Titelbild eines Buches

Zwischen Frust und Freude – 50 Jahre Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg

Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (Hrsg.) Verlag Manfred Hennecke, Remshalden 2021. 176 Seiten. Hardcover 19,80 €. ISBN 978-3-948138-07-3

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Zwei Fotos auf dem Buchumschlag versinnbildlichen die Hauptthemenbereiche des Landesnaturschutzverbandes: frisch erschlossenes Bauland an einem Ortsrand und eine im Land selten gewordene Tierart. Einerseits zwingt die fortlaufende Inanspruchnahme von Natur und Landschaft zu mahnenden Stellungnahmen, andererseits ist es vorwiegend dem Engagement Ehrenamtlicher zu verdanken, dass es den abgebildeten Steinkauz in unserem Land noch gibt. »Frust und Freude« ziehen sich durch das ganze Buch, man könnte geradezu die Seiten in zweierlei Farben einfärben, wahrscheinlich wäre im Wechsel ziemlich genau die Hälfte rot und die andere grün.

Die Gründung des Landesnaturschutzverbandes 1971 – anfangs »Aktionsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz« benannt – war ein großer Wurf des weitsichtigen Stuttgarter Bankdirektors und Albvereinsvorsitzenden Dr. Georg Fahrbach. Es gab schon in den Jahren zuvor eine Reihe regionaler Initiativen, deren Bemühungen allerdings eine breite Öffentlichkeitswirkung versagt blieb. Das änderte sich, als dem Umweltschutz in den 1970ern zunehmend Bedeutung zukam (Waldsterben, Atomkraftwerke usw.). Die Festschrift zeigt wie ein Geschichtsbuch auf, wer wann was an Wichtigem in Baden-Württemberg zum Thema Natur- und Umweltschutz gesagt und getan hat. Die Entwicklungen plakativ darzustellen, ist nicht einfach: Können Bauherren Fotos des Geschaffenen publizieren, liegt im Naturschutz der Erfolg oft darin, dass etwas unverändert erhalten werden konnte. Es ist den Autoren dennoch gelungen, das Zeitgeschehen über fünf Jahrzehnte gut zu veranschaulichen.

Einen Interessensverband wie den Landesnaturschutzverband mit vielen individualistisch geprägten Mitgliedern zu führen und zusammenzuhalten, ist eine schwierige Aufgabe. Den Vorsitzenden des Verbandes über die fünf Jahrzehnte und der Arbeit des Vorstandsgremiums sind daher eigene Kapitel gewidmet. Unglaublich, welches Engagement da zutage tritt! Dass auch der – bis heute nicht so recht verständliche – Austritt der beiden großen Verbände BUND und NABU kompensiert werden konnte und keine Schwächung bewirkte, kommt gut zum Ausdruck.

Das Buch ist Bilanz des ehrenamtlichen Naturschutz-Engagements im Land, gründlich recherchiert unter Befragung zahlreicher Zeitzeugen. Manche der Zitate vermitteln den jahrelang ertragenen Frust, andere beschreiben Erfolgserlebnisse, alle aber bezeugen, dass es mit Natur und Landschaft rückwärts geht. Das Buch verdeutlicht die Entwicklungen in Baden-Württemberg, die parallel laufen zu den statistischen Bilanzierungen des Bundesamtes für Naturschutz, welche einen dramatischen Rückgang an Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräumen aufzeigen. Sich vor diesem Hintergrund in der Freizeit jahrein, jahraus für den Schutz und die Pflege von Natur und Landschaft einzusetzen, will schon etwas heißen. Das Buch führt eine Vielzahl von Namen aus dem ganzen Land auf. Zu Wort kommen auch diejenigen, die sich in den Landkreisen engagieren. Den Kontakten der Protagonisten des Landesnaturschutzverbandes mit Landesregierung, Abgeordneten, Verwaltungschefs und Bürgermeistern wird breiter Raum gegeben. Als Leser kommt man schon ins Grübeln, wie es sein kann, dass den Vertretern des LNV bei vielen Tagungen, Besprechungen und Ortsterminen zugesichert wurde, dass dies und jenes getan werde, von dem dann doch vieles im Sand verlief. Bekanntlich ist die heutige Situation im Naturschutz besorgniserregender denn je (Insektensterben usw.) und dürfte auch der Hauptgrund dafür sein, dass den Naturschutzverbänden die junge Generation weitgehend fehlt; junge Leute wollen erfolgreich sein und sich nicht von einer Niederlage zum nächsten Kompromiss hangeln. Greta Thunberg hat den Politikern die Leviten gelesen und (hoffentlich) eine neue Phase des Natur-, Umwelt- und Klimaschutzes eingeläutet. Man darf gespannt sein, ob es die europäische Gesellschaft schafft, ohne konkreten Leidensdruck durch Hochwasser, Stürme und andere Naturgewalten noch rechtzeitig Rahmenbedingungen für ein naturverträgliches Leben zu schaffen. Verbände wie der LNV können nur Mahner sein, agieren müssen die Politik und die Verwaltung.

Der Aufgabenbereich des Landesnaturschutzverbandes ist über all die Jahre gleichgeblieben, nur der Umfang hat zugenommen und die Schwerpunkte haben sich etwas verschoben: Energiesparen, Eindämmung des »Flächenverbrauchs«, Schutz der Artenvielfalt und pfleglicher Umgang mit der Kulturlandschaft sind die Hauptthemen. Dass man heute vor allem unter dem Aspekt »Klimaschutz« tätig ist, ist eigentlich nur eine neue Überschrift für altbekannte Themen. Auch wenn das nachfolgende Zitat nicht aus dem Buch stammt, fühlt man sich beim Lesen immer wieder an den Satz von Hermann Löns aus dem Jahr 1911 erinnert: »Pritzelkram ist der Naturschutz, so wie wir ihn haben. Naturverhunzung dagegen kann man eine geniale Großzügigkeit nicht absprechen. Die Naturverhunzung arbeitet ›en gros‹, der Naturschutz ›en detail‹«.

Dieses Buch sei all denen empfohlen, die sich für Natur- und Umweltschutz interessieren, egal, ob sie aktiv oder »nur« ideelle Unterstützer sind. Der Landesnaturschutzverband ist ein Rädchen im Getriebe des viel beschworenen Fortschritts; gäbe es ihn nicht seit fünf Jahrzehnten, müsste man ihn sofort gründen!

Reinhard Wolf

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