8 Grad Verlag, Freiburg 2025. 205 Seiten, zahlr. Abb. Hardcover 35 €. ISBN 978-3-910228-48-1

Gemeinhin wird die Schwäbische Alb nicht gerade als Land der Dichter wahrgenommen, sondern eher als ein karges raues Gebiet, das sich zwar durchaus zum Wandern eignet und über gewisse landschaftliche Reize verfügt, aber kulturell außer ein paar imposanten Burgen, meist Ruinen, und Höhlen so gut wie nichts zu bieten hat. Na ja, vielleicht noch den Wilhelm Hauff und seinen Lichtenstein-Roman, aber das wars dann auch an Poesie.
Dass dem nicht so ist, belegen die beiden Autoren in ihrem neuen Buch eindrucksvoll, allerdings auch dadurch, dass sie den geografischen Rahmen unter Einbeziehung des Albvorlandes erweitern. Entstanden ist eine Art Wanderführer mit 20 Ausflugszielen und Wanderrouten. Jedem Thema sind etwa fünf bis sechs Seiten Text von Wolfgang Alber und ebenso viele, unterschiedlich große Fotos von Carolin Albers gewidmet, die sich wunderbar ergänzen und gegenseitig bereichern. Gekonnt wechselt der Text von nüchternen Wegbeschreibungen – »geht es vorbei an«, »wendet man sich nach links«, »steigt man bergauf« – und Informationen zur lokalen Geschichte und Kultur hin zu poetischen Texten und philosophischen Betrachtungen sowie zu den mit den Orten verbundenen Dichtern, ihrer Prosa und Lyrik. Die Fotos bieten neben bekannten und vertrauten Motiven in vielfältiger Weise Neues. Sie dokumentieren, visualisieren und unterstreichen die Texte; mitunter gleichen sie Gemälden, die Gedanken interpretieren, heitere oder melancholische Stimmungen widerspiegeln, aber auch zum Weiterdenken anregen. Geradezu suggestiv sind die fast jedem Kapitel beigegebenen großformatigen über zwei Seiten reichenden Abbildungen.
Den Reigen ihrer zwanzig Routen eröffnen Alber und Albers mit einem Gang durch Tübingen und einem Ausflug zur Wurmlinger Kapelle. Im zweiten Kapitel geht es von Gomaringen aus, wo Gustav Schwab von 1837 bis 1841 als Pfarrer wirkte und seine Sagen des klassischen Altertums schrieb, hinauf auf den knapp 870 Meter hohen Roßberg bei Gönningen. Die lokalen Mittelpunkte der weiteren Beiträge sind Reutlingen und die Burg Achalm, Pfullingen (Neske-Verlag), der Lichtenstein und die Nebelhöhle, Melchingen und die Salmendinger Kapelle, Urach, Buttenhausen, Grafeneck, Nürtingen (Hölderlin), Kirchheim unter Teck (Hesse), Ochsenwang (Mörike), der Hohenstaufen (Raabe), der Rosenstein bei Heubach (Koczwara, Mantel), Geislingen (Schubart), Ulm, Blaubeuren. Wilflingen (Jünger), Sigmaringen und Inzigkofen. Den Abschluss bildet ein Spaziergang durch Winterlingen mit Manfred Mai, der das Dorf in dem 2007 erschienenen Roman Winterjahre auf der Schwäbischen Alb beschrieben hat: »Manche behaupteten, Winterlingen habe seinen Namen deswegen, weil es hier das halbe Jahr Winter und der Rest des Jahres kalt sei«.
Dieses Buch ist kein klassischer literarischer Reiseführer, der den Spuren der Dichter nachgeht und deren Werke vor Ort zum Klingen bringt. Es ist vielmehr, wie schon sein Titel verdeutlicht, ein »Wegweiser« hin zur Literatur. Der Wanderer soll »en passant« zum Lesen »aus einem besonderen Blickwinkel« ermuntert werden, heißt es im Vorwort, und dies ist den beiden Autoren auch wohlgelungen. Exemplarisch dafür stehen wegweisend die beiden Kapitel der Spurensuche in Buttenhausen zur jüdischen Geschichte, »wo die Steine reden«, und in Grafeneck, dem »NS-Vernichtungszentrum«.
Alles in allem haben sie ein rundum empfehlenswertes Buch vorgelegt, bestens illustriert und getextet, informativ, ansprechend und anregend, lesenswert und unterhaltsam, nicht nur auf der Wanderung und vor Ort, sondern durchaus auch zu Hause.
Wilfried Setzler
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