Hrsg. von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2025. 576 Seiten, 569 Abb. Hardcover 49,95 €. ISBN 978-3-95505-354-3

Ein gewichtiges Werk, in der Tat: dreieinhalb Kilogramm (!) schwer, Format 21,5 x 30 x 4,5 cm, 576 Seiten mit 569 Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß, 34 Beiträge renommierter Vertreter ganz unterschiedlicher Forschungsbereiche und Fachdisziplinen, vereint unter dem thematischen Dach neuer Forschungen aus und für das UNESCO-Welterbe Kloster Maulbronn. Veröffentlicht sind die Vorträge einer ursprünglich für 2021 geplanten, aufgrund der Corona-Pandemie auf Oktober 2022 verschobenen dreitägigen Fachtagung in der Stadthalle Maulbronn. Unter »Die Zisterzienser und Maulbronn«, dem ersten Teil des Tagungsbands, rangieren die im eigentlichen Sinne »historischen« Themen, die »klassische« Klostergeschichte, wobei insbesondere die Sakral- und Kulturlandschaft Maulbronn, mithin das Kloster in und als Teil seiner Umwelt, in den Mittelpunkt rückt: vom Werden, besser der Gestaltung dieser Klosterlandschaft (Peter Rückert) über Klosterökonomie und Klostergrundbesitz (Werner Rösener, Immo Eberl) und vor allem der – im Falle Maulbronn berühmten – zisterziensischen Wassernutzung (Folke Damminger, Daniel Keller, Manfred Rösch) bis schließlich zur Auflösung von Kloster und Klosterherrschaft (Reformation!) – und dabei doch erstaunlicherweise dem Überleben wesentlicher Bestandteile der Sakrallandschaft bis in die Zeit der erst 1838 zur selbstständigen politischen Gemeinde erhobenen Siedlung Maulbronn (Martin Ehlers). Dieser landschaftliche Ansatz ist bemerkenswert, da so die Betrachtung der Klostergeschichte unter modernen, neuen Blickwinkeln erfolgt. Dem Kloster im Spannungsfeld zwischen der Kurpfalz und dem Herzogtum Württemberg im 15./16. Jahrhundert, also der Territorialgeschichte, sind weitere zwei Beiträge gewidmet (Erwin Frauenknecht, Olaf Wagener).
Es folgen in dem etwas disparat geratenen zweiten Teil »Literatur – Kultur – Bildung« drei Beiträge zu speziellen Themen: der Deutung eines kleinen spätromanischen Steinbeckens, einer gotischen Wandmalerei, die den antiken Philosophen Empedokles zeigt, und Bemerkungen zur mittelalterlichen Musikkultur in Maulbronn anhand von Einbandfragmenten im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Ein vierter Beitrag spannt den weiten Bogen der Bildung in Maulbronn von der Klosterbibliothek über das mönchische Generalstudium (in Heidelberg) bis zur evangelischen Klosterschule (Hermann Ehmer).
Vorträge zur »Forschung am Bau« (im Teil III) hatten die Rekonstruktion der ursprünglichen Planungen des Herrenrefektoriums (Florence Fischer), Betrachtungen zu dessen Dachwerk (Burghard Lohrum) und eine kunsthistorische Einordnung der hochgotischen Baumaßnahmen in der Klausur (Nadja Lang) zum Thema; weiter Grundsätzliches zum neuen Dormentbau (Matthias Untermann, der unter anderem die so lange gern geglaubte Geschichte vom »Maulbronner Paradiesbaumeister« in das Reich der Mythen verweist), dendrochronologische Untersuchungen in der Klosterkirche (Sybille Bauer), den Wandel der Infermerie zu Herrenhaus und Ephorat (Gaby Lindenmann-Merz) und die Bauentwicklung rund um den »Eichelboden« in der Nordwestecke der Anlage (Stefan King). Eine computerunterstützte hochdiffizile Untersuchung zur mittelalterlichen visuellen Wahrnehmung im Kloster (Frithjof Schwartz), also zu historischen Seh- und Sichtbezügen, betritt für Maulbronn ohne Zweifel wissenschaftliches Neuland, das freilich trotz üppiger Beigabe von computergenerierten Plänen dem weniger digitalaffinen Rezensenten weitgehend verschlossen blieb.
Den historischen Bauten in ihrer Zeit schließt sich folgerichtig deren »Bewahren – Bauen – Restaurieren« an: vom universellen Wert der UNESCO-Welterbes Maulbronn (Claus Wolf, Isabelle Mühlstädt, Ulrike Laible) über das denkmalgerechte Bauen in Maulbronn (Kai Fischer, Holger Probst) und aktuellen Baumaßnahmen an Herrenrefektorium und -dorment (Holger Probst) bis zur Entwicklung von Restaurierungsstandards nicht zuletzt in Maulbronn seit den 1980er-Jahren (Dörthe Jakobs, Wilhelm Glaser) und zwei hochinteressanten Berichten von Elisabeth Krebs zum Metallbestand des Denkmals »vom Ziernagel bis zur Tresortür« und der Restaurierung der Beschläge an den Paradies[west]portalen; ebenso des Metalls am Dreischalenbrunnen des Brunnenhauses im Kreuzgang (Claudia Magin).
Damit enden die Beiträge zu Geschichte und Denkmalschutz, und die publizierten Vorträge wenden sich der »Vermittlung im UNESCO-Welterbe« zu. Interessant ist der einleitende Beitrag von Michael Hörrmann zur Entwicklung der touristischen Rezeption des Klosters im 19./20. Jhdt., einschließlich des Besuchs von Adolf Hitler 1935. Andreas Felchle, ehemals Bürgermeister von Maulbronn, reflektiert das sich im Laufe der Geschichte diametral verändernde Verhältnis von Kloster und Stadt. Den speziellen Interessen des Herausgebers des Tagungsbands – und wohl auch weithin Financiers –, die Staatlichen Schlösser und Gärten, tragen die letzten Beiträge Rechnung. Beleuchtet werden die digitale Vermittlung der staatlichen Denkmäler mit Hilfe der App »Monument BW« (Frank Krawczyk) und weitere neue Vermittlungsangebote in Maulbronn (Petra Pechacek) einschließlich die sich an Kinder wendende »Expedition Zeitsprung« (Christina Negele, Frauke Schütz).
Als Fazit gilt festzuhalten: eine verdienstvolle Veröffentlichung, die sich vor allem in den Bereichen Bauforschung und Denkmalschutz insbesondere an Fachleute wendet; für Laien bekömmlicher sind die neuen Ansätze der historischen Beiträge in Teil I. Hervorheben muss man die prächtige und ausgesprochen qualitätsvolle Bebilderung des Bandes (sieht man ab von wenigen eher peinlichen PR-Bildern auf den letzten Seiten) und die Aufnahme von Dutzenden sehr erhellender Pläne, Grundrisse, Querschnitte, Diagramme und Fachzeichnungen. Im Anhang fällt das äußerst umfangreiche Literaturverzeichnis auf (rund 850 Einträge) und jeweils vorbildliche Orts-und Personenregister. Mit Dank wird der Leser zudem die »Autorenviten« als Hommage an die Autoren und Tagungsreferenten zur Kenntnis nehmen.
Raimund Waibel
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