Titelbild eines Buches

Roland Müller: Emil Gemeinder (1895–1979). Ein jugendbewegtes Leben

Hrsg. von der Stiftung »Literaturforschung in Ostwürttemberg«, 2026. 214 Seiten. Hardcover 25 €. ISBN 978-3-95505-577-6

Titelbild eines Buches

Roland Müller blättert die Vita seines Donzdorfer Landsmannes auf, mit einem ausführlichen wissenschaftlichen Apparat im Anhang. Es entsteht das Bild eines umtriebigen Menschen, der als »Hansdampf in allen Gassen«, formal nicht hochgebildet, aber mit einem soliden Selbstbewusstsein immer neue Aufgaben suchte. Sein Willen und seine Tatkraft waren stark, seine Interessen vielfältig. Er fand Betätigung im Kronacher Bund der alten Wandervögel, als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Stuttgarter Jugendbünde, als Schriftleiter der Beilage »Deutsche Jugend« des Stuttgarter Neuen Tagblatts, als Beisitzer der Prüfstelle München, die in den 1920er-Jahren die Jugend vor Schund und Schmutz bewahren sollte. Wir sehen ihn als »höchstens 60-prozentigen« (Selbstaussage) NS-Parteigenossen und -Funktionär, der 1948 als »Mitläufer« eingestuft in der jungen Bundesrepublik wieder Fuß fassen und sich vielfältig betätigen wollte: In Donzdorf etwa als parteiloser Gemeinderat und Vertrauensmann des Albvereins. Noch am Lebensabend nahm er Posten und Pöstchen an. Aus seinem widersprüchlichen Leben lässt sich als möglicher gemeinsamer Nenner der Begriff »Kameradschaft« herausdestillieren, der in seinem Denken und Handeln jenseits sozialistischer oder völkischer Prägung eine wichtige Rolle spielte. Es ist eine Vorstellung, die vermutlich aus den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg in die Nachkriegszeit transloziert worden ist. Oder wie kommt es, dass jemand, der als Pazifist sozialisiert wurde, später einen Generalfeldmarschall hofiert? Wie kann derselbe Mensch, der in den 1920er-Jahren mit dem überzeugten, später ins Exil gegangenen Kommunisten Friedrich Wolf gute Kontakte pflegen und gleichzeitig »Militarist« sein?

Tatsächlich hat Emil Gemeinder dem General Rommel nach dem Krieg viel Erinnerungsspielraum eingeräumt – und folglich nimmt er Raum in diesem Buch ein. Wer sich je mit ehemaligen Angehörigen des »Deutschen Afrikakorps« über ihren Kommandeur Erwin Rommel unterhalten hat, oder wer je einen Blick in das aufgelegte Besucherbuch in der Rommel-Gedenkstätte/Archiv Villa Lindenhof in Herrlingen-Blaustein geworfen hat, in dem noch in den 1980er-Jahren Veteranen aus Neuseeland, Großbritannien und Südafrika hymnische Einträge hinterließen, mag eine Vorstellung davon haben, mit welcher Faszination Freund und Feind dem Generalfeldmarschall gehuldigt haben. Ganz offenkundig konnte sich auch Emil Gemeinder dessen Aura nicht entziehen. Noch lange nach Kriegsende war er damit beschäftigt, das heldische Bild des Generalfeldmarschalls, das von der NS-Propaganda, aber auch von Rommel selbst gezeichnet worden ist, zu tradieren: Als »Wüstenfuchs«, der sich furchtlos im erbeuteten, britischen gepanzerten Kommandofahrzeug mit einer ebenfalls erbeuteten Staubbrille um den Hals, oftmals bis in die vorderste Front begab, um dort von seinen Soldaten begrüßt und gefeiert zu werden.

