Titelbild eines Buches

Christoph Wagner: Lichtwärts!

Lebensreform, Jugendbewegung und Wandervogel – die ersten Ökos im Südwesten (1880–1940)

Verlag Regionalkultur Ubstadt-Weiher 2022. 280 Seiten mit 235 Abbildungen. Hardcover 34,80 €. ISBN 978-3-95505-359-8

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Es ist eines jener Bücher, die sich nicht so einfach ins Bücherregal einsortieren lassen: Sein Format ist mit 22.6 x 24.4 cm Zentimetern fast quadratisch. Ausgesprochen praktisch ist es nicht. Den Einband ziert in Jugendstil-Manier eine Gestalt, die sich in Gegenlicht scherenschnittartig vor einem aufragenden Berg abhebt. In der roten, strahlenförmig stehenden Sonne hinter der spitzen Zinne glaubt man fast das Sonnensymbol der japanischen Flagge zu erkennen. Ein Vorwort von Winfried Kretschmann wird auf dem Einband annonciert. Im Innern adelt der Ministerpräsident dann das Werk mit der Feststellung, es sei »Heimatkunde im besten Sinne«, im Vorwort spinnt er »Traditionsfäden« zwischen den damaligen Totalverweigerern und heutigen »Querdenkern«. Die Lektüre des Buchs zeigt aber: Schwarz-Weiß-Malerei ist fehl am Platz, die Szene ist alles andere als homogen. Christoph Wagner legt eine flächendeckende Inventur alternativer Lebensformen zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und Hitlers ersten Feldzügen vor. Natürlich drängen sich einzelne Biografien, wie die des Louis Haeusser aus Bönnigheim (S. 45ff.) oder die des kommunistischen Naturarztes Friedrich Wolf (S. 162ff.), in den Vordergrund. Aber längst nicht alle Exponenten waren so auf Krawall gebürstet, wie jener Haeusser, der als »Wahrheitsmensch« seine Redevorträge, mit einer silbernen Reitpeitsche in der Hand, einer gelben ledernen Automütze auf dem Kopf und in einen Schafspelz gewandet, auf der Bühne hemmungslos gegen alle Obrigkeit wetterte. Im Gegensatz zu ihm vertrat der Arzt und Schriftsteller Wolf seine alternativen Heilmethoden geradezu seriös. Ursprünglich gehörte Wolf, dessen Sohn Markus später in der DDR Karriere im Ministerium für Staatssicherheit machen sollte, der Wandervogelbewegung an. Doch Naturfreunde und Wandervögel werden von Wagner nur als Teilmenge der alternativen Szene gewertet. Auch Rassentheoretiker und vereinzelt Judenfeinde finden sich in der Gesamtmenge der Aussteiger. Zwischen manchen Strömungen gab es Schnittmengen. Bei anderen waren die Beweggründe geradezu konträr. Einige lagen im Streit miteinander – so wie die Befürworter wollener Unterwäsche mit den Trägern von naturfaserigem Untergewand.

Wagner listet Asketen, Kaltduscher, Lichtbader, Nudisten, Esoteriker, Okkultisten, Totalabstinenzler und Spiritisten auf. Er überlässt es der Leserin, dem Leser, »Spleens« zu belächeln. Die Bestandsaufnahme der »ersten Ökos im Südwesten« endet zwar im Jahr 1940, aber das Kapitel ist damit nicht abgeschlossen. Bis heute nicht! Manche Namen haben sich prominent erhalten: Buchinger, Glucker, Merz. Andere Themen wiederum nehmen wieder mächtig Fahrt auf: Biolandwirtschaft / »Urban gardening«, fleischlose Ernährung / »Veggie-Days!« Und wer meint, »Tiny houses« seien der letzte Schrei, mag sich im Kapitel »Wohnalternativen« den Minihausplan von Hans Weisen besehen (S. 210). Der Architekt persönlich hat bei Plochingen auf 25 Quadratmetern Wohnfläche jahrelang samt Ehefrau gelebt.

Wagners Retroreise ins südwestdeutsche Eldorado von Sinnverkündern, Erlösungspredigern und Heilspropheten ruft manchen Aha-Effekt hervor oder ein amüsiertes Lächeln. Etwa wenn er Oscar Schlemmers Premiere als Tänzer in seinen selbst gefertigten Triadischen Verkleidungen schildert. Und er weist – nicht nur am Beispiel des kommunistisch geprägten »Naturarztes« Friedrich Wolf – darauf hin, dass Begriffe wie »Leibesertüchtigung« und »Heimat« schon vor dem Ersten Weltkrieg politisch besetzt waren: »Heimat« nämlich im Sinn vom »Kampf gegen den rücksichtslosen und alles Schönheit zerstörenden Kapitalismus«. Nach dem ersten internationalen Kongress für Heimatschutz 1909 trafen sich drei Jahre später Vertreter aus Österreich, der Schweiz, England, Frankreich, Norwegen, Japan und Belgien zum zweiten Mal. Stuttgart war als Tagungsorte ausgewählt worden, weil Württemberg und Hohenzollern mit 3.500 Mitgliedern der stärkste Landesverband im Kaiserreich war. (S. 119ff). Wenn er will, mag der Schwäbische Heimatbund eine Traditionslinie darin erkennen.

Christoph Wagner wurde 1956 in Balingen geboren und ist dort mit vier Geschwistern aufgewachsen. Er hat “Lichtwärts!” seiner Mutter Ursula Wagner gewidmet, deren Eltern wiederum “vegetarische Wandervögel” waren, wie er erzählt. Wagner arbeitet als Musikhistoriker, Rundfunk- und Buchautor, Schallplattenherausgeber und Festivalkurator. Er betreibt das World Music Picture Archive in Hebden Bridge, West-Yorkshire. Aus den vielen Fotos und Illustrationen in seinem Buch ist zu schließen, dass er über eine ergiebige einschlägige Sammlung verfügt. Sie bereichert den Lesestoff ungemein. Lichtwärts! also ist ein Buch nicht nur für die Grünen-Ahnen im Lande, sondern für alle, die Heimatkunde mögen. Und für das der Rezensent trotz des sperrigen Formats gern nach einem Platz im Bücherregal gesucht und gefunden hat.

Reinhold Fülle

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