Ottilie Wildermuth (1817–1877) als Erfolgsschriftstellerin
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025. 438 Seiten, 12 Abb. Hardcover 80 €. ISBN 978-3-525-30344-3

Ottilie Wildermuth war, ehe sie Mitte des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geriet, eine der berühmtesten deutschen Schriftstellerinnen ihrer Zeit, vom Publikum aller Gesellschaftsschichten begeistert gelesen, von der Kritik geschätzt und von namhaften Kollegen gepriesen. Jetzt hat der Historiker Jonathan Schilling eine Dissertation vorgelegt, für die er mit dem Johannes-Brenz-Preis des Vereins für württembergische Kirchengeschichte ausgezeichnet wurde. Schilling stellt das, was über die schwäbische Autorin auf vorwiegend anekdotischer Basis bekannt ist – und einiges mehr – auf das solide Fundament wissenschaftlicher Untersuchung.
Ihr Leben, ihr Werk und ihre Rezeption werden im Zusammenhang mit ihrem christlichen Glauben, ihrer sozialen Stellung im schwäbisch-protestantischen Bürgertum, ihres Geschlechts sowie dem zeitgenössischen Literaturbetrieb, in dem sich der Name Wildermuth schnell als Markenzeichen etablierte, dargestellt und verstehbar gemacht. Dazu wertete Schilling sämtliche Werke, alle ungedruckten Quellen, ihre gesamte Publizistik und ihre Tagebücher aus. Eine imponierende Fleißarbeit, wenn man bedenkt, dass Wildermuths einer der umfangreichsten Frauennachlässe des 19. Jahrhunderts ist: Es gibt allein fast 3200 erhaltene Briefe mit 250 Korrespondenzpartnern. In akribischer Detailarbeit sichtete Schilling Verlagsarchive und Bibliotheksinventarlisten, leistete eine quellenbasierte Schätzung ihres Gesamtwerks, berechnete die Verkaufspreise ihrer Bücher im Verhältnis zu Lohn und Lebenshaltungskosten und schlüsselte ihre Protagonist:innen nach der Klassenzugehörigkeit auf.
Antrieb zu Wildermuths Schreiben war nicht die Liebe zur Kunst, wie sie selbst erklärte, sondern der christliche Inhalt, ihre »Mission der Zufriedenheit«. Zur Verbreitung ihrer Botschaft verzichtete die persönlich mit der Erweckungsbewegung verbundene Wildermuth zugunsten universell-christlicher Werte auf konfessionelle Parteinahme. Diese »Semikonfessionalität«, in Verbindung mit der christlich geprägten bürgerlichen Moral ihrer Zeit und lebendiger Erzählkunst, machte ihr Erfolgsrezept aus – und ist der Grund für den »tiefen Fall von der Popularität in die Vergessenheit«. Denn mit dem Umbruch der Gesellschaft erreichte ihre Botschaft ihr Verfallsdatum. Die Marke »Wildermuth« stand jetzt für rückständige Pädagogik, Strickstrumpfpoesie für Backfische oder Großmütterlektüre und Heimatdichtung zur nostalgischen Verklärung des schwäbischen Kleinstadtmilieus.
Fazit: Schillings Studie bietet nicht nur ein verdienstvolles Grundlagenwerk für künftige Wildermuth-Forschung, sondern eine detailgesättigte, erfreulich konkrete, gut lesbare Lektüre, auch für ein nicht-wissenschaftliches Lesepublikum. Wer Ottilie Wildermuth besser – oder überhaupt – kennenlernen will, dem bietet sich hier ein umfassender Einblick in ihre Lebenswelt.
Dorothea Keuler
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