Titelbild eines Buches

Alexandra-Maria Klein, Felix Fornoff: Praxishandbuch Nutzpflanzenbestäubung

Haupt Verlag, Bern 2025. 240 Seiten, 380 Fotos, 90 Grafiken. Hardcover 39 €. ISBN 978-3-258-08426-8

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Im Jahr 2017 schreckte die »Krefelder Insektenstudie« die Öffentlichkeit auf. Sie dokumentierte einen langfristigen katastrophalen Rückgang der Fluginsekten. Flugs mit dem Etikett »Insektensterben« versehen, diskutierte die Nation über den dramatischen Verlust an Biodiversität und die Folgen für Ökosysteme und Menschheit – ein Thema, das im öffentlichen Diskurs vorher kaum stattfand und das, den aktuellen Diskussions- Algorithmen folgend, auch schnell wieder aus der Prioritätenliste des politischen Handelns verschwunden ist.

Umso wichtiger sind Publikationen wie diese, welche die Bedeutung bestäubender Insekten aus zwei Perspektiven beleuchten: Primär geht es um die Steigerung von landwirtschaftlichen Erträgen. Klein und Fornoff gehen davon aus, dass Wildbienen, ungeachtet der absoluten Dominanz des Haustiers Honigbiene im Bestäubergeschäft, »… trotz ihrer Seltenheit durch ihre Vielfalt eine weitaus wichtigere Rolle und vor allem natürlichere Rolle in der Nutzpflanzenbestäubung« spielen. Maßnahmen des Natur- und Artenschutzes werden damit auch zu einem Gebot wirtschaftlicher Vernunft.

Das Buch gliedert sich in mehrere Teile: Zunächst wird eine kurze Einführung in die Grundlagen der Bestäubungsbiologie geboten. Im ersten von drei Hauptteilen folgen zahlreiche Nutzpflanzen-Steckbriefe. Übersichtlich und grafisch ansprechend aufbereitet werden auf je einer Doppelseite von Apfel bis Zucchini die wichtigsten Daten zu ihrer Bestäubung/Befruchtung dargestellt, die häufigsten bestäubenden Wildbienenarten aufgelistet und jeweils ein Katalog von Maßnahmen zu deren Förderung rund um ihre beiden zentralen Bedürfnisse »Nahrung« und »Nistplatz« aufgestellt. Wer sich genauer informieren will, springt von dort ans Ende des Buchs, zu den Maßnahmen-Steckbriefen im Teil »Naturschutz und Maßnahmen für Wildbienenbestäuber«. Hier findet man konkrete Vorschläge vom Ackerwildkrautschutz bis zum Mahd-Management (vgl. SH 2025|2), mit dem Ziel, die Blütenvielfalt und damit auch die Attraktivität für Wildbienen zu steigern. Ähnliches gilt für den Erhalt und das Neuanlegen von Nistplätzen, sei es in Totholz oder im Boden. Das Ausgliedern der Maßnahmen aus den Steckbriefen ist ein eleganter Weg, um Doppelungen zu vermeiden, denn von vielen der Vorschläge profitieren mehrere oder zahlreiche Wildbienenarten. Letztere lassen sich im Teil »Bestäuber von Nutzpflanzen« samt den folgenden Bienensteckbriefen kennenlernen, mit lesenswerten Einführungen zu einigen wesentlichen Gruppen wie Hummeln, Sandbienen, Mauer- und Blattschneiderbienen etc. Hier hat auch die Honigbiene ihr Kapitel. Ein Glossar, Bestäuberlisten und diverse Literaturverzeichnisse runden das Buch ab.

So schön das Buch insgesamt gestaltet ist: Warum hat man sich für eine zarte serifenlose Schrift entschieden, die ein flüssiges und (für Schnell-Leser) diagonales Lesen unnötig erschwert? Und hat man bei den insgesamt sieben Doppelseiten mit Bienenbildern der Ästhetik nicht ein wenig zu viel geopfert? Wer wissen will, um welche Arten es sich handelt, muss blättern und die Namen in einer wenig übersichtlichen Legende suchen. Sehr ermüdend!

Auch inhaltlich bleiben einige kritische Anmerkungen: Der Titel verspricht mehr, als er liefert, denn es geht in diesem Praxishandbuch Nutzpflanzenbestäubung auf der Insektenseite ausschließlich um Wildbienen. Nur am Rande wird erwähnt, dass es weitere Insektengruppen gibt, die eine herausragende Rolle bei der Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen spielen. Die Bestäubungsleistung der Schwebfliegen zum Beispiel ist kaum geringer als die der Wildbienen. Als zusätzlichen Service bieten sie darüber hinaus einen für den genetischen Austausch bedeutsamen Pollentransport über weite Distanzen.

Trotzdem bleibt ein positives Fazit: Dass die Agrarwirtschaft zu den großen Treibern des Artensterbens gehört, ist vielfach belegt. Umso wichtiger sind Beiträge wie dieser, die Biodiversität und wirtschaftliche Nutzung nicht gegeneinander ausspielen, sondern zusammenzubringen versuchen. Und auch, wer nur einen Garten oder ein schwäbisches »Stückle« bewirtschaftet, findet hier wertvolle Tipps für konkrete Maßnahmen zur Steigerung von Artenvielfalt und Ertrag.

Ulrich Schmidt

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