Titelbild eines Buches

Michael Haas: Kritische Masse: Ein Parlamentsroman

Edition Outbird, Gera 2021. 326 Seiten. Paperback 14,90 €. ISBN 978-3-94888-714-8

Titelbild eines Buches

Ein 316 Seiten langer Bericht voller Gift und Galle aus einer fiktiven Stadt namens Sternheim. Sie wird kulturell und geistig in der Provinz verortet. Die Anspielung auf das Logo eines Automobilherstellers und weitere Indizien erlauben Schlüsse. An besagtem Sternheim lässt der Verfasser kein gutes Haar. Den Landtagsbau nennt er eine monströse bauliche Verirrung. Das Personal darin: zynisch, egoistisch, hasserfüllt, fettleibig, alkoholkrank, der Ministerpräsident kauzig und was weiß Gott noch alles. Eine Vertreterin der Presse, Hofjournalistin genannt, ist klebrig.

Wiederholt wird versichert, dass es sich bei dem vorliegenden Stoff um Fiktion handelt. Dennoch lassen sich bei aller Fiktion Verweise auf die Wirklichkeit finden. Beschrieben wird die landespolitische Szene Baden-Württembergs der 2010er-Jahre. Zitat im Vorwort: Es ist die Zeit, als die CDU nicht mehr den Ministerpräsidenten stellt, die Grünen in die Regierungszentrale einziehen, SPD und FDP massiv an Bedeutung verlieren, und mit der AfD die Populisten in der zweiten Hälfte der zweiten Dekade in diesem Jahrhundert in das Parlament gelangen. Der Einzug der Volks-Reformierten Vaterlands-Partei (VRVP), wie diese Partei im Buch genannt wird, habe die arrivierten Parteien bei allem Pathos mit inszenierter Sorge um Demokratie, Parlamentarismus und Wertekanon weniger aus moralischen als vielmehr materiellen Gründen empört, schreibt der Autor selbst (S. 142). Der Kuchenanteil […] im Sternheimer Landtag wurde geringer, heißt es da. Eine Aussage, die von den Arrivierten gern mit einem Strafverweis in die rechte Ecke geahndet wird. Der Autor, das steht aber zweifelsfrei fest, gehört da nicht hinein. Er schreibt unter dem jüdischen Alias David Davidson in der ersten Person und mischt im Sternheimer Landtag eine Zeitlang mit für eine Partei, die er als VDP tarnt. Unter einer Vorgesetzten, die ihre Macht ähnlich schikanös auslebt, wie jener Briefträger bei Remarque, der als Unteroffizier im Roman Im Westen nichts Neues Rekruten schindet, an den sich der Autor bei ihr erinnert fühlt. Sie heißt Tamara Troll und ist ekelhaft in jeder Hinsicht: Kleingeistig, machtversessen, egozentrisch, paranoid. Die Erlebnisse mit ihr sind schier unglaublich. Beim Einchecken vor einer Dienstreise auf einem französischen Flughafen ohne Sprachkenntnisse zum Beispiel. Oder beim Besuch des Präsidenten (wer auch immer damit gemeint ist) im Sternheimer Landtag. Der hohe Gast gerät, weil sie sich fotogen in Szene setzen will, ihretwegen ins Straucheln und geht zu Boden. Insider mögen sich auf die Schenkel klopfen und ein Déjà-vu nach dem anderen haben. Außenstehende dürfen hoffen, dass der Autor mittels Fantasie viel konstruiert hat. Wie auch immer: Er lässt uns teilhaben am politischen Betrieb, legt seine Mechanismen offen, zerpflückt vermeintliche Charaktere, beschreibt Landespressekonferenzen als Veranstaltungen multimedialen Scheiterns in einer analogen Welt, die sich zu überleben beginnt. Weil im richtigen Leben unter 20-Jährige weder Fernsehen schauen noch Tageszeitungen lesen mögen. Er seziert das Privatleben von Politikern und den ihnen zuarbeitenden Ministerialbeamten, die mit besorgten Mienen durch die Flure eilen und den Apparat am Laufen halten. Ein Apparat übrigens, der nahezu keine Funktion hat, jedoch hunderte von Millionen an Steuergeldern vertilgt, nur um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Eine Parabel, ein Sittengemälde nennt der Autor seinen Lesestoff. An anderer Stelle einen Zeitroman. Wohl auch nicht ganz daneben sind Bezeichnungen wie Schlüsselroman oder Enthüllungsroman. Michael Haas wäre nicht der erste, der nach seinem Ausstieg den Kropf leert. Das haben andere vor ihm schon getan. Etwa der Ministerialrat Ralf Jandl, der 27 Jahre lang im Staatsministerium und im Wissenschaftsministerium verbrachte und in seinem Buch Der wahre Jakob im Jahr 2001 unter dem Pseudonym Karl Napf ein wundersames Leben und exotische Anekdoten aus dem Politikbetrieb preisgab. Oder vor ihm Manfred Zach, mit dem Roman Monrepos oder die Kälte der Macht, in dem er schreibt, was hinter der Vorderseite der Demokratie geschieht.

