Titelbild eines Buches

Beate Hummel: Täufer in schwäbischen Reichsstädten.

Der Umgang mit religiösen Devianten im 16. Jahrhundert

(Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg; Reihe B, Bd. 238) Thorbecke Verlag, Ostfildern 2025. 370 Seiten. Hardcover 34 €. ISBN 978-3-7995-9604-6

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In ihrer 2021 an der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen (Doktorvater Frank Brendle) eingereichten Dissertation widmet sich Beate Hummel der Täuferbewegung, die im 16. Jahrhundert in den südwestdeutschen Raum vordrang und dort besonders in Württemberg und in den schwäbischen Reichsstädten Fuß fassen konnte.

Was versteht man überhaupt unter dem Sammelbegriff der Täufer? Schon für die Obrigkeiten des 16. Jahrhunderts sei es schwierig gewesen, festzulegen, was einen Täufer kennzeichnete, konstatiert Hummel. Bei allen unterschiedlichen Ausprägungen hätte sie jedoch ein Momentum gemeinsam gehabt: die Ablehnung der Kindertaufe, weshalb sie eine Glaubens- und Bekenntnistaufe im fortgeschrittenen Alter praktizierten. Für die Obrigkeiten wurde somit die Erwachsenentaufe zum Erkennungsmerkmal der Andersgläubigen. Diese wurden mit dem Beinamen »Wiedertäufer« belegt, doch passte diese Bezeichnung allenfalls auf die ersten Generationen, die noch die Kindstaufe empfangen hatten. Die Täufer selbst lehnten die Bezeichnung ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist sie allgemein durch die wertneutrale Bezeichnung Täufer ersetzt worden. Das entsprach nicht zuletzt dem Wunsch der auf die Täuferbewegungen der Reformationszeit zurückgehenden Freikirche der Mennoniten.

Wer mit dem Thema wenig vertraut ist, erhält bereits an dieser Stelle eine lesenswerte Zusammenfassung der Geschichte der Täufer und ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Zugleich werden ihm die Quellenlage und der Aufbau der Arbeit skizziert: »Im Fokus der Analyse stehen: Täufer, Prediger und Ratsobrigkeiten. Diese Leitgruppen werden in Esslingen, Reutlingen, Heilbronn, Schwäbisch Hall und Schwäbisch Gmünd auf verschiedenen Ebenen nach Reichsstädten zuerst separat und thematisch getrennt analysiert, um vergleichend zu einer umfassenden Gesamtbeurteilung der Lage in einem Teil der schwäbischen Reichsstädte zu kommen.« Durch dieses Vorgehen, so konzediert die Autorin, ließen sich Überschneidungen in den Kapiteln zu den drei agierenden Gruppen nicht vermeiden.

Im Hauptteil der Arbeit werden zunächst die Reichsstädte im 16. Jahrhundert dargestellt und ein Überblick über die Gegebenheiten zu Beginn der Reformation geboten. Daran anschließend werden das Aufkommen und die Entwicklung der Täuferbewegung in den einzelnen Städten betrachtet, bevor der Blick von der ersten Leitgruppe, derjenigen der Täufer, zu der zweiten Leitgruppe, der evangelischen Prediger und Theologen, wandert und damit zu der Frage, wie sich die lokalen Reformatoren, unter ihnen der bekannte Johannes Brenz in Schwäbisch Hall, mit den Täufern und deren theologischen Anschauungen auseinandergesetzt haben. Als letzte agierende Gruppe treten die Ratsobrigkeiten in den Fokus der Analyse: Wie haben sie auf die Täufer reagiert, welche Maßnahmen haben sie ergriffen und was waren ihre Beweggründe? An dieser Stelle weitet sich der Blick, indem die lokalen Vorgänge in einen größeren Zusammenhang, nämlich den des Reichsgeschehens gestellt werden. Einen Sonderfall bildet in eben diesem Kontext das Verfahren eines Heilbronner Täufers vor dem Reichskammergericht, den die Autorin als Beleg dafür ansieht, »dass auch Randgruppen einen ordentlichen Prozess auf Reichsebene erhielten« (S. 21).

Die Ergebnisse ihrer Analyse fasst die Autorin auf 15 Seiten zusammen, allerdings abermals getrennt nach den drei Leitgruppen der Täufer, Prediger und Ratsobrigkeiten. Sucht man hinsichtlich der Beziehungen zwischen diesen drei agierenden Gruppen nach einem übergreifenden Fazit, dann besteht dieses wohl in dem Befund, dass mit der Zeit auf lokaler Ebene eine Form der friedlichen Koexistenz praktiziert wurde: Die Täufer blieben zwar religiöse Devianten, aber sie wurden seitens der Räte geduldet, solange sie sich unauffällig verhielten. Als politisches Problem wurden sie nicht mehr wahrgenommen. So spektakulär wie bei den legendären Münsteraner (Wieder-)Täufern ging es in Schwaben nicht zu.

Ludger Syré

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