Drei Erholungsheime der Diakonie (1950–1990)
Hrsg. vom Diakonischen Werk der evangelischen Kirche Württemberg e.V. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2025. 195 Seiten, zahlr. Abb. Paperback 32 €. ISBN 978-3-86321-753-2

Der Titel des Buches lässt aufhorchen: Der Alltag ist der Fokus, die Kinder sind die Handelnden (– auch die »Ge-Handelten«), Kinderheime der Rahmen dieser Studie. »Aufarbeitung« und Erinnern sind das klar benannte Ziel und der Kontext – Felder, in denen die Verfasserin seit Jahren bestens und sehr breit ausgewiesen ist. Das Thema des vorliegenden Buches, »40 Jahre Kinderkuren«, kam 2009 erstmals »als Praxis der Kinderverschickung in den Blick, als Betroffene ihre Erfahrungen öffentlich machten« (S. 7). Die Verfasserin fügt dieser wichtigen und bewährten Aufarbeitungs-Praxis hier eine neue Variante bei: drei exemplarische Fallstudien, gut ausgewählt, bestens methodisch begründet und theoretisch gerahmt. So wird die Studie selbst zum vorbildlichen Exempel – für weitere, vergleichende und ergänzende Studien. (Dass die vorliegende die letzte in einer bereits langen Kette sei, ist kaum anzunehmen.)
Die drei ausgewählten Heime – Haus Hubertus in Scheidegg, Haus Carola in Schönau bei Berchtesgaden, der Bühlhof in Buchenberg bei Königsfeld im Schwarzwald – waren »Erholungsheime, die das ganze Jahr Kinder und Jugendliche aufnahmen, ausgewählt aufgrund der Quellenlage. In breitem empirischem Zugriff ging die Verfasserin vor: Archivstudien und Interviews mit Zeitzeugen waren ihr die zwei gleichgewichtigen Säulen, um »Betroffenen eine Stimme zu geben (und) die wissenschaftliche Aufklärung des Massenphänomens Kinderverschickung voranzubringen« (S. 20). Schätzungen – genaue Zahlen fehlen – gehen von acht bis zwölf Millionen Kindern in der Zeit zwischen 1950 und 1980 aus. Der Verfasserin gelingt es, ihre Forschungsfragen auf eindrückliche Weise einzulösen: Woher kamen die Kinder? Was fanden sie vor? Wie waren Ausstattung, Personalsituation, Tagesablauf in den Häusern? Was waren die – in den drei Häusern sehr unterschiedlichen – Erwartungen, Regeln, Sanktionen seitens der Institution? Wie gingen sie um mit Privatheit (S. 67f. und 74)? Wie mit Krankheit, Behinderung, Heimweh? Oder auch Verliebtheit (S. 64f.)? Gewalt (S. 75ff.)? In den Blick kommen auch seltene Aspekte wie die »Entsendestellen«, Modalitäten der Verwaltung mit ihren sehr diversen (d. h. meist engen) Personalsituationen, mit der Trägerschaft.
Waren die Kinderheime »totale Institutionen « im Sinne von Goffmann? Es waren, so die Verfasserin, Heterotopien, andere Orte – auch Orte unterschiedlicher Gewalt, von »Leid und Freude, von beschämenden Situationen und angenehmen Momenten« (S. 175), wie etwa das »Besuchs- und Telefonverbot« zeigt. Die Komplexität und Ambivalenz dieser Fragen – und mehr noch ihrer nicht leichten Bewertungen! – zeigen eindrücklich die Kapitel des Hauptteils unter dem Titel »Die Idee von Ordnung und Gemeinschaft – Verschickt in die Häuser Carola und Hubertus« (dem Bühlhof mit ausschließlich männlichen Jugendlichen gilt ein eigenes Kapitel). Es geht der Verfasserin darum, zu zeigen, »wie die Kinder und Mitarbeiter:innen sich ein- und unterordnen mussten, ihre Strategien fanden, rebellierten oder resignierten« (S. 176). Es sind stets knappe, sehr sprechende Titel (3.2.ff.): »Zugeordnet werden – Vorbereitung und Fahrt» und – als den nachfolgenden, realen Schritten – um das »Sich einordnen. Sich unterordnen. Misslingende Ordnung«. Aus Ausflügen und Festen, dem »Umgang mit Post«, mit dem »Essenszwang« und mit Krankheiten bis hin zum Bettnässen fügt sich, trotz teils lückenhafter Erinnerung der Ehemaligen, in der subtilen Methodenkombination der Verfasserin, besonders aber durch die klug ausgewählten, langen Interviewpassagen ein wahrhaft eindrucksvolles Bild zusammen vom »Alltag der Verschickungskinder«.
Als Kulturwissenschaftlerin zielt die Verfasserin – neben der offiziellen Geschichte – stets auch, soweit empirisch möglich, auf die »Binnensicht der Kinder «: auf ihr Erleben und Erinnern, als wichtige Quelle (S. 23). Wie dies erinnert – und oft eben auch vergessen – wird: das reflektiert die Verfasserin auf theoretischer Grundlage einfühlsam, breit und klug. Und stets so, dass weitere – vergleichende und nötige! – Studien sich daran orientieren können. Das wäre – in der hier vorgelegten Klarheit und der Empathie – nur zu wünschen.
Christel Köhle-Hezinger