Mit dem Buchtitel holt sich Haas Anleihen bei anderen Autoren. Er bezieht sich nicht auf die Kernphysik und die Kerntechnik, wo dieser Terminus auch existiert, sondern eher auf die Spieltheorie, die besagt, dass nicht eine ganze Gruppe von einer bestimmten Strategie überzeugt werden muss, sondern dass es ausreicht, nur eine bestimmte Zahl von Teilnehmern zu überzeugen. Ist dieser Schwellenwert überschritten, die kritische Masse also erreicht, wird sich diese Strategie selbsttragend durchsetzen. Auf S. 18 schreibt er: Die heute entrechtete Masse ist keine Klasse, sondern ein bisweilen heterogenes, bisweilen amorphes Gefüge frustrierter Singularitäten. An ein politisch geeintes Kollektiv ist so wenig zu denken, wie an eine ›Kritische Masse‹, die gegen ihre Ausbeuter agitiert. Das nun liest sich revolutionärer als es der Autor im Herzen wohl ist. In Wirklichkeit gefällt er sich, nicht im religiösen Sinn, als Universalist. Sein Buch gleicht einer umfassenden Tour d’Horizon, die neben romanhaften Alltagsepisoden auch historische, philosophische, literarische, kunstgeschichtliche und politische Reflexionen beinhaltet. Von den absoluten Herrschern des Barock bis Donald Trump. Von Horaz bis Montaigne. Machiavelli sowieso. Und dazwischen auch lebenstüchtige Kniffe. Etwa, wie sich Nasenbluten mit geschwinder Akupressur stoppen lässt. Kein Wunder, dass das Buch, das in einem handlichen Format daherkommt, dadurch anschwillt, was wiederum dem Buchrücken nicht guttut, weshalb der schnell aus dem Leim geht. So wirkt das Werk fast wie ein lieblos gemachter Schmöker, der mit 14,90 nicht unterbezahlt ist. Es sei weder Retro noch Tagebuch, schreibt der Autor an anderer Stelle. Natürlich ist es dem Leser oder der Leserin überlassen, was er oder sie für wahr hält oder für frei erfunden. Manch einer oder eine mag es als Generalabrechnung verstehen.

Falls es so wäre, möchte man dem Autor Michael Haas anraten, sich statt des Pseudonyms David Davidson (den Namen gibt es in Wirklichkeit nämlich mehrfach) des Alias Michael Hass zu bedienen. Denn das Buch scheint cum iram verfasst worden zu sein. Zu hoffen bleibt dennoch, dass der Erzähler sehr übertrieben hat. Man möchte über manchen Slapstick lachen, tut es dann aber doch nicht so richtig, weil bei der Ahnung, dass es geschilderte Wahrheit sein könnte, einem das Lachen vergeht. Und: Sorge bereitet die Vorstellung, David Davidson könnte untertrieben haben.

PS: die Kantinen-Küche im Sternheimer Landtag ist offenbar nicht zu empfehlen.

Reinhold Fülle

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