Rowohlt Verlag, Hamburg 2025. 285 Seiten mit zahlr. Abb. Hardcover 26 €. ISBN 978-3-498-00700-3

Nach Verlagsangaben erzählt die frühere SWR-Korrespondentin in Berlin in ihrer Kretschmann-Biografie – sinnigerweise mit grünem Einbandspiegel und ebensolchem Lesebändchen ausgestattet – »erstmals die ganze Geschichte« des noch amtierenden baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Was sich reißerisch anhört, ist im Wesentlichen nüchterne journalistische Recherche bei Weggefährten und in Zeitungsarchiven, die zahlreiche Begebenheiten in der Geschichte der baden-württembergischen Grünen wieder in Erinnerung ruft und Hintergründe ausleuchtet.
Anders als in vielen Biografien beginnt die Autorin erfrischender Weise nicht mit einem »Geboren wurde Kretschmann am 17. Mai 1948 in Spaichingen«, was man erst auf Seite 87 erfährt. Zuvor verfolgt man die letzten Schritte auf dem »Weg zum Ministerpräsidenten« bis zum 27. März 2011, dem »Tag, der [nach Ansicht der Autorin] Geschichte schrieb«. Dann aber wird chronologisch der mit vielen Irrungen und Wirrungen dornenreiche Weg Kretschmanns in die Politik, zu den Grünen und in deren erste Reihe nachgezeichnet. Immer wieder wird deutlich, wie schwer es Kretschmann als letztlich Liberal-Konservativer, aber ihren ökologischen Zielen Verbundener, mit seiner Partei hatte. In einer Position zwischen den Flügeln als »Ökolibertärer« fiel ihm die scheinbar naheliegende Spitzenkandidatur vor seinem ersten Wahlsieg alles andere als in den Schoß. Auch später musste er immer wieder mit der Partei um einzelne Entscheidungen kämpfen.
Das Buch ist aus journalistischer Sicht geschrieben und stellt eine »Chronik der laufenden Ereignisse« dar. Bei manchen Informationen hätte man gerne mehr erfahren, zum Beispiel warum Kretschmann so unter dem »Schinder« Joschka Fischer gelitten hat. Hier ist die Autorin aber wohl den Berliner Verschwiegenheitsregeln des »Unter drei« verpflichtet, wonach man vertrauliche Informationen nicht weitergeben darf.
Nur ganz knapp werden die viel gerühmten Inspirationen Kretschmanns aus den Werken von Hannah Ahrendt und Jeanne Hersch behandelt. Die Weggefährtin Gisela Erler war es, die die Einsicht von Hersch, es brauche »gute und praktikable Formen der Bürgerbeteiligung« mit einer »Politik des Gehörtwerdens« in die Tat umsetzte.
Die Beschreibung Kretschmanns als Mensch und nicht nur als Politiker bleibt im Buch merkwürdig blass. Allenfalls wird eine gewisse »Lehrerhaftigkeit« festgestellt und eine offenkundige Vorliebe für etwas »altväterliche« Anzüge. Sympathisch und im politischen Leben nicht allzu häufig ist die Fähigkeit zur Selbstkritik. So stellt Kretschmann beispielsweise fest, die Einführung des Vollzeit-Parlamentariers auf Landesebene sei ein Fehler gewesen. Persönliches erfährt man hingegen kaum über den Ministerpräsidenten, außer dass er in abendlichen Gesprächen mit seinen Vertrauten Gisela Erler und Klaus-Peter Murawski den italienischen »Primitivo« bevorzugt habe, Murawski dagegen einen piemontesischen Weißwein.
Für eine »öffentlich-rechtliche« Journalistin naheliegend, fehlen kritische Anmerkungen bei Dagmar Seitzer fast vollständig. Von praktischen Resultaten der »Politik des Gehörtwerdens« liest man in dem Buch nichts und auch sonst wenig von spektakulären Erfolgen der nunmehr fast 15-jährigen Amtszeit des Ministerpräsidenten. Indes waren die Jahre mit Flüchtlingskrise und Covid-Pandemie zugegeben alles andere als einfach. Da ist der Nationalpark im Nordschwarzwald eine der wenigen Ausnahmen, der allerdings gegen den Widerstand der Betroffenen durchgesetzt werden musste. Von der Autorin völlig unkommentiert bleibt Kretschmanns Kritik an der »mangelnden Geschmeidigkeit« von Finanzminister Nils Schmid: »Wir haben nichts von ihm bekommen, keine einzige Stelle, das war ganz furchtbar.« Honi soit qui mal y pense. In den folgenden Jahren scheint sich das Problem unter grünen Finanzministern mit deutlichen Personalsteigerungen, insbesondere in der Staatskanzlei, gelöst zu haben. Kränze gewunden werden dem auf Murawski folgenden Kanzleichef Florian Stegmann, ohne dessen einigermaßen zweifelhaften Abgang zu kommentieren. Auch ansonsten wurde dem Grundsatz, dass das Land vor der Partei komme, personalpolitisch nicht immer gefolgt, ohne dass die Autorin darauf eingehen würde.
Trotz seiner Wahlerfolge im Lande blieb Kretschmann, obwohl seinerzeit als Bundespräsident im Gespräch, bundespolitischer Einfluss – nicht nur in seiner Partei – verwehrt. Dieses Schicksal teilt er indes mit früheren Generationen von baden-württembergischen Ministerpräsidenten. So scheiterten zuletzt seine Bemühungen um das Amt des Deutsch- Französischen Kulturbevollmächtigten, das noch Lothar Späth und Erwin Teufel innehatten. Auch andere grundsätzlichere politische Fragen – zum Beispiel, warum das Land eher von der Peripherie aus regiert wird – bleiben ausgespart. Allein von Kretschmanns Geburtsort Spaichingen her, wo auch sein Vorgänger Erwin Teufel wirkte, hätte dies nahegelegen.
Ein aufmerksames Lektorat hätte dem Buch mit seiner Fülle interessanter Fakten gutgetan. So findet sich mitten zwischen den guten Kontakten zu Wirtschaftskreisen in Kretschmanns erster Amtszeit und der Landtagswahl 2015 unvermittelt ein Exkurs zu »Cem Özdemir und Manuel Hagel«, der sicher ganz am Ende als Ausblick in die Zukunft gedacht war.
Insgesamt bietet das Buch indes höchst interessante Einblicke in den politischen Betrieb des Landes, ohne aber die Delikatesse von Manfred Zachs Monrepos über die Späth-Jahre erreichen zu wollen.
Claus-Peter Clostermeyer
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