Neue Forschungen zu Herrschaft, Politik und Kultur. Hrsg. von Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg und Peter Rückert, Landesarchiv Baden-Württemberg. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2024. 303 Seiten, 200 Abb. Hardcover 29,95 €. ISBN 978-3-95976-4957

Schon von Weitem zeigt sich am Albtrauf südöstlich von Stuttgart ein steinerner Klotz: eine auf einem Felsen aufgebrachte Burg, die eine lange Vorgeschichte von der Jungsteinzeit über die Zeit als staatliche Festung bis in die heutige Zeit als Denkmal hat und als Ausflugsziel dient. Bereits seit vielen Jahrhunderten übte dieser weithin sichtbare Bergklotz am Albtrauf eine große Faszination aus, nicht nur als Siedlungsplatz, sondern auch als eine uneinnehmbare Festung, die sich als Ritternest wie auch als Staatsgefängnis eignete. Im 19. Jahrhundert nach dem Ende des Herzogtums wurde das Gefängnis aufgegeben und war nun beliebtes Ziel von Wanderern. Vielseitig war die Nutzung dieser exponierten Gesteins-Formation, auf die zu verschiedenen Zeiten je nach Bedarf Unterschiedliches aufgebaut wurde: Ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts eine hochmittelalterliche Adelsburg, von der sich beeindruckende Mauerreste in den später aufgerichteten Mauern erhalten haben.
Der Hohenneuffen stand mit Hohenstaufen, Teck, Hohenurach, Burg Achalm und schließlich Hohenzollern in einem Burgengeflecht zur Sicherung des Albtraufs, allerdings gibt es neben diesen markanten Anlagen im Ermstal vielzählige kleinere Anlagen, von denen sich nur wenige archäologische Reste, insbesondere Keramik, erhalten haben. Gleichzeitig waren die Adelsburgen am Albtrauf »Wächter« eines Transitraumes vom Neckar über den Albaufstieg, dessen Grundlagen bereits in der Römerzeit lagen und die Reichsstadt Esslingen mit den Reichsstädten in Oberschwaben und letztlich Richtung Italien verbanden.
Einer der bekanntesten Minnesänger war Gottfried von Neuffen († vor 1300), von dem in der Sammlung der Manessischen Liederhandschrift 190 Strophen enthalten sind. Neun dieser Dichtungen, von denen nur Texte, aber keine Noten existieren, sind mittels QR-Code in einer musikalischen Rekonstruktion anhörbar. 1301 wurden Herrschaft, Stadt und Burg Neuffen von dem württembergischen Grafen Eberhard I. gekauft. Ihm gelang damit ein bedeutender Territorialerwerb, und er übernahm das Neuffener Jagdhorn (»Hifthorn«) als Symbol seines erweiterten Herrschaftsbereichs.
Von 1540 bis 1743 wurde die Burg als Festung und Staatsgefängnis ausgebaut, doch schon seit dem späten 16. Jahrhundert gab es hier inhaftierte Gefangene, die teilweise unter erbärmlichen Umständen eingesperrt waren. Solche aus höheren Gesellschaftsschichten (Amtmänner, Ärzte) hatten eine einigermaßen gute Unterbringung und Versorgung, sie mussten keine Arbeiten verrichten. Weiterhin waren »Gemütskranke « untergebracht, Menschen mit psychischen Erkrankungen. Eine große Gruppe stellten sogenannte »Schellenwerker « dar, die zu Zwangsarbeit, zum »Opus publicum«, verurteilt worden waren und schwere körperliche Arbeiten verrichten mussten.
Zu den prominentesten Gefangenen, die auf dem Hohenneuffen in Untersuchungshaft waren, zählte beispielsweise der Tübinger Vogt Konrad Breuning, der auf Veranlassung Herzog Ulrichs 1516 hier mehrfach gefoltert und dann in Stuttgart enthauptet wurde. Auch der selbsternannte Prophet Hans Keil aus Gerlingen war hier 1648 inhaftiert, ebenso wie weitere Beschuldigte, von denen der Hoffaktor Joseph Süß Oppenheimer sicherlich der Prominenteste ist: 1737 wurde er hier inhaftiert und im folgenden Jahr in Stuttgart hingerichtet. Einige Gefangene unternahmen z. T. erfolgreiche Fluchtversuche. Bemerkenswert in diesem Buch ist ein chronologisches Verzeichnis der namentlich bekannten Gefangenen des Hohenneuffen und ihrer Schicksale.
Nach der Aufgabe und der Schleifung der Festung 1801 begann ein vollkommen neues Kapitel des Hohenneuffen und des zugehörigen Städtchens: Die Burg wurde im Zuge der Romantik zu einem touristischen Wanderziel, ausgehend von der Stadt Neuffen und mit Unterstützung des Schwäbischen Albvereins, in dem sich die Neuffener Honoratioren engagierten. Besonders beliebt waren der Ausblick vom Albtrauf und die Einkehr in der Gaststätte, von der sich die Fremdenbücher von 1894 bis 1907 erhalten haben und eine wertvolle Quelle darstellen. Für das 20. Jahrhundert verdienen die besonderen Angebote der Reichsbahn sowie die Gruppen-Angebote der NS-Organisationen »Kraft durch Freude« erwähnt zu werden.
Der Zweite Weltkrieg endete in Neuffen mit Beschuss der Ruine und vier toten Hitlerjungen sowie der Unterbringung von Flüchtlingen und Displaced Persons in der Stadt. An Tourismus war aufgrund der prekären Versorgungslage nicht zu denken. Das änderte sich erst 1948: Am 2. August 1948 fand auf dem Hohenneuffen auf Vorschlag des routinierten Wanderers und Ministerpräsidenten von Württemberg-Baden Reinhold Maier ein Austausch mit seinen Kollegen von Württemberg-Hohenzollern und Baden mit dem Ziel einer Vereinigung zu einem Südweststaat statt, die allerdings noch bis zum 25. April 1952 dauern sollte. Seit 2006 sichert die Staatliche Vermögensund Hochbauverwaltung die Festungsruine.
Der opulente Band, dem eine öffentliche Tagung, organisiert von den Staatlichen Schlössern und Gärten, in wissenschaftlicher Kooperation mit Peter Rückert, dem Leiter des Hauptstaatsarchivs, zugrunde liegt, ist aufgrund von gut lesbaren, wissenschaftlichen Texten, vielen Fotos und Rekonstruktionszeichnung eine hervorragende Dokumentation des derzeitigen Forschungsstandes zur Burgen- und Landesgeschichte. Er zeigt das erhellende Ineinander sich gegenseitig befruchtender wissenschaftlicher Forschungen von Archäologie, Landesgeschichte und Denkmalpflege in beeindruckender Weise.
Eva-Maria Klein
