Titelbild eines Buches

Manuel Mozer (Hrsg.): Jüdisches Leben in Wankheim

Gegeneinander – Nebeneinander – Miteinander. Festschrift zum 250-jährigen Jubiläum der Gründung der Jüdischen Gemeinde Wankheim

Thorbecke Verlag, Ostfildern 2024. 303 Seiten, 80 Abb. Hardcover 25 €. ISBN 978-3-7995-2061-4

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Nicht erst seit dem Feier- und Gedenkjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gibt es die Forderung, jüdisches Leben nicht auf die zwölf Schreckensjahre des Nationalsozialismus zu reduzieren. Schon in den 1990er-Jahren hat eine Kommission des renommierten Leo-Baeck-Instituts diese Forderung erhoben und entsprechende Empfehlungen für deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht verfasst. Der von dem Wankheimer Ortsarchivar Manuel Mozer herausgegebene Band zur jüdischen Geschichte des kleinen Orts auf den Härten erfüllt diese Forderung in großem Umfang. Schon der Entschluss zu einer Festschrift zum 250-jährigen Jubiläum der Gründung der Jüdischen Gemeinde Wankheim verdient Anerkennung. Zwölf Beiträge, z. T. von ausgewiesenen Fachleuten geschrieben, widmen sich der Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde, die kaum mehr als hundert Jahre währte, von der Niederlassung der ersten Juden 1774 unter dem Schutz der Freiherrn von St. André bis zu ihrem Ende 1882. Das wurde nicht von Nationalsozialisten erzwungen, sondern vollzog sich freiwillig mit dem hoffnungsvollen Umzug vieler jüdischen Familien nach Tübingen, Reutlingen oder in andere Städte. Ermöglicht hatten das dies Niederlassungsfreiheit und rechtliche Gleichstellung, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts Juden endlich gewährt wurden. Sie führten das Ende der für Süd(west)deutschland so typischen jüdischen Lebensweise auf dem Land herbei. Auch wenn diese Entwicklung schon für viele andere Gemeinden beschrieben wurde, so bietet die Studie zu Wankheim doch aufschlussreiche Details und neue Erkenntnisse, nicht nur für die Lokalgeschichte. So räumt Wilfried Setzler in seinem Beitrag zu den Freiherren von Saint André mit der stereotypen Begründung auf, die Schutzaufnahme von Juden sei aus ausschließlich fiskalischem Interesse der niederadligen Territorialherren erfolgt. Ebenso bedeutsam war das Judenregal für die Demonstration der eigenen Souveränität als reichsunmittelbarer Herrschaftsträger gegenüber den Landesherren, wie Rolf Kießling und Sabine Ullman schon vor Jahren am Beispiel der Markgrafschaft Burgau ausgeführt haben. Auch darf der explizite Verweis auf die Toleranzpolitik Josephs II, der sich in einem Dekret der verwitweten Freiherrin findet, nicht auf alle Schutzaufnahmen rückübertragen werden, denn Wankheim war eine der jüngsten jüdischen Niederlassungen in Württemberg, deren Ansiedlung schon unter dem Einfluss der Aufklärung erfolgten.

Ein differenziertes Bild von den Anfängen jüdischen Lebens bis zum Anfall an Württemberg zeichnet die quellengesättigte Darstellung Manuel Mozers. Sie zeigt nachbarschaftliche Kontakte trotz aller kulturellen Unterschiede. Die Begegnungen ergaben sich nicht zuletzt aus der gemischten Wohnsituation, da der Schutzvertrag Hausbesitz für Juden verbot. Später ließ der Schutzherr dann für vier jüdische Familien ein Mietshaus bauen und nach einem Brand 1799 erneuern. Dessen bauhistorische Untersuchung (Tilmann Marstaller) zeigt den Einbau von »Männerschul« und »Frauenschul«, Ritualbad und Metzig, zentraler, für die religiöse Praxis der jüdischen Gemeinschaft erforderlicher Einrichtungen. Den jüdischen Friedhof stellt Wolfgang Sannwald vor, einschließlich seiner mehrfachen Schändungen und dem Holocaustdenkmal, das 1946 von dem Schoa-Überlebenden Viktor Marx in Auftrag gegeben wurde.,

Mit dem Übergang an Württemberg (1803/06) und der Einführung eines staatlichen Kirchenwesens (1830) gewann die jüdische Gemeinschaft zwar Bürgerrechte, verlor aber ihre Autonomie. Das folgende Hin und Her »zwischen staatlichen Verordnungen und lokalen Bedürfnissen« stellen Sabrina Julia Jos und Jan Peter Kosok am Beispiel der Auseinandersetzung um die jüdische Schule dar. Die dabei betonte »Armut« passt schwer zu dem durchschnittlichen Vermögen von 3000 Gulden, das die Auswertung der Beibringens-Inventare (Manuel Mozer) ergab. Auch die städtisch angepasste Kleidung der Jüdinnen und ihre urban geprägten Wohnungseinrichtungen sprechen von einem bescheidenen Wohlstand. Anfängliche Konflikte lassen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spürbar nach. Insbesondere der 1847 aufgezogene Pfarrer Wilhelm Pressel verstand es, das Zusammenleben von Christen und Juden so zu befrieden, dass er es im Pfarrbericht von 1870 als »das herzlichste und friedlichste« beschrieb (Wilfried Setzler). Gleichwohl waren Wankheimer Juden an der Massenauswanderung in die USA beteiligt, Armut war dabei nicht immer die treibende Kraft, mehrfach diente die Emigration der Familienzusammenführung, etwa wenn Schwestern, Kinder und Ehefrauen den Auswanderer folgten (Hans Baumann). Mobilität gab es auch innerhalb von Württemberg, wie Jonathan Mall am Heiratsnetz der Familie Degginger nachzeichnet. Die letzten Beiträge (Manuel Mozer, Wolfgang Sannwald) gelten der Wankheimer Synagoge, ihrem Bau, ihrer Finanzierung und Einrichtung sowie ihrem Abbruch und ihrer Wiederverwertung beim Bau der Tübinger Synagoge. Angaben zur Ausstattung fehlen leider, lediglich die Anschaffung einer Tora wird erwähnt.

Der Band trägt eine eindrucksvolle Fülle wichtiger und bisher nicht bekannter Details zusammen, häufig mit anschaulichen Abbildungen illustriert, aber eine Einordnung der jüdischen Geschichte Wankheims in die allgemeine Geschichte des Landjudentums fehlt. Eine konsequentere Redaktion hätte zudem zahlreiche Wiederholungen und Uneinheitlichkeiten, etwa bei der Benennung (»Israeliten«, »Menschen jüdischen Glaubens«, »gläubige Juden« etc.) tilgen können. Dennoch gilt: die Forschung zur jüdischen Ortsgeschichte wird an dem Band nicht vorbeikommen.

Benigna Schönhagen

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