« klassifiziert, bzw. entlastet worden. Angefangen beim Ärztlichen Direktor bis zur »schillerndsten Figur der Christophsbader Ärzteschaft«, nämlich dem stellvertretenden ärztlichen Leiter und Oberarzt (S. 28 ff.). Letzterem war wegen seiner Tätigkeit für das Rassenpolitische Amt der NSDAP Kreisleitung Göppingen eine Sühne von 2.000 Reichsmark auferlegt worden, die ihm aber von der Spruchkammer erlassen wurde.

Ein Fazit dieses Buchs könnte sein, dass Leitende Ärzte mit der Lehre der Eugenik offenbar d‘accord waren, ohne aber gleichzeitig die Auslöschung »unwerten Lebens« zu unterstützen. Der private Charakter der Göppinger Einrichtung änderte nichts daran, dass das so genannte »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« im Christophsbad ohne Aufbegehren umgesetzt worden ist. Mindestens 269 Menschen sind in Göppingen zwischen 1934 und 1944 zwangssterilisiert worden. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass es gegen die Wegverlegung von Patientinnen und Patienten im Zug der »Euthanasie« Protest und schriftliche Einwände gegeben hat. In einem Brief an das Innenministerium in Stuttgart 1940 werden wirtschaftliche Gründe gegen die »Abgabe« von Pfleglingen in Staatsanstalten geltend gemacht (S. 58f.).

Dennoch sind auch aus Göppingen 1940/1941 im Rahmen der Aktion »T4« Patientinnen und Patienten in die Zwischenanstalten Winnenden und Weissenau »abgegeben« worden, von wo aus sie in die Mordanstalten Grafeneck und Hadamar verbracht wurden. Insgesamt werden im Buch 293 Namen genannt, die als Opfer der »Rassehygiene« denunziert worden sind und deren Existenz ausgelöscht werden sollte. 180 Menschen wurden nachweislich ermordet. Tatsächlich sind es diese vielen Schicksale, die betroffen machen. Fast die Hälfte des Buchs ist den Opfern gewidmet. Galerien mit Patientenfotos und Namenslisten verdeutlichen jeden Fall. In Einzelbiografien werden die Menschen von A bis Z vorgestellt. Die Toten bleiben so von der Verdammnis des Vergessens bewahrt.

Das Christophsbad in Göppingen hat als Heilanstalt die Nazizeit überdauert, wohl auch deshalb, weil es als Hilfskrankenhaus und für den Luftschutz deklariert war. 1972 wurde das Christophsbad Göppingen Dr. Landerer Söhne in den Krankenhausplan Baden-Württemberg als psychiatrisch-neurologische Privatklinik aufgenommen. Thomas Stöckle und Daniel Hildwein von der Gedenkstätte Grafeneck haben den von der Klinikgruppe Christophsbad formulierten Willen zur Klärung der Geschichte umgesetzt. Ihr Buch wurde am 21. April 2023 in Göppingen während einer Feierstunde vorgestellt, es ergänzt eine Gedenkstätte im Klinikpark und das Psychiatriemuseum MuSeele.

Reinhold Fülle

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