Titelbild eines Buches

Benigna Schönhagen und Wilfried Setzler (Hrsg.): Jüdisches Schwaben

Neue Perspektiven auf das Zusammenleben von Juden und Christen

(Landeskundig Bd. 7) Thorbecke Verlag, Ostfildern 2024. 271 Seiten. Hardcover 28 €. ISBN 978-3-7995-2076-8

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Mit dem von Benigna Schönhagen und Wilfried Setzler herausgegebenen Band in der Tübinger Reihe Landeskundig liegt eine anregende Sammlung von Beiträgen zur Geschichte jüdischen Lebens im südwestdeutschen Raum vor. Der Band geht auf eine Ringvorlesung an der Universität Tübingen aus dem Jahr 2021 zurück und verfolgt das Ziel, die Beziehungen zwischen Juden und Christen über einen langen Zeitraum hinweg differenziert darzustellen.

Ausgangspunkt der Herausgeber ist die Beobachtung, dass die deutsch-jüdische Geschichte häufig stark vom Blick auf den Holocaust geprägt ist. Diese Perspektive bleibt zwar unverzichtbar, doch darf die Geschichte jüdischen Lebens nicht allein als »Vorgeschichte« der nationalsozialistischen Verbrechen verstanden werden. Vielmehr zeigen die Beiträge des Bandes, dass die Beziehungen zwischen Juden und Christen über Jahrhunderte hinweg sowohl von Spannungen und Ausgrenzung als auch von alltäglichem Austausch, wirtschaftlicher Kooperation und kultureller Nähe geprägt waren.

Den Auftakt bildet ein Beitrag von Johannes Heil, der sich mit religiösen Gesprächen zwischen Juden und Christen im Mittelalter befasst. Im Zentrum stehen dabei nicht die bekannten, häufig unter Zwang geführten Disputationen, sondern vielmehr die alltäglichen Formen der Kommunikation zwischen Angehörigen beider Religionen. Heil macht deutlich, dass religiöse Differenz zwar eine zentrale Rolle spielte, die praktische Lebenswelt jedoch vielfach von Kontakten, Gesprächen und gegenseitiger Wahrnehmung geprägt war.

Für die Frühe Neuzeit untersucht Sabine Ullmann die Siedlungs- und Lebensformen jüdischer Gemeinden in Schwaben. Besonderes Augenmerk gilt dabei den sogenannten »Judendörfern«, die nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges in verschiedenen reichsritterschaftlichen oder geistlichen Territorien entstanden. Ullmann zeigt, dass diese Orte keineswegs abgeschlossene Ghettos darstellten. Vielmehr lebten Juden und Christen in räumlicher Nähe, waren wirtschaftlich miteinander verflochten und nahmen am sozialen Leben der Gemeinden teil. Konflikte ergaben sich daher häufig weniger aus religiösen Gegensätzen als aus wirtschaftlicher Konkurrenz.

Ein besonders anschauliches Beispiel für ein solches »Judendorf« bietet der Beitrag von Wilfried Setzler über die frühere jüdische Gemeinde in (Tübingen-) Wankheim. Dort siedelte Friedrich Daniel Freiherr von Saint André im Jahr 1774 mehrere jüdische Familien an und verfolgte damit eine im regionalen Kontext bemerkenswert tolerante Politik. Während im benachbarten Herzogtum Württemberg seit dem späten Mittelalter keine jüdischen Gemeinden mehr geduldet wurden, entwickelte sich in Wankheim eine kleine, aber lebendige jüdische Gemeinde. Diese verfügte im Laufe der Zeit über eine eigene religiöse Infrastruktur mit Synagoge, Schule, Mikwe und Friedhof. Setzler zeigt eindrucksvoll, dass das Zusammenleben von Juden und Christen hier über weite Strecken relativ konfliktarm verlief. Eine wichtige Rolle spielte dabei der evangelische Pfarrer Wilhelm Pressel, der sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts bewusst um ein gutes Verhältnis zwischen den beiden Religionsgemeinschaften bemühte. Pressel pflegte Kontakte zum Rabbiner Dr. Moses Wassermann, lud diesen ins Pfarrhaus ein und setzte sich dafür ein, dass jüdische Kinder die örtliche Schule besuchten. Selbst während der politischen Unruhen der Revolution von 1848/49 in den deutschen Staaten kam es in Wankheim nicht zu antijüdischen Ausschreitungen (wie etwa in Baisingen), was im regionalen Vergleich durchaus bemerkenswert ist.

Einen anderen Schwerpunkt setzt der Beitrag von Joachim Brüser zur historischen Bewertung des württembergischen Hoffaktors Joseph Süß Oppenheimer. Oppenheimer stand im Dienst von Herzog Karl Alexander von Württemberg und war nach dessen Tod im Jahr 1737 Ziel eines spektakulären Prozesses, der mit seiner Hinrichtung endete. Brüser zeigt überzeugend, dass viele der gegen Oppenheimer erhobenen Vorwürfe politisch motiviert waren und in erster Linie der Abrechnung der württembergischen Landstände mit der Politik des verstorbenen Herzogs dienten. Das negative Bild Oppenheimers wurde jedoch über lange Zeit tradiert und fand seinen drastischsten Ausdruck im antisemitischen Propagandafilm Jud Süß (1940) von Veit Harlan.

Weitere Beiträge des Bandes befassen sich unter anderem mit dem Schriftsteller Berthold Auerbach (von Stefan Knödler), der sich literarisch mit jüdischer Identität und Antisemitismus auseinandersetzte, mit dem »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« in Württemberg (von Benigna Schönhagen) sowie mit der Situation jüdischer Studierender und Wissenschaftler an der Universität Tübingen im 20. Jahrhundert (von Matthias Morgenstern). Interviews mit dem Rabbiner Andreas Nachama und der Vorstandssprecherin Barbara Traub sowie ein Beitrag des Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume runden den Band ab.

Insgesamt gelingt es den Autorinnen und Autoren, die komplexe Geschichte jüdischen Lebens im südwestdeutschen Raum differenziert darzustellen. Der Sammelband zeigt, dass die Beziehungen zwischen Juden und Christen nicht allein von Verfolgung und Konflikten geprägt waren, sondern auch von Phasen des Miteinanders und des kulturellen Austauschs. Gerade diese Perspektive macht den Band zu einer wertvollen Ergänzung der regionalgeschichtlichen Forschung.

Karlheinz Geppert

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