Von der Christianisierung bis zur Gegenwart
Calwer Verlag, Stuttgart 2025. 897 Seiten, zahlr. Abb. Hardcover 89 €. ISBN 978-3-7668-4616-7

Überblicks- und Nachschlagewerke sind in der Landesgeschichte eher selten und angesichts der Fülle historischer Einzelforschungen zweifellos eine Herausforderung für einen Autor. Hermann Ehmer, von 1988 bis 2008 Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Stuttgart, Honorarprofessor in Tübingen und Verfasser zahlreicher kirchen- und landesgeschichtlicher Veröffentlichungen, hat diesen Versuch gewagt: Das Ergebnis ist ein fast 900-Seiten starkes Kompendium zur württembergischen Kirchengeschichte.
Zuletzt hatte sein Vorgänger Gerhard Schäfer 1984 eine Geschichte der evangelischen Landeskirche (Zu erbauen das rechte Heil der Kirche) vorgelegt, die mit der Reformation beginnend die Historie an Hand von Biografien darstellt. Demgegenüber hat Ehmers Werk eher Handbuchcharakter mit zahlreichen kurzen Abschnitten, ist übersichtlich gestaltet und reich illustriert. Mit seiner unglaublichen Fülle an Fakten lädt das Buch ausgiebig zum Schmökern ein.
Im Unterschied zu Schäfer beginnt Ehmer nicht mit der Reformation, sondern mit der Christianisierung und der kirchlichen Entwicklung im südwestdeutschen Raum. Er folgt hier der Tradition des 1893 erschienen Standardwerks zur württembergischen Kirchengeschichte. Dies erscheint deshalb gerechtfertigt, als sich in Württemberg zahlreiche Spuren der vorreformatorischen Kirchengeschichte, etwa romanische oder gotische Kirchenbauten, Klöster, Spitäler finden. Er geht überblicksartig auch auf die Geschichte der Juden, ebenso der Judenverfolgungen, die spätmittelalterliche Frömmigkeit und vieles mehr ein.
Für Württemberg in der Frühen Neuzeit stehen die Themen Reformation, Lutherische Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung im Mittelpunkt. Hier bemüht sich Ehmer, den Blick über das Herzogtum Württemberg hinaus zu weiten und die Entwicklungen in größeren Reichsstädten sowie weiteren Territorien einzubeziehen. Ein Schwerpunkt liegt bei der Neuordnung der württembergischen Kirchenverfassung und -verwaltung, der Gründung der Klosterschulen und schließlich beim Aufbau des Schulwesens. Zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten der Kirchengeschichte werden vorgestellt, besonders ausführlich geht er auf Johann Valentin Andreae, Albrecht Bengel und Friedrich Christoph Oetinger ein, wendet sich aber auch dem Astronomen Johannes Kepler zu.
Rund die Hälfte des Buches umfasst schließlich das 19. und 20. Jahrhundert. Mit der staatlichen Neuordnung ging auch eine der Kirchen einher, und in diese Zeit fallen zudem die Erweckungsbewegung, die Gründung von Korntal und Wilhelmsdorf oder das Thema innere und äußere Mission. Es folgen die Entwicklung des Kirchenbaus, die Entstehung der kirchlichen Presse und die soziale Frage. Zudem geht Ehmer jeweils in verschiedenen Epochen auf das württembergische Pfarrhaus und den »Pfarrerstand« ein, ein Thema, das vor allem seit dem 19. Jahrhundert vielfach reflektiert und auch literarisch verarbeitet wurde, zumal die württembergischen Pfarrer sich nicht nur in der Seelsorge, sondern auf sozialem Gebiet, im Bildungswesen, literarisch oder naturwissenschaftlich betätigten.
Besonders ausführlich widmet sich der Autor der Zeit zwischen 1918 und 1945. In den 1920er-Jahren entstanden neue Ideen und Initiativen wie der »Evangelische Volksbund« oder die Intensivierung der ökumenischen Bewegung. Andererseits führte der Sturz der Monarchie 1918 bei vielen Protestanten zu einer starken Verunsicherung und schließlich zu Skepsis und Misstrauen gegenüber der Weimarer Demokratie, was 1933 zu einer Zustimmung zahlreicher Protestanten zu Hitlers Machtübernahme führte. Es folgt eine Darstellung der Auseinandersetzung überwiegend zwischen der Landeskirche, die sich der Bekennenden Kirche anschloss, und der Glaubensbewegung »Deutsche Christen«, wobei Ehmer die Rolle von Landesbischof Theophil Wurm durchaus differenziert darstellt.
Eine große Palette an Themen breitet er im Kapitel über die Nachkriegszeit unter dem Titel »Landeskirche und religiöse Vielfalt« aus; thematisiert werden die verschiedenen Einrichtungen der Landeskirche, darunter auch die Landessynode, die Akademie Bad Boll, evangelische Schulen, die evangelische Jugendarbeit, Kirchenbau, aber auch der Streit um den Tübinger Theologen Rudolf Bultmann. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Thema »Pietismus und Landeskirche«.
Bemerkenswert ist, dass die Kirchengeschichte bis in die Gegenwart (»Zeit des Wandels«) reicht, dabei Problemfelder und Herausforderungen anspricht wie den demografischen Wandel und die sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen, den Rückgang der Theologiestudierenden und die dadurch notwendige Reformen in der Kirche.
Das Wagnis einer neuen zeitgemäßen württembergischen Kirchengeschichte ist Hermann Ehmer zweifellos geglückt. Wenn man diesen Band als Nachfolge-Projekt der 1893 ebenfalls im Calwer Verlag in gleichem Umfang und Format erschienen Württembergischen Kirchengeschichte ansieht, ist die Bezeichnung als »epochales Werk« durchaus zutreffend. Als einziger Wermutstropfen bleibt indessen der relativ hohe Preis von 89 Euro, von dem sich hoffentlich niemand abschrecken lässt.
Nikolaus Back
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