Emil Gemeinders Rommel-Verehrung scheint ihren Anfang im Ersten Weltkrieg genommen zu haben, bei der damals neuen Gebirgsjägertruppe, im Buch durchgängig »Gebirgler« genannt. Dort ist der geübte Skifahrer Emil Gemeinder als Soldat mit dem damaligen Leutnant Erwin Rommel bekannt geworden. Wie genau, erfährt der Leser nicht. Müller schreibt lediglich: »In der Erinnerung betonte er (Gemeinder) eine enge Verbindung zu Rommel« (S. 20). Diese erste prägende Begegnung findet im Zweiten Weltkrieg ihre Fortsetzung: Im Juni 1944 trifft Gemeinder, inzwischen (Marine-) Feldwebel, auf Rommel, inzwischen Generalfeldmarschall. Gemeinder ist damals knapp fünfzig Jahre alt und landet nach verschiedenen Verwendungen in der Etappe offenbar auf eigenen Wunsch im Hauptquartier der Heeresgruppe B im französischen Château de La Roche- Guyon. Er wird, so liest es sich, zum Intimus des Generals. Die Militär-Hierarchie scheint völlig aus dem Lot geraten zu sein. Denn erstaunlich wirkt der Umstand, dass Gemeinder von einem leibhaftigen Vizeadmiral persönlich in Paris abgeholt und ins Hauptquartier gebracht wurde. Vizeadmiral Ruge, der später bei der Bundesmarine seine militärische Karriere fortsetzte und nach dem Krieg seine Erinnerungen an Rommel im Buch aufschrieb, war damals als Rommels Marineberater Vorgesetzter des (Marine-) Feldwebels Gemeinder. Erstaunlich bleibt weiter der Umstand, dass der schwäbische Generalfeldmarschall den schwäbischen Unteroffizier offenbar auf dessen Bitte hin gezielt angefordert hatte. Ebenso erstaunlich ist zudem, dass Rommel ihm die militärische Lage ungeschminkt schildert und ihn sogar beauftragt, sein persönliches Tagebuch zu führen. Offenbar parallel zu Rommels Adjutant Hellmuth Lang aus Schwäbisch Gmünd, der als hochdekorierter Panzerhauptmann seit Januar 1944 im Stab der Heeresgruppe B offizieller Ordonnanzoffizier ist. Gemeinders Rolle im Stab bleibt diffus. Man hätte sich da Genaueres gewünscht. Zumal Gemeinder jene kritischen Tage an Rommels Seite verbrachte, in denen die Schlacht in der Normandie, und damit um Frankreich, auf der Kippe stand, weil die Alliierten im Begriff waren, aus ihrem Landekopf auszubrechen. Offenkundig ist, dass er kaum drei Wochen in Rommels Nähe verbrachte, denn am 17. Juli 1944 wurde der Generalfeldmarschall bei einem Tieffliegerangriff schwer verwundet und fiel als Befehlshaber aus. Über den direkten Verbleib Gemeinders nach Rommels Verwundung erfährt man im Buch nichts. Er scheint jedoch militärische Unterlagen an sich und mit nach Hause genommen zu haben, die später von den Amerikanern konfisziert und ihm trotz Intervention nicht zurückgegeben wurden. Jedenfalls fühlt er sich über den Krieg hinaus dem Andenken »seines Feldmarschalls« verpflichtet. (Kapitel 18, »Gebirglerstreue«).

Der »Stiftung Literaturforschung in Ostwürttemberg « ist es wohl zu verdanken, dass dieses abwechslungsreiche – der Biograf nennt es Ein jugendbewegtes Leben – aufgeschrieben worden ist. In insgesamt 19 Abschnitten bildet Müller knapp 84 Lebensjahre ab, mal mit Nennung des vollen Vornamens Emil Karl, meistens nur als Emil. Acht Jahre vor seinem Tod, im November 1971, trat Gemeinder übrigens auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Schwäbischen Heimatbunds als Unterstützer der »Traditionalisten « gegen das damalige Vorstandsmitglied Willy Leygraf auf. Jener hatte mit einem Artikel über die gesellschaftliche Bedingtheit von Heimat einen Sturm der Empörung ausgelöst (S. 159f). Leygrafs Gegenspieler war damals das Ehrenmitglied Karl Götz. Dessen Beistand Emil Gemeinder scheint mit ausschweifenden Monologen bestätigt zu haben, dass weder sein Lebenslauf noch seine Gedankenwelt in ein- und dieselbe Schublade passen.

Ohne die nun erstellte Biografie würde der Beschriebene vermutlich dem Vergessen anheimfallen. Sein prominenter Chronist, Prof. Dr. Roland Müller, bis 2021 Leiter des Stadtarchivs Stuttgart, hat dies verhindert.

Reinhold Fülle    

